„Entspannungspolitik in den Dahlemer Seminarräumen“

Nachruf auf Hans-Dietrich Genscher / Historiker Paul Nolte über den verstorbenen Politiker und Honorarprofessor der Freien Universität Berlin

04.04.2016

Hans-Dietrich Genscher im Jahr 2011. Der ehemalige Bundesaußenminister starb in der vergangenen Woche im Alter von 89 Jahren.
Hans-Dietrich Genscher im Jahr 2011. Der ehemalige Bundesaußenminister starb in der vergangenen Woche im Alter von 89 Jahren. Bildquelle: ullstein bild / Karwasz .
1994 wurde Hans-Dietrich Genscher Honorarprofessor der Freien Universität. Das Foto zeigt den ehemaligen Außenminister bei den Feierlichkeiten mit dem damaligen Präsidenten der Freien Universität Professor Johann W. Gerlach.
1994 wurde Hans-Dietrich Genscher Honorarprofessor der Freien Universität. Das Foto zeigt den ehemaligen Außenminister bei den Feierlichkeiten mit dem damaligen Präsidenten der Freien Universität Professor Johann W. Gerlach. Bildquelle: Freie Universität Berlin
Hans-Dietrich Genscher bei der feierlichen Bestellung zum Honorarprofessor am Fachbereich Politische Wissenschaft am 22. November 1994. Links neben ihm Politikwissenschaftlerin Professorin Gesine Schwan, damals Dekanin.
Hans-Dietrich Genscher bei der feierlichen Bestellung zum Honorarprofessor am Fachbereich Politische Wissenschaft am 22. November 1994. Links neben ihm Politikwissenschaftlerin Professorin Gesine Schwan, damals Dekanin. Bildquelle: Freie Universität Berlin

Am 22. November 1994 nahm Hans-Dietrich Genscher bei einer Feier im Henry-Ford-Bau der Freien Universität die Urkunde als Honorarprofessor der Universität entgegen. Ausgestellt worden war sie von Universitätspräsident Johann Wilhelm Gerlach. Paul Nolte, Professor für Zeitgeschichte an der Freien Universität, erinnert an den großen Außenpolitiker und Staatsmann.

Ein gelber Pullunder mit großen Ohren braust unablässig um die Welt – natürlich, Hans-Dietrich Genscher. Es sagt viel über ihn aus, dass solch plakative Stilisierung, quer durch die politischen Lager und in allen Generationen, niemals hämisch gemeint war, sondern immer Sympathie und Anerkennung bekundete. Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt, Hans-Dietrich Genscher: Diese drei, von denen mit dem langjährigen Außenminister am vergangenen Donnerstag, dem 31. März 2016, nun der letzte verstorben ist, strahlten ganz besonders hell als Elder Statesmen der Berliner Republik. Vor allem aber repräsentieren sie die alte Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung und das Bemühen, aus der prekären welt- und deutschlandpolitischen Situation des Kalten Krieges mit Vernunft, Pragmatismus und Verständigungsbereitschaft das Beste zu machen. Nach seinem freiwilligen Rücktritt vom Amt des Außenministers im Mai 1992 setzte Hans-Dietrich Genscher auch zu einer Landung an der Freien Universität an – als Honorarprofessor am Otto-Suhr-Institut, worum sich die damalige Dekanin Gesine Schwan besonders bemüht hatte: Entspannungspolitik in den Dahlemer Seminarräumen!

Wie die um etliche Jahre älteren Schmidt und Weizsäcker war auch der am 21. März 1927 in Reideburg bei Halle an der Saale geborene Genscher noch ein Kind des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, der die „Gnade der späten Geburt“ seines späteren Koalitionspartners Helmut Kohl nicht für sich in Anspruch nehmen konnte oder wollte. Man kann ihn als typischen Vertreter der von dem Soziologen Helmut Schelsky so genannten „skeptischen Generation“ der Nachkriegszeit