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Gefährlichen Viren auf der Spur

Internationale Tagung zur Marekschen Krankheit und Vogel-Herpesviren an der Freien Universität

27.06.2012

Schon ein krankes Tier kann eine Katastrophe auslösen. Trotz hoher Hygienestandards sind vor allem moderne Mastanlagen anfällig für Tierseuchen.
Schon ein krankes Tier kann eine Katastrophe auslösen. Trotz hoher Hygienestandards sind vor allem moderne Mastanlagen anfällig für Tierseuchen. Bildquelle: sioda / www.morguefile.com

Ein moderner Hühnerstall gleicht dem OP-Bereich eines Großklinikums: Wer die Ställe betreten möchte, muss durch eine Keimschleuse: Overall und Schuhüberzieher sind Pflicht. Bis zu 40.000 Tiere werden in den Großanlagen aufgezogen und nach fünf Wochen abtransportiert – dann sind sie schwer genug, um geschlachtet zu werden.

Betritt der Besucher den Stall, stockt ihm zunächst der Atem: 32 Grad Celsius und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit ist das optimale Klima für die jungen Tiere – aber auch für Pilze, Bakterien und Viren. Ein schlampig gereinigter Transporter, eine vergessene Impfung, ein nicht ordnungsgemäß desinfizierter Stall – schon ein krankes Tier kann eine Katastrophe auslösen.

„Die modernen Mastanlagen sind anfällig für Tierseuchen: Die hohen Hygienestandards verhindern zwar in der Regel den Ausbruch von Krankheiten, aber sie führen auch dazu, dass in den Ställen nur die anpassungsfähigsten Keime überleben – und das sind die, die gegen gängige Antibiotika und Impfstoffe resistent werden können“, sagt Professor Benedikt Kaufer vom Institut für Virologie der Freien Universität. „Kaum hat die Forschung neue Medikamente entwickelt, muss sie nach neuen Wegen suchen, weil die Erreger mutieren und irgendwann resistent sind.“

Gemeinsam mit seinem Institutskollegen Professor Klaus Osterrieder hat Kaufer das 9. Internationale Treffen zur Marekschen Krankheit und Vogel- Herpesviren organisiert, das derzeit in Berlin stattfindet. 120 Virologen, Veterinärmediziner, Pharmazeuten, Spezialisten für veterinärmedizininische Epidemiologie und Biologen aus allen Erdteilen tauschen noch bis zum 28. Juni ihre Forschungsergebnisse aus, beraten über neue Strategien im Kampf gegen  Tierseuchen und knüpfen Kontakte.

Im Mittelpunkt der Tagung steht das Hühner-Herpesvirus 2, das die sogenannte Mareksche Krankheit bei Hühnern auslöst: Die Viren verbreiten sich über den Federstaub der Tiere. Atmet ein gesundes Huhn das Virus ein, nistet es sich zunächst in der Lunge ein, befällt später Milz und Nieren und schließlich die Nerven. Die Tiere kämpfen mit Lähmungserscheinungen, und es bilden sich regelmäßig Tumore in den Eingeweiden.

„Ist die Krankheit bei einem Tier ausgebrochen, breitet sie sich extrem schnell aus. Deshalb werden in Deutschland alle Küken geimpft“, sagt Osterrieder. Allein in Deutschland müssen jährlich alle Legehennen, in vielen Teilen der Welt auch alle Masthähnchen geimpft werden.

In Polen gab es 2011 dennoch 29 Ausbrüche, und auch in Deutschland kann die Krankheit jederzeit wieder auftauchen: „Wir arbeiten mittlerweile mit der dritten Generation von Impfstoffen – es ist gut möglich, dass es bald Varianten des Virus gibt, denen auch die heute verfügbaren Impfstoffe nichts mehr anhaben können.“

Deshalb untersuchen Forscher weltweit, wie sich die Herpesviren verhalten: Was passiert, wenn eine Zelle infiziert wird? Wie verändert sie sich? Wie reagiert das Immunsystem, und wie verläuft die Infektion? „Nur wenn wir den Verlauf der Krankheit vollständig verstehen, können wir gezielt nach Angriffspunkten suchen, mit denen wir das Virus stoppen können“, sagt Kaufer.

Dass sich die Forscher in Berlin so intensiv mit der Tierkrankheit befassen, könnte sich irgendwann auch für die Humanmedizin auszahlen: Auch beim Menschen werden einige Tumor-Erkrankungen durch Viren hervorgerufen – am bekanntesten sind einige Vertreter der humanen Papillomviren, die den Gebärmutterhalskrebs auslösen können.

Derzeit setzen viele Forschergruppen Mäuse ein, um Viren zu erforschen, die für den Menschen gefährlich sein können. Doch die Ergebnisse dieser Untersuchungen, sagt Kaufer, seien nicht ohne weiteres auf den Menschen übertragbar. Die Vogel-Herpesviren böten eine besondere Chance: „Mit ihnen haben wir ein natürliches Virus-Wirt-Modell. In einigen Fällen lassen sich Erkenntnisse aus unserer Forschung hoffentlich auf die Humanmedizin übertragen.“