Die Stimmen der Minderheiten brachten Obama die Mehrheit

Wahlparty am John-F.-Kennedy-Institut / campus.leben im Gespräch mit zwei amerikanischen Politikwissenschaftlern

07.11.2012

Klarer Wahlsieg: Barack Obama ist alter und neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Foto zeigt den Demokraten im Wahlkampfendspurt Ende Oktober in Tampa, Florida.
Klarer Wahlsieg: Barack Obama ist alter und neuer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Das Foto zeigt den Demokraten im Wahlkampfendspurt Ende Oktober in Tampa, Florida. Bildquelle: Jeremiason for Obama for America / flickr.com
Studierende des John-F.-Kennedy-Instituts haben die Wahlparty organisiert. Nach der langen Nacht gab es ab 7 Uhr ein großes Pancake-Frühstück in der Cafeteria.
Studierende des John-F.-Kennedy-Instituts haben die Wahlparty organisiert. Nach der langen Nacht gab es ab 7 Uhr ein großes Pancake-Frühstück in der Cafeteria. Bildquelle: JFKI / Freie Universität Berlin
Fähnchenbasteln für die lange Wahlnacht. Anlässlich der Party fand auch eine Panel-Diskussion statt, an der sich neben Prof. Dr. Irwin Collier und Prof. Dr. Christian Lammert auch Doktoranden und Studierende des JFKI beteiligten.
Fähnchenbasteln für die lange Wahlnacht. Anlässlich der Party fand auch eine Panel-Diskussion statt, an der sich neben Prof. Dr. Irwin Collier und Prof. Dr. Christian Lammert auch Doktoranden und Studierende des JFKI beteiligten. Bildquelle: JFKI / Freie Universität Berlin
Die Politikwissenschaftlerin Lora Anne Viola ist Juniorprofessorin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin.
Die Politikwissenschaftlerin Lora Anne Viola ist Juniorprofessorin am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Mike Minehan
Mark Cassell, Politikprofessor an der Kent State University in Ohio und ehemaliger Stipendiat des Berlin Program.
Mark Cassell, Politikprofessor an der Kent State University in Ohio und ehemaliger Stipendiat des Berlin Program. Bildquelle: Privat
Am John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität war die Sache schnell klar: Die mehr als 100 Studierenden, die auf der von der Fachschaftsinitiative organisierten Wahlparty die ganze Nacht der Entscheidung entgegenfieberten, hatten sich in einer institutsinternen Wahl längst mit großem Abstand für Obama ausgesprochen, als das offizielle Ergebnis aus den USA eintraf. Wer den Amtsinhaber gewählt hat und wer nicht, was es mit dem orakelhaften swing state Ohio auf sich hat, und welche Folgen die Wahlentscheidung für Deutschland hat – darüber sprach campus.leben mit Lora Anne Viola, Juniorprofessorin an der Freien Universität Berlin, und Mark Cassell, Politikprofessor an der Kent State University in Ohio, der von 1995-1996 als Stipendiat des Berlin Program zu Gast an der Freien Universität war.

Frau Professorin Viola, wodurch wurde die Wahl letzten Endes entschieden?

Lora Anne Viola: Obama konnte vor allem die Stimmen der Minderheiten und von Frauen gewinnen: 93 Prozent der schwarzen Wähler stimmten für ihn, 71 Prozent der Latinos und 73 Prozent der asiatischen US-Amerikaner. In Ohio und den anderen swing states (Staaten mit unvorhersehbarem Ausgang, d. Red.) hat er große Unterstützung durch weibliche Wähler bekommen.

Welche Wählergruppen konnte Obama außerdem für sich gewinnen?

Junge Menschen. Die unter 45-Jährigen haben mehrheitlich für Obama gestimmt. Das war schon 2008 so, aber es war nicht sicher, ob es auch diesmal so sein würde. Außerdem haben Wählerinnen und Wähler, deren Jahreseinkommen unter 50 000 Dollar (rund 39 100 Euro, d. Red.) liegt, für Obama gestimmt.

Wo hat Obama Stimmen verloren?

Bei weißen Männern. Sie haben eher für Romney gestimmt, vermutlich weil er aus ihrer Sicht  Managerqualitäten ausstrahlt. Ihm trauten sie eher als Obama zu, Arbeitsplätze zu schaffen und die Wirtschaft anzukurbeln. Von Obamas Wirtschaftspolitik waren sie enttäuscht.

Herr Professor Cassell, welche Themen haben die Wahl entschieden?

Mark Cassell: Die Wahl wurde von wirtschaftlichen Themen dominiert. Besonders entscheidend waren die unterschiedlichen ökonomischen Standpunkte: Obama hat in erster Linie dafür argumentiert, in  Unternehmen und den Mittelstand zu investieren, das Gesundheitswesen zu verbessern und die Steuern für Wohlhabende zu erhöhen. Romney hingegen vertrat die Meinung, dass die Liberalisierung und Öffnung der Märkte sowie Steuersenkungen auf der ganzen Linie die richtigen Antworten seien.

Auch diesmal ließ sich an Ohio das Wahlergebnis für das ganze Land ablesen – was hat Ohio, was andere Bundesstaaten nicht haben?

Ohio ist eine Art Mikrokosmos: Die Bevölkerung dieses Bundesstaates setzt sich politisch und sozial ähnlich zusammen wie die im Rest des Landes. Das heißt, wenn ein Kandidat in Ohio erfolgreich ist, macht er vermutlich auch für ganz Amerika einiges richtig. Dazu kommt, dass die meisten Staaten eine Tendenz haben, entweder demokratisch oder republikanisch zu stimmen. Das ist in Ohio nicht so, deshalb können die 18 Wahlmännerstimmen erhebliche Auswirkung haben.

Wie haben die Medien auf die Wählerentscheidung reagiert?

Die Medien haben ganz klar auf ein Wettrennen gesetzt. Je enger, desto besser für die Quoten. Ich vermute, dass die Medien vom Wahlausgang dann überrascht waren.

Wie unterscheidet sich die Situation heute von der vor vier Jahren?

Als Obama 2008 zum ersten Mal gewählt wurde, befand sich das Land – und die ganze Welt – in wirtschaftlicher Unsicherheit. Dank der relativ stabilen Ökonomie heute, denke ich, dass Obama in den kommenden vier Jahren auch wirtschaftlich erfolgreicher sein wird. Zuversichtlich bin ich außerdem, dass den Regierungsorganen mehr Vertrauen entgegengebracht werden wird. 

Wie kann es Obama gelingen, die Amerikaner hinter sich zu vereinen?

Alle Amerikaner hinter sich zu vereinen, schafft kein Präsident. Es unterstützen ja auch nicht alle Deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ich gehe aber davon aus, dass die Republikaner im Kongress guten Willen und Kompromissbereitschaft zeigen werden.

Welche Auswirkungen hat die Wahlentscheidung für Deutschland?

Ich denke, dass sie positiv für Deutschland ist. Obamas Politik wird den Mittelstand stärken, und dieser wird Geld in deutsche Produkte investieren. Die deutsche Bevölkerung und die Politik werden eine amerikanische Regierung schätzen, die beständig ist und reflektiert handelt, wie sie es versprochen hat. Obamas Außenpolitik ist in jeder Hinsicht stark gewesen. Und die USA wollen, dass die Europäer die Finanzkrise überwinden.

Die Fragen stellen Melanie Hansen und Christine Boldt