Freie Universität Berlin


Service-Navigation

Geglückte Fahndung

Über den Ursprung der Kastanienminiermotte / Ein Gespräch mit dem Direktor am Botanischen Garten und Botanischen Museum Berlin-Dahlem, Professor H. Walter Lack

11.07.2011

Die Kastanienminiermotte befällt seit rund 20 Jahren massenhaft Kastanien in Europa.
Die Kastanienminiermotte befällt seit rund 20 Jahren massenhaft Kastanien in Europa. Bildquelle: David C. Lees
Professor H. Walter Lack im Herbarium des Botanischen Gartens.
Professor H. Walter Lack im Herbarium des Botanischen Gartens. Bildquelle: Ch. Hillmann-Huber, Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin
Wer dieser Tage durch eine Kastanienallee geht, kann ihre Spuren finden: braunes Laub, das sich lange vor dem Herbst von den Bäumen löst. Schuld am vorzeitigen Blätterfall ist die Kastanienminiermotte, die seit Beginn der 1990er Jahre einer Invasion gleich Europa erobert. Erst 1984 wurde das gefräßige Insekt am mazedonischen Ohridsee entdeckt, seit 1986 trägt es den wissenschaftlichen Namen Cameraria ohridella. Doch dass der unscheinbare Schmetterling bereits über 100 Jahre zuvor am Balkan lebte, ergab erst jetzt die aktuelle Studie eines internationalen und interdisziplinären Forscherteams um Professor H. Walter Lack vom Botanischen Museum der Freien Universität Berlin. Campus.leben sprach mit dem Biologen.

Herr Professor Lack, die Debatte über die Herkunft der Kastanienminiermotte währte rund 20 Jahre. Warum dauerte es so lange, das Rätsel um den Ursprung des Schädlings zu lösen?

Da die Kastanienminiermotte ein relativ großer Falter ist, konnten sich die Experten einfach nicht vorstellen, dass die Zoologen und Entomologen (Insektenkundler, Anm. d. Red.) auf dem Balkan das Insekt nicht schon viel früher entdecken konnten.

Tatsächlich lebt die Kastanienminiermotte aber in engen Schluchtwäldern in Mazedonien und Albanien, die selbst heute noch schwer zugänglich sind. Die Theorie, dass der Schädling auch aus Südostasien oder den USA stammten könnte, kam deshalb auf, weil auch in diesen Regionen verwandten Kastanienarten vorkommen, die als Wirtspflanze der Kastanienminiermotte dienen könnten.

Unsere Erkenntnisse zur Herkunft der Motte waren für die Fachwelt immerhin so bemerkenswert, dass bereits wenige Tage nach Erscheinen der Studie im Forschungsinformationsdienst der Europäischen Union, CORDIS, darüber berichtet wurde.

Sie haben Nachweise der Motte in wissenschaftlichen Sammlungen getrockneter Pflanzen gefunden, die über 120 Jahre alt sind. Wie konnten die Larven in diesen so genannten Herbarbelegen so lange erhalten bleiben?

Die winzigen Larven der Miniermotte leben in Gängen, die sie im Inneren des Blattes gefressen haben, den so genannten Minen. Beim Pressen und Trocknen von Kastanienblättern haben die Botaniker, ohne es zu merken, die Larven einfach mit konserviert. Solange die Blätter nicht nass werden, können Herbarbelege auf diese Weise Hunderte Jahre aufbewahrt werden.

Welche Erkenntnisse brachte die genetische Untersuchung der Larven?

Durch die Sequenzierung konnten wir zweifelsfrei nachweisen, dass die Raupenfunde tatsächlich zur Kastanienminiermotte zählen. Zudem konnten wir die historischen Mottenpopulationen mit denjenigen der heute lebenden Motte vergleichen. Dabei haben wir neue Varianten gefunden und damit die evolutionäre Entwicklung der Populationen dokumentieren können.

Können Ihre Funde dabei helfen, die Masseninvasion und damit die Schäden durch die Kastanienminiermotte an den Bäumen einzudämmen?

Die sichere Bestimmung des ursprünglichen Herkunftsgebiets kann uns helfen, an dieser Stelle nach natürlichen Fressfeinden der Miniermotte zu suchen. Diese wiederum könnten dann zur Bekämpfung des Schädlings eingesetzt werden.

Unsere erfolgreiche Suche in Herbarien in ganz Europa hat gezeigt, welche ungehobenen Wissensschätze noch in den Beständen der Botanischen Sammlungen schlummern. Die Herbarien sind ein Archiv der Natur, in dem evolutionäre Vorgänge wie an einer Zeitachse abgelesen werden können. Für uns Botaniker gibt es da noch viel zu tun.

Die Fragen stellte Ortrun Huber