Freie Universität Berlin


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Erinnerungen an einen „visionären Architekten“

Gedenkfeier an der Freien Universität für ihren ehemaligen Präsidenten, den Literaturwissenschaftler Eberhard Lämmert

06.05.2016

Universitätspräsident Peter-André Alt: Die Universität danke Eberhard Lämmert für die Spuren und Impulse, die er hinterlassen habe. Man ehre „ein akademisches Leben, das von Reichtum und Fülle, von Vielfalt und Dynamik geprägt“ war.
Universitätspräsident Peter-André Alt: Die Universität danke Eberhard Lämmert für die Spuren und Impulse, die er hinterlassen habe. Man ehre „ein akademisches Leben, das von Reichtum und Fülle, von Vielfalt und Dynamik geprägt“ war. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Die Züricher Literaturwissenschaftsprofessorin Barbara Naumann hielt eine der beiden Festreden. Die Lämmert-Schülerin beschrieb Eberhard Lämmerts Gestaltungsenergie mit dem Begriff der „institutionellen Phantasie“.
Die Züricher Literaturwissenschaftsprofessorin Barbara Naumann hielt eine der beiden Festreden. Die Lämmert-Schülerin beschrieb Eberhard Lämmerts Gestaltungsenergie mit dem Begriff der „institutionellen Phantasie“. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Eine Bilderpräsentation erinnerte an Eberhard Lämmert und zeichnete verschiedene Stationen seines akademischen Lebens nach.
Eine Bilderpräsentation erinnerte an Eberhard Lämmert und zeichnete verschiedene Stationen seines akademischen Lebens nach. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Universitätspräsident Peter-André Alt und Dekanin Claudia Olk im Gespräch mit Eberhard Lämmerts Tochter Constance (r.). Daneben ihr Mann Dieter Ramcke-Lämmert mit Tochter.
Universitätspräsident Peter-André Alt und Dekanin Claudia Olk im Gespräch mit Eberhard Lämmerts Tochter Constance (r.). Daneben ihr Mann Dieter Ramcke-Lämmert mit Tochter. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Johann W. Gerlach, Universitätspräsident von 1991 bis 1999, im Gespräch mit Georg Witte, Komparatist am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin.
Johann W. Gerlach, Universitätspräsident von 1991 bis 1999, im Gespräch mit Georg Witte, Komparatist am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Claudia Olk, Anglistikprofessorin und Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, erzählte, wie sie erst nach dem Tode Eberhard Lämmerts die Abbildungen von Virginia Woolf und James Joyce in seinem Büro entdeckt hatte.
Claudia Olk, Anglistikprofessorin und Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, erzählte, wie sie erst nach dem Tode Eberhard Lämmerts die Abbildungen von Virginia Woolf und James Joyce in seinem Büro entdeckt hatte. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Es hätte eine akademische Feier zum 90. Geburtstag von Eberhard Lämmert im September 2014 sein sollen, es wurde – anderthalb Jahre später – eine Gedenkfeier: Am 3. Mai 2015, war der ehemalige Präsident der Freien Universität, der Germanist und Leiter des Instituts für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, des heutigen Peter-Szondi-Instituts, nach längerer Krankheit gestorben. Im Beisein von Lämmerts Familie, von Studierenden, ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und anderen Wegbegleitern dankte Universitätspräsident Peter-André Alt seinem Vorgänger im Amt für die „Spuren und Impulse“, die er an der Universität hinterlassen habe.

Eberhard Lämmert sei einer der letzten Germanisten gewesen, die das Fach in seiner ganzen Breite beherrscht hätten: von der mittelhochdeutschen Lyrik bis zur Literatur des 20. Jahrhunderts. Als Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft – zunächst in Heidelberg, dann an der Freien Universität Berlin – habe er darüber hinaus die gesamte europäische Literatur im Blick gehabt. Über sein Fach, dessen Grenzen er geöffnet habe, sei Lämmert auch zur Hochschulpolitik gekommen, sagte Alt. Mit der weiten Perspektive des Komparatisten und seiner Kompetenz für Dialog und Diskurs habe er von 1976 bis 1983 als Präsident die Freie Universität geleitet und deren akademisches Leben konsolidiert.

Als Lämmert die Leitung der Universität übernommen habe, sei die Hochschule heillos zerstritten und eine reguläre Lehre nicht möglich gewesen, berichtete Festredner Johann W. Gerlach, Präsident der Freien Universität von 1991 bis 1999. „Durch sein Ansehen hat Eberhard Lämmert der Universität zu neuem Ansehen verholfen“, sagte der Zivilrechtsprofessor im Ruhestand. Lämmert sei es gelungen, integrierend zu wirken und die Verhältnisse neu zu ordnen.

Intellektueller und pragmatischer Macher

Festrednerin Barbara Naumann beschrieb diesen Vorgang mit dem Begriff der „institutionellen Phantasie“ – eine Eigenschaft, die Eberhard Lämmert während seiner Tätigkeiten an der Freien Universität und bei seinen späteren Aufgaben in besonderer Weise ausgezeichnet habe. Die Züricher Literaturwissenschaftsprofessorin und Lämmert-Schülerin, die schon bei der geplanten Feier zum 90. Geburtstag hätte sprechen wollen, hob Lämmerts Fähigkeiten als intellektueller und als pragmatischer Macher hervor: „Er schaffte es, dass auch in knappen Zeiten Stellen und Stipendien geschaffen wurden, um kontinuierliches Arbeiten zu ermöglichen.“ Institutionen seien für Lämmert „ein Reservoir von Chancen“ gewesen. Nie sei es ihm um abstrakte Strukturen gegangen, wie zuvor auch Georg Witte betont hatte, Leiter des Peter-Szondi-Instituts der Freien Universität. Es sei Lämmert – einem „visionären Architekten“, so Witte – immer um die Personen gegangen, für die die Strukturen geschaffen worden seien.

Änderungswille und widerständige Energie

Schon als Schüler habe Lämmert „ein Ungenügen an unguten Verhältnissen“ verspürt – vor allem an solchen, die ohne Not schlecht waren, zitierte Barbara Naumann aus Lämmerts Erinnerungen. Als Tertianer sei er ungeduldig gewesen und als gelegentlich aufsässig aufgefallen, wenn ihm intellektuelle Ungenauigkeit begegnet sei. Das habe bei ihm – damals wie später – „Änderungswillen und widerständige Energie“ freigesetzt. An ein Beispiel erinnerte Johann W. Gerlach: Als der Berliner Kultursenator etwa für das von Lämmert 1999 neu gegründete Zentrum für Literaturforschung (ZfL) keine Räume im Innenstadtbereich zur Verfügung stellen wollte, zog Lämmert mit den Kolleginnen und Kollegen ohne Erlaubnis in eine leerstehende Etage in der Jägerstraße 10/11 in Berlin-Mitte. Womit er Tatsachen schuf: Dort residierte das ZfL bis zu seinem Umzug in die Schützenstraße 18.

In Eberhard Lämmerts Sinne weiterdenken

Claudia Olk, Anglistikprofessorin am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität und Dekanin des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, erinnerte in ihrer Würdigung an ihre ersten Begegnungen mit Eberhard Lämmert. Er, der seit 1992 Emeritierte, sei ihr, der 2011 ans Peter-Szondi-Institut Berufenen, von Anfang an mit Interesse an ihrer Arbeit begegnet. Lämmerts Arbeitszimmer habe sie zum ersten Mal nach seinem Tod betreten. Und dort zwei Fotografien von Virginia Woolf und James Joyce entdeckt, was sie, die Anglistin, sehr gefreut habe. Er habe sie und alle anderen stets gefragt, was sie gerade läsen, woran sie arbeiteten. Bei ihrer Antrittsvorlesung vor zwei Jahren habe er in der ersten Reihe gesessen, erinnert sie sich. Sein Fach, die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, habe ihn bis zuletzt nicht losgelassen: „Wir ehren Eberhard Lämmert am meisten, indem wir in seinem Sinne weiterdenken.“


Zur Person von Eberhard Lämmert

Eberhard Lämmert, geboren 1924 in Bonn, wurde 1952 an der Bonner Universität promoviert und habilitierte sich dort im Jahr 1960. Seine Dissertation mit dem Titel „Bauformen des Erzählens“ von 1955 avancierte zum Klassiker der Erzähltheorie; die Habilitationsschrift „Reimsprecherkunst im Spätmittelalter“ von 1970 war grundlegend für die Neubewertung spätmittelalterlicher Literatur.

Er lehrte als Professor für Deutsche Philologie sowie Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Heidelberg und der Freien Universität Berlin, an der er von 1976 bis 1983 das Amt des Präsidenten innehatte. Von 1983 an leitete er das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. 1992 trat er in den Ruhestand.

Eberhard Lämmert amtierte unter anderem als Gründungsvorsitzender des Kuratoriums des Potsdamer Einstein-Forums, als Gründungsdirektor und Direktor des Zentrums für Literaturforschung in Berlin sowie als Direktor am Forschungszentrum für Europäische Aufklärung in Potsdam. Zudem war er Präsident der Deutschen Schillergesellschaft (1988-2002), Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes (1964-1976), Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie Kuratoriumsmitglied und Angehöriger des Vorstands im Deutschen Akademischen Austauschdienst (1970-1999). Gastprofessuren führten ihn an renommierte Universitäten weltweit, unter anderem nach Princeton und Cambridge, nach St. Louis und São Paulo. Eberhard Lämmerts zahlreiche Publikationen überschreiten die Grenzen von Gattungen, Nationalliteraturen und Epochen.