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„Wir müssen nur wollen“ – Über die Wiedervereinigung und die gesamtdeutsche Mentalität

Klaus Schroeder leitet den Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin und gilt international als „Wiedervereinigungsexperte“

14.09.2010

Professor Klaus Schroeder stellt sein Buch „Das neue Deutschland. Warum nicht zusammen wächst, was zusammengehört“ vor
Professor Klaus Schroeder stellt sein Buch „Das neue Deutschland. Warum nicht zusammen wächst, was zusammengehört“ vor Bildquelle: Bastienne Schulz
Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder wird von manchen als "Wiedervereinigungsexperte" betrachtet
Der Politikwissenschaftler Klaus Schroeder wird von manchen als "Wiedervereinigungsexperte" betrachtet Bildquelle: Bastienne Schulz

Der Ort, an dem schon zu DDR-Zeiten fröhlich getanzt wurde, zieht heute Menschen aus allen Teilen Deutschlands an: Clärchens Ballhaus in der Auguststraße in Berlin-Mitte. An diesem Montag trafen sich hier Vertreter der internationalen Presse. Nicht zum Tanz: Professor Klaus Schroeder vom Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität stellte seine Forschungsergebnisse zum deutsch-deutschen Vereinigungsprozess vor.

„Wenn wir an der Freien Universität wären, würden wir noch eine Viertelstunde warten“, scherzte Professor Schroeder mit Anspielung auf das akademische Viertel, ehe er mit seiner Präsentation pünktlich begann. Pünktlich auch zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010.

Einheitssommermärchen 2006 und fortwährende Vorurteile

Schroeders Erkenntnis ist nüchtern: Nach einer kurzen euphorischen Phase unmittelbar nach dem Mauerfall im Herbst 1989 kamen sich die Deutschen aus Ost und West erst wieder im WM-Sommer 2006 so richtig nahe: Das gemeinsame Daumendrücken für die Fußball-Nationalmannschaft einte das Land. Seitdem – das stellte Klaus Schroeder in seiner Studie fest – sei das Land wieder in zwei Teile zerfallen.

Was aber hat sich in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland getan? Warum ist gerade auch die internationale Presse von dem deutsch-deutschen Thema derart fasziniert? Wenigstens die Antwort auf diese Frage scheint einfach: Im Ausland herrsche Unverständnis darüber, weshalb sich die Deutschen nicht über die Wiedervereinigung freuen könnten.

Stattdessen werde gejammert: über den verlorengegangenen Wohlstand im Westen der Vorwendezeit, über vergessene Werte wie Solidarität und Gleichberechtigung im Osten. „Zumindest das haben die Deutschen gemeinsam: über die vorhandenen Zustände zu mäkeln statt sich des Erreichten zu freuen“, sagte Schroeder. „Man sollte aber nicht immer nur das sehen, was noch nicht geschafft wurde, sondern die Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre endlich einmal positiv bewerten.“

Expertise für südkoreanische Botschaft

Im Ausland jedenfalls wolle man aus der deutsch-deutschen Erfolgsgeschichte lernen: Der Wissenschaftler wird von manchen als der “Wiedervereinigungsexperte“ schlechthin betrachtet. Und das nicht nur unter Medienvertretern, die versuchen, die deutsche Mentalität zu verstehen.

Die südkoreanische Botschaft und das Wiedervereinigungsministerium des Landes ziehen den Wissenschaftler mit der besonderen Expertise seit einigen Jahren regelmäßig zu Rate. Das Interesse der koreanischen Diplomatie gilt den deutschen Erfahrungen, aus denen sie Rückschlüsse für das eigene Land ziehen wollen, um eine mögliche Versöhnung von Nord- und Südkorea voranzubringen.

„Wir müssen nur wollen“

Als Fazit zum Jahrestag der deutschen Vereinigung erhoffte sich Schroeder eine größere Bereitschaft der Deutschen, sich kennenlernen zu wollen: Schließlich könne nur zusammenwachsen, was zusammengehören wolle. Damit könne die deutsch-deutsche Wiedervereinigung endlich zum gemeinsamen Projekt werden. Und darüber könne man sich dann vielleicht auch freuen.

Weitere Informationen

Klaus Schroeder ist Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität und Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft. In diesen Tagen erscheint sein Buch „Das neue Deutschland. Warum nicht zusammen wächst, was zusammengehört“ im wjs Verlag Berlin.