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Blick nach Brasilien

Das Gastland der Frankfurter Buchmesse ist ein Forschungsschwerpunkt an der Freien Universität / campus.leben im Gespräch mit Professorin Susanne Klengel vom Lateinamerika-Institut

09.10.2013

Miniatur aus Ziegeln und Recycling: Jugendliche aus den Favelas Rio de Janeiros bauten ihr Viertel nach. Literatur und Kunst der Favelas sind ein wichtiger Teil der brasilianischen Kulturszene (Morrinho-Projekt, Biennale Venedig, 2007)
Miniatur aus Ziegeln und Recycling: Jugendliche aus den Favelas Rio de Janeiros bauten ihr Viertel nach. Literatur und Kunst der Favelas sind ein wichtiger Teil der brasilianischen Kulturszene (Morrinho-Projekt, Biennale Venedig, 2007) Bildquelle: Susanne Klengel
Susanne Klengel ist Professorin für die Literaturen und Kulturen Lateinamerikas an der Freien Universität Berlin.
Susanne Klengel ist Professorin für die Literaturen und Kulturen Lateinamerikas an der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Stephan Töpper

Mit Brasilien als Gastland der gerade eröffneten Frankfurter Buchmesse rückt die Literatur des lateinamerikanischen Landes in den Blick. Warum wir in Deutschland so wenig über brasilianische Literatur wissen, warum Brasilien ein starker Partner für die Freie Universität in der Wissenschaft ist und welche Bücher man unbedingt lesen sollte, weiß Susanne Klengel. Die Romanistin ist Professorin an der Freien Universität für die Literaturen und Kulturen Lateinamerikas und Wissenschaftlerin am 2010 gegründeten und am Lateinamerika-Institut der Freien Universität angesiedelten Forschungszentrum Brasilien.

Frau Professorin Klengel, Brasilien ist der größte Buchmarkt Lateinamerikas und der neuntgrößte der Welt – warum weiß man in Deutschland trotzdem so wenig über brasilianische Literatur und kennt nur wenige Autoren?

Brasiliens Literatur stand immer im Schatten der hispanoamerikanischen Literatur. In den sechziger Jahren haben sich einige Verlage und Zeitschriften in den spanischsprachigen Ländern Lateinamerikas zusammengetan, um ihre Autoren zu lancieren – die dadurch schnell international bekannt wurden. Das führte zu einem richtigen Boom, seitdem kennt man Namen wie García Márquez, Julio Cortázar, Vargas Llosa. Der „magische Realismus“, der diesen Autoren und späteren Generationen als Etikett angeheftet worden ist, war auch ein enormes Verkaufsetikett. So etwas gab es in Brasilien nicht.

Liegt es also nur am schlechten Marketing?

Es gibt noch einen anderen Grund: Andere Kunstformen aus Brasilien wurden lange Zeit stärker wahrgenommen als die Literatur: die Musik und der Film. Bossa Nova und Samba waren immer bekannt, auch die Filme von Glauber Rocha. Da stand die Literatur ein bisschen im Schatten. An großen Vermittlern der brasilianischen Literatur in den deutschen Raum hat es jedenfalls nicht gefehlt. Ray-Güde Mertin etwa hat hier ungeheuer viel getan, und heute ist vor allem Michi Strausfeld sehr um die Vermittlung brasilianischer Literatur bemüht.

Welche brasilianischen Autoren kennt man in Deutschland?

Vor allem wahrscheinlich Paulo Coelho, dessen Werke wir Literaturwissenschaftler unter die Bestseller- und Populärliteratur zählen. Dann gibt es Jorge Amado, der viel übersetzt worden ist und zu den meistübersetzten und -gelesenen Autoren aus Lateinamerika gilt. Clarice Lispector – eine Autorin, die ich sehr schätze – ist in den achtzigerJahren von feministischen Literaturwissenschaftlerinnen entdeckt worden.

