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Dokumente des Grauens

80 Jahre nach der Zerschlagung: Multimedia-Portal dokumentiert das Schicksal von Gewerkschaftern im Nationalsozialismus

05.04.2013

Verfolgung politischer Gegner von 1933 bis1939: Besetzung des Gewerkschaftshauses am Engelufer in Berlin durch die SA am 2. Mai 1933.
Verfolgung politischer Gegner von 1933 bis1939: Besetzung des Gewerkschaftshauses am Engelufer in Berlin durch die SA am 2. Mai 1933. Bildquelle: ullstein bild
„Verband der deutschen Buchdrucker“ steht immer noch in blassgelben Lettern am Haus in der Dudenstraße 16, gleich beim Platz der Luftbrücke. Eine Tafel erinnert hier auch an den Architekten Max Taut. Nichts aber mahnt an die dramatischen Ereignisse vom 2. Mai 1933, als die Nationalsozialisten den Verband wie all die anderen freien Gewerkschaften zerschlugen. Viele Gewerkschafter kamen ins Gefängnis. Überall in Berlin gibt es solche Orte der Erinnerung – nur erinnert sich bisher kaum jemand daran. Ein multimediales Online-Portal von Studierenden der Freien Universität Berlin macht diese Orte jetzt sichtbar. Das Portal ist auch für Tablet-Computer geeignet.

Noch am 1. Mai 1933, dem Tag der Arbeit, hatten die Nationalsozialisten den Gewerkschaftern Einigkeit vorgegaukelt. Nur einen Tag später stürmten SA-Angehörige sämtliche Gewerkschaftshäuser – es war der Beginn der völligen Gleichschaltung der Gesellschaft. Viele frühere Funktionäre wurden in Konzentrationslagern interniert, etwa in dem SA-Gefängnis Papestraße, heute Werner-Voß-Damm 54 a, nicht weit entfernt vom S-Bahnhof Südkreuz. Mehr als 2.000 Menschen wurden in den Kellerräumen gefangen gehalten und gefoltert. Darüber, wie es dort zuging, ist nun online zu erfahren. Das Multimedia-Portal enthält ein Tondokument mit Erinnerungen des Gewerkschaftssekretärs Ludwig Küchel. Er berichtet davon, wie er mit Hunderten anderer sogenannter Antifaschisten zusammengepfercht wurde und davon, dass Blut und Haare an den Wänden klebten und ständig Schreie zu hören waren. Er musste wie die anderen Gefangenen stundenlang auf dem Zementboden knien, jeden Abend wurden sie von den Aufsehern mit Gummiknüppeln verprügelt.

80. Jahrestag der Zerschlagung

„Viele Gewerkschafter wurden Opfer der Nazis, das ist aber immer noch nicht weithin bekannt“, sagt Professor Martin Lücke vom Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, der das Multimedia-Portal in einem Seminar mit Studierenden erarbeitet hat. Seit Ende März ist es nun online. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Am 2. Mai 2013 jährt sich die Zerschlagung der Gewerkschaften, die mit der Erstürmung der Gewerkschaftshäuser und Ermordung zahlreicher Gewerkschaftsfunktionäre begann, zum 80. Mal. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat deshalb die Freie Universität  Berlin mit dem Projekt beauftragt. „Wir finden es toll, dass das junge Menschen erarbeitet haben, die selbst noch im Lernprozess sind“, sagt Dieter Pougin vom DGB. „Mit dem Ergebnis sind wir sehr zufrieden.“

Gewerkschaften waren kulturelles Bindeglied

Kernstück der Internetseite ist eine Karte mit vielen blauen Fähnchen. Mehr als 50 Orte in Berlin sind so markiert. Da ist zum Beispiel die Hufeisensiedlung der Bauhaus-Architekten Bruno Taut und Martin Wagner im Süden Neuköllns – eine der ersten Großsiedlungen der Weimarer Republik. Der Bau wurde durch Gewerkschaften ermöglicht. Sie ist damit auch Beweis für die kulturelle Vielfalt, die mit der Zerschlagung für immer zerstört wurde. „Die Gewerkschaften waren damals ein kulturelles Bindeglied der Gesellschaft“, sagt Martin Lücke. „So gab es viel genossenschaftlichen Wohnungsbau, da wurde nicht selten auch sehr innovative Architektur errichtet.“ Kein Wunder, dass die Hufeisensiedlung seit 2008 zum Weltkulturerbe der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur – kurz UNESCO – zählt.

Dicht an dicht und in dicke Mäntel gehüllt, standen die Menschen beim Richtfest Modell für den Fotografen. Auch diese Momentaufnahme aus den Archiven der Akademie der Künste ist im Online-Portal zu sehen. Möglich ist beispielsweise auch ein Blick in eine typische Arbeiterküche, die Besucher können durch die verschiedenen Straßen der historischen Siedlung schlendern. Eine Luftaufnahme zeigt, dass 1930/31 wenige Straßen dahinter bereits das Brachland begann. „Durch die neuen Medien ist die Geschichte noch besser zugänglich geworden“, sagt Dieter Pougin. Auch andere Städte interessieren sich deshalb für ein Online-Portal, wie es die Freie Universität Berlin erstellt hat. „In Duisburg zum Beispiel gibt es bald ein ähnliches Portal.“

"Tag auf dem Fichteplatz"

Um all die Fotos, Briefe und Tondokumente zu finden, mussten sich die Studierenden selbst durch die Archive graben. „Zum Teil war das richtig abenteuerlich“, erzählt Stefanie Kosmalski, die mit vier Kommilitoninnen den harten Kern bildete. „Ein Foto haben wir erst über Umwege aus einem Archiv in Moskau erhalten.“ Schwierig war es auch, Quellen zu Gewerkschafterinnen zu finden. „In der ersten Riege waren kaum Frauen“, sagt Lücke. „Aber sie spielten eine große Rolle im kulturellen Leben der Gewerkschaften.“ Zum Beispiel für den Sport. Der Turnverein Fichte etwa entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zum größten Arbeitersportverein Deutschlands. Kurz bevor ihn die Nationalsozialisten auflösten, waren hier mehr als 8.400 Mitglieder aktiv – sie spielten Fußball und Tennis, schwammen und trieben Leichtathletik. Dass es bei den Turnern durchaus fröhlich zuging, erfahren die Nutzer des Portals in einem fünfminütigen Tondokument. Sie folgen dem Gewerkschafter Otto Giese an einem „Tag auf dem Fichteplatz“: Bei Frühstücksstullen und Brause wurde „kräftig hineingehauen“. Die Kinder vergnügten sich bei Ballspielen, die Männer sonnten sich mit freiem Oberkörper. Es wurde gesungen, Tamburin oder Mandoline gespielt. Das Schöne war, so erinnert sich Otto Giese, „sich zwang- und korsettlos bewegen zu können“.

Bewegend: Abschiedsbrief Wilhelm Leuschners

Das Multimedia-Portal bleibt nah an den Menschen von damals. Etwa am wohl bekanntesten Berliner Gewerkschafter, Wilhelm Leuschner. „Er ist der Held der Gewerkschaften“, sagt Historiker Lücke. Als einer der Hitler-Attentäter wurde er 1944 von den Nationalsozialisten ermordet. Auf der Internetseite ist der Abschiedsbrief an seinen Sohn zu lesen:

„Mein lieber guter Wilhelm!

Leb wohl. Haltet zusammen. Baut alles wieder auf.
Grüße Leni und Beate und das kommende Enkelchen herzlichst von mir.
Sorgt für Mutter. Grüße alle Freunde und Bekannten.
Herzliche Grüße und Küsse

Dein Papa.“