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„Bessere Hygiene bei Tierhaltung und Schlachtung nötig“

Multiresistente Keime im Stall und in der Nahrung: ein Gespräch mit Professor Uwe Rösler, Direktor des Instituts für Tier- und Umwelthygiene der Freien Universität

12.06.2012

Schweinerei: Ferkel, die frisch in den Stall kommen und noch MRSA-frei sind, müssen sich sofort mit den Keimen auseinandersetzen, da in 60 Prozent aller konventionellen Mastbetriebe MRSA nachgewiesen wurde.
Schweinerei: Ferkel, die frisch in den Stall kommen und noch MRSA-frei sind, müssen sich sofort mit den Keimen auseinandersetzen, da in 60 Prozent aller konventionellen Mastbetriebe MRSA nachgewiesen wurde. Bildquelle: Sabrina Wendling

Multiresistente Keime gelten bisher als kaum besiegbar. Gegen Bakterien vom Typ Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus (MRSA) oder gegen Darmkeime, die sogenannte Extended Spectrum Beta-Laktamasen (ESBL) produzieren, sind Antibiotika meist machtlos. Diese Keime sind längst kein reines Krankenhaus-Phänomen mehr: In einer Studie stellten Veterinärmdiziner der Freien Universität Berlin und der Tierärztlichen Hochschule Hannover fest, dass sie auch in der Tiermast, in Fleisch und Gemüse häufiger vorkommen, als dem Verbraucher lieb sein kann.

Campus.leben sprach mit Professor Uwe Rösler, Direktor des Instituts für Tier- und Umwelthygiene der Freien Universität, darüber, welche Herausforderungen multiresistente Keime für die Lebensmittelproduktion bedeuten.

Herr Professor Rösler, wo kommt es bei der Produktion von tierischen Lebensmitteln besonders häufig zu einer Kontamination mit Keimen?

Es gibt zwei Punkte, die besonders kritisch sind. Zum Beispiel weiß man, dass die Reinigung von Großställen in der Massentierhaltung, speziell bei der Schweinehaltung, nicht immer so effizient ist, wie das wünschenswert wäre. Auch wenn man alle Schweine aus einem Stall entfernt, ihn anschließend reinigt und desinfiziert, ist es oft nicht möglich ihn gänzlich MRSA-frei zu bekommen. Das ist natürlich problematisch, weil Ferkel, die frisch in den Stall kommen und noch MRSA-frei sind, sich dann dort sofort mit den Keimen auseinandersetzen. Beim Geflügel ist das größte Problem, dass die Küken schon mit resistenten ESBL-Keimen in den Stall kommen. Bei Geflügel müsste man daher auch die Zucht genauer kontrollieren.

MRSA-Keime in bis zu 60 Prozent aller konventionellen Schweinemast-Betrieben, ESBL in fast allen Geflügelmastbetrieben – das sind nur einige der aufrüttelnden Zahlen, die Sie in Ihrer Studie vorlegen. Wie haben die ökologischen Erzeugerbetriebe der Tierzucht in der Studie abgeschnitten?

Auch in der ökologischen Tierhaltung sind diese Keime zu finden. Zwar etwa nur halb so häufig wie bei der konventionellen Tierhaltung, aber auch diese Ställe sind nicht völlig frei davon. Außerdem zeigte sich bei den Untersuchungen, dass es bei großen Tierhaltungen  - egal ob Mastgeflügel, Puten oder Schweinen – auch zur Verbreitung des MRSA kommt. Die Keime gelangen über die Exkremente, aber auch über die Luft aus dem Stall. In bis zu 500 Metern Entfernung vom Stall konnten wir noch MRSA nachweisen.

Wie können sich die Keime in Öko-Betrieben ausbreiten?

„Bio" oder „erzeugt nach EU-Öko-Verordnung“ bedeutet ja nicht „antibiotikafrei“. Ein Beispiel: Auch ein Schwein, das auf einem Bio-Hof gemästet wird, darf in seinem Leben ein Mal über eine komplette Behandlungsperiode, also bis zu fünf Tagen, mehrmals täglich mit Antibiotika behandelt werden, wenn es krank ist. Das bedeutet auch in diesem Stall einen Selektionsvorteil für die resistenten Keime, die vorher eventuell über zugekaufte Zuchttiere oder kontaminierte Zuluft in den Bestand gelangten.

Welche Themen werden im Zusammenhang mit der veröffentlichten Studie besonders intensiv diskutiert?

Zu MRSA ist schon recht viel bekannt. Die wahrscheinlich bedeutend größere Problematik für die Humangesundheit sind allerdings ESBL-Keime, denn diese Keime werden über das Lebensmittel aufgenommen. Die Daten, die zur ESBL-Verbreitung präsentiert wurden, sind neu – und geben durchaus Anlass zur Sorge. Zum Beispiel waren alle bisher untersuchten Hähnchenmastbetriebe positiv. Als Teil des Forschungsverbundes RESET, der sich mit Resistenzen bei Tier und Mensch beschäftigt, wird uns ESBL deshalb noch lange beschäftigen. Aktuell arbeiten wir zum Beispiel daran, die Wirksamkeit von Desinfektionsmaßnahmen, Antibiotikabehandlungen und Haltungsformen bei der Eindämmung von ESBL zu untersuchen.

Wie werden die nächsten Schritte bei der Erforschung der multiresistenten Keime aussehen?

In Zukunft geht es sowohl für MRSA als auch ESBL weg von der Beschreibung der epidemiologischen Situation hin zu Interventionsmaßnahmen. Dazu müssen die bisher identifizierten kritischen Punkte in der tierischen Lebensmittelkette genauer untersucht werden, um dann effektive Maßnahmen umzusetzen.

Wo werden diese ansetzen?

Neben Tierzucht und Haltungshygiene auch bei Schlachtung und Lebensmittelverarbeitung. Es kann nicht sein, dass sich der Status dieser multiresistenten Keime im Schlachthof nicht verringert – im Gegenteil. Dass Tiere aus konventioneller Haltung oder teilweise auch aus der ökologischen Tierhaltung ohne MRSA und ESBL in die Schlachthöfe gehen und man danach durch die Kreuzkontamination konventionelle und ökologische Produkte nicht mehr voneinander unterscheiden kann.

Bei ESBL handelt es sich um Fäkalkeime: Escherichia coli Bakterien kommen aus dem Darm des Hühnchens. Es darf einfach nicht sein, dass 50 bis 80 Prozent der Geflügelfleischprodukte mit Fäkalkeimen kontaminiert sind – ganz gleich, ob diese Keime multiresistent sind, oder nicht.

Was kann der Verbraucher tun?

Er ist natürlich auch gefordert, indem er grundlegende Regeln der Küchenhygiene einhält: bei der Verarbeitung von rohem Fleisch aber auch von Rohkost insgesamt.

Die Fragen stellte Julia Rudorf

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