Tatsächlich sind die großen Klassiker der brasilianischen Literatur in Deutschland relativ unbekannt. Eine wichtige Rolle gespielt hat etwa Euclides da Cunha, ein Autor des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Sein bekanntestes Werk Krieg im Sertão gehört zur Gründungsliteratur der brasilianischen Identität. Übersetzt hat es übrigens Berthold Zilly, früher akademischer Rat und Dozent für Brasilianische Literatur am Lateinamerika-Institut der Freien Universität. Zilly hat dieses komplexe große Werk für die Buchmesse 1994 ins Deutsche übertragen, damals war Brasilien zum ersten Mal Gastland. Im Moment arbeitet er an einer Neuübersetzung des zweiten großen Werks der brasilianischen Literatur des 20. Jahrhunderts, Grande Sertão: Veredas von João Guimarães Rosa.

Was macht die brasilianische Literatur aus, was unterscheidet sie von der anderer lateinamerikanischer Länder?

Sie ist schon geografisch gesehen ausgesprochen vielstimmig und thematisch höchst unterschiedlich: Wir finden beispielsweise im Süden jüdische Autoren und Nachfahren der verschiedenen Einwanderergruppen, es gibt literarische Stimmen aus dem Amazonasgebiet, aus dem Nordosten, und natürlich aus den großen Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo. Und das alles innerhalb einer Nation. Die hispanoamerikanische Literatur stammt aus vielen verschiedenen Ländern und hat es eigenartigerweise trotzdem geschafft, einheitlicher wahrgenommen zu werden als die brasilianische Literatur.

Nicht nur bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, auch an der Freien Universität gibt es einen Brasilien-Schwerpunkt: Vor drei Jahren wurde das Forschungszentrum Brasilien am Lateinamerika-Institut gegründet, ebenso lange gibt es ein Verbindungsbüro in São Paulo – warum spielt Brasilien für die Freie Universität eine wichtige Rolle?

Die Großregionen dieser Welt spielen an der Freien Universität eine wichtige Rolle. In den sogenannten Area Studies sind wir stark. Brasilien ist ein Land mit großen Problemen, mit großer sozialer Ungleichheit, aber auch eines, das in der heutigen Welt politisch, wirtschaftlich und wissenschaftlich mitspricht. Am Forschungszentrum Brasilien bündeln wir die Aktivitäten aus den sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen unseres Lateinamerika-Instituts. Für uns ist Brasilien längst ein wichtiger Partner mit gut ausgestatteten akademischen Einrichtungen, die auf hohem Niveau arbeiten. Es gibt einen regen Austausch zwischen Wissenschaftlern und Studenten auf beiden Seiten. Am Forschungszentrum Brasilien ist die DAAD-Gastprofessur „Sérgio Buarque de Holanda“ angesiedelt, die wir gerade zum dritten Mal besetzen: In diesem Semester hat sie der Literaturwissenschaftler Professor Gunter Karl Pressler von der Universida de Federal do Pará (UFPA) in Belém inne – ein gebürtiger Deutscher, der seit 30 Jahren in Brasilien lebt und arbeitet.

Dass das Verbindungsbüro der Freien Universität für Lateinamerika in São Paulo eingerichtet worden ist, war eine gute Entscheidung. Es zeigt die Wertschätzung für die wissenschaftliche Arbeit in dem Land. Die Leiterin des Büros, Christina Peters, ist sehr aktiv und stärkt die Vernetzung der Freien Universität Berlin mit lateinamerikanischen wissenschaftlichen Einrichtungen.

Haben Sie Lese-Tipps? Welche Bücher brasilianischer Autoren würden Sie empfehlen?

Von Andrea del Fuego Geschwister des Wassers, von Paulo Scott Unwirkliche Bewohner, und dann die jüdisch-brasilianischen Autoren Moacyr Scliar und Bernardo Kucinski. Das ist aber nur eine kleine Auswahl.

Die Fragen stellte Christine Boldt

Weitere Informationen

Veranstaltungen zu brasilianischer Literatur und Kultur