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"Gastarbeiter" im Kreuzfeuer von Medien und Staat

Der Historiker Roberto Sala hat untersucht, welche Rolle die Medien in der Bundesrepublik der 1960er und 1970er Jahre für „Gastarbeiter“ spielten

23.05.2012

Türkische "Gastarbeiter" in den Siebzigerjahren in der Bundesrepublik (hier: Hamburg): Sendungen in ihrer Heimatsprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollten die Zuwanderer westlich sozialisieren.
Türkische "Gastarbeiter" in den Siebzigerjahren in der Bundesrepublik (hier: Hamburg): Sendungen in ihrer Heimatsprache im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollten die Zuwanderer westlich sozialisieren. Bildquelle: flickr.com/ Heinrich Klaffs
Der gebürtige Mailänder Roberto Sala hat am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität promoviert. Er ist seit 2009 Post-Doc-Kollegiat am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt.
Der gebürtige Mailänder Roberto Sala hat am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität promoviert. Er ist seit 2009 Post-Doc-Kollegiat am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien in Erfurt. Bildquelle: Privat

Duisburg, 1964: Francesco hat die letzten zehn Stunden in einem Kohlebergwerk unter Tage verbracht. Zu Hause angekommen, schaltet er Radio Colonia ein, die italienischsprachige Sendung des Westdeutschen Rundfunks. Vor Francesco liegen fünfundvierzig Minuten Heimat, ein Hauch Italien, mitten im Kohlenpott. Doch die Sendungen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die sich an die „Gastarbeiter“ im damaligen Westdeutschland richteten, waren anfänglich weniger Integrationsangebot als der Versuch der Bundesregierung, politisch Einfluss zu nehmen. Das hat der Historiker Roberto Sala in seiner Dissertation untersucht.

Nicht nur den Italienern bot der öffentlich-rechtliche Rundfunk in den Sechziger- und Siebzigerjahren das tägliche Heimatgefühl: Als Reaktion auf die starke Zuwanderung nach Deutschland wurden auch Radiosendungen auf Türkisch, Spanisch und Griechisch produziert, meist von Landsleuten moderiert.

Roberto Sala hat in seiner Dissertation, die er am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin verfasst hat, eine überraschende Entdeckung gemacht: Was zunächst den Anschein einer Integrationshilfe erweckt, war vielmehr das Ergebnis einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen der Bundesregierung und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk jener Zeit. Ohne es zu wissen, waren die Zuwanderer zum Spielball geworden, zum Gegenstand einer brisanten Auseinandersetzung im Kalten Krieg, in der es um nicht weniger ging als das sensible Verhältnis von Staat und Medien.

Dem kommunistischen Einfluss entziehen

Da die Heimatstationen in Deutschland schlecht zu empfangen waren, griffen viele Gastarbeiter auf das Rundfunkangebot der Ostblockländer zurück, das Radiosendungen in unterschiedlichen Nationalsprachen verbreitete. Dadurch aber, so befürchteten die Bundesregierung und deutsche Unternehmen, würden die Migranten kommunistisch beeinflusst. Neben der möglichen inneren Instabilität fürchtete die Bundesregierung außerdem diplomatische Konflikte, da die Regierungen der Herkunftsländer beklagten, dass die zurückkehrenden Gastarbeiter auffällig häufig kommunistisch wählten.

Die Bundesregierung intervenierte und forderte von den ARD-Intendanten eine massive Ausweitung der Sendungen für Ausländer im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Mit der Zeit beugte sich die ARD dem politischen Druck – obwohl sie fremdsprachige Programme nicht als Bestandteil ihres Auftrages betrachtete. Trotz des direkten Einflusses des Kalten Krieges entwickelte sich die konzeptionelle und inhaltliche Gestaltung der Sendungen weitgehend unabhängig von der „harten Politik“ und folgte in erster Linie sozialpolitischen Überlegungen.

Bundesregierung entschied sich für Primat der Außenpolitik

Dennoch wurden die „Gastarbeitersendungen“, die eigentlich als Abwehrwaffe gegen den Kommunismus entstanden waren, bald zum Gegenstand heftiger Konflikte mit den Herkunftsländern. Vor allem den autoritär geführten südeuropäischen Staaten, aber auch der Türkei, passte die offene Kritik nicht, die die ausländischen Mitarbeiter der Sendungen über den Äther an den politischen Verhältnissen in den Herkunftsländern zunehmend übten.

Angesichts der Androhung drakonischer Vergeltungsmaßnahmen entschied sich die Bundesregierung für das Primat der Außenpolitik: Sie setzte die Rundfunkanstalten unter massiven Druck, um eine Mäßigung kritischer Töne in den Ausländerprogrammen zu erzielen.

Am Ende konnten die Behörden zumindest teilweise den Versuch der öffentlich-rechtlichen Anstalten brechen, die eigene Unabhängigkeit zu verteidigen. Sowohl die „Rundfunkfreiheit“ als auch das Recht auf freie Meinungsäußerung für nichtdeutsche Journalisten wurden somit im Rahmen der diplomatischen Interessen der Bundesrepublik geopfert.

In seiner Dissertation beleuchtet Sala eine politisch unruhige Zeit, in der die Freiheitsgrundsätze der Bundesrepublik in der Atmosphäre des Kalten Krieges ins Wanken gerieten. Francesco, der Gastarbeiter aus Duisburg, der regelmäßig Radio Colonia anstellte, wird von all den Verwicklungen nichts geahnt haben.