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Krankheiten in ihrem kulturellen Kontext verstehen

Harvard-Professor und Mitbegründer der Medizinethnologie, Arthur Kleinman, zu Gast an Freier Universität

30.08.2011

Harvard-Professor und Mitbegründer der Medizinethnologie: Arthur Kleinman an der Freien Universität
Harvard-Professor und Mitbegründer der Medizinethnologie: Arthur Kleinman an der Freien Universität Bildquelle: Angelika Wolf
Großes Interesse am Vortrag des amerikanischen Wissenschaftlers und am Forschungsgebiet Medizinethnologie bei den Zuhörern an der Freien Universität.
Großes Interesse am Vortrag des amerikanischen Wissenschaftlers und am Forschungsgebiet Medizinethnologie bei den Zuhörern an der Freien Universität. Bildquelle: Angelika Wolf

Dass gesellschaftlich-politische Gegebenheiten und Missstände – wie Armut, Konflikte oder Unterdrückung – die Ursache für Krankheiten sein können, ist allgemein anerkannt. Noch wenig weiß man allerdings darüber, wie sich „social suffering“ in verschiedenen Gesellschaften der Welt ausdrückt. Über den Zusammenhang zwischen Krankheit und Kultur sprach Arthur Kleinman, US-amerikanischer Medizinethnologe und Mitbegründer der Disziplin in den USA, kürzlich in einem Vortrag an der Freien Universität.

Die Therapiewege sind verschieden: Während in den USA Angehörige von Sterbenden zuweilen schon vorbeugend Antidepressiva erhalten, werden psychisch Kranke in vielen anderen Ländern mithilfe traditioneller Heilmethoden behandelt. Oft werden Sie auch stigmatisiert und aus ihren Gemeinschaften ausgeschlossen. Auf diese und andere Unterschiede wies Arthur Kleinman in seinem Vortrag „Anthropology & Cross-Cultural Mental Health“ hin, in dem er anstehende Forschungsfragen seiner Disziplin skizzierte. Beispielsweise zur  Rolle des „social suffering“ in den unterschiedlichen Kulturen, zum Zusammenhang von organischen und sozialen Krankheitsursachen, zum Einfluss von traditionellen und biomedizinischen Heilmethoden auf Krankheitsverläufe.

Junge Forschungsrichtung

Kleinmann ist Psychiater, Sozialanthropologe und Regionalexperte. Er hat jahrzehntelang in verschiedenen asiatischen Ländern gelebt und geforscht. In Deutschland ist er viele Jahre nicht gewesen, auch deshalb war der seltene Gast in Dahlem hochwillkommen. In seinem Vortrag gab Kleinman Einblick in die aktuellen Entwicklungen der Medizinethnologie – einer noch jungen Forschungsrichtung, die er in den USA selbst mitbegründet hat.

Seit 2010: Arbeitsstelle „Medical Anthropology“ am Institut für Ethnologie der Freien Universität

Die moderne Medizinethnologie hat sich seit den 1960er Jahren vor allem im angelsächsischen Raum und inzwischen auch in Deutschland zu einem  wichtigen Zweig der Ethnologie entwickelt. An der Freien Universität wurde im Jahr 2010 unter Leitung von Professor Hansjörg Dilger die Arbeitsstelle „Medical Anthropology“ am Institut für Ethnologie gegründet. So interdisziplinär wie das Forschungsgebiet sind auch die Kooperationen des Arbeitsbereichs im Berliner Raum: Aus der Zusammenarbeit der Medizinethnologie der Freien Universität mit dem Zentrum für Interkulturelle Psychiatrie der Charité war mit Unterstützung des Center for Area Studies der Freien Universität die Einladung an Arthur Kleinman entstanden.

Medizinethnologen als Anwälte der Patienten und ihrer Bedürfnisse

Mit Blick auf den nach wie vor geringen Wissensstand über die sozialen und kulturellen Dimensionen psychischer Erkrankungen plädierte Kleinman für eine stark differenzierende Forschung, die keinen Therapieansatz a priori verurteilt oder glorifiziert. Medizinethnologen sollten sich als Anwälte der Patienten und ihrer Bedürfnisse verstehen. Es gehöre zu ihren Aufgaben, sich für die Beseitigung krankmachender Lebensbedingungen einzusetzen und auf internationaler Ebene für den weltweiten Schutz der Menschen- und Patientenrechte zu kämpfen. Um dies zu erreichen, dürfen Kleinman zufolge weder kulturelle Praktiken und Wertvorstellungen unantastbar sein noch die Interessen medizinischer Berufsgruppen oder der Pharmaindustrie.

Kombination von Regionalforschung und Interdisziplinarität

Dass die Medizinethnologie noch große Aufgaben vor sich hat, war nach Kleinmans Vortrag, der auf großes Interesse bei dem interdisziplinär besetzten Publikum stieß, deutlich geworden. Und auch, wie fruchtbar gerade die Kombination von Regionalforschung und interdisziplinärem Denken sein kann, um Praktiken der Medizin, Psychologie und Gesundheitssysteme weltweit zu ergänzen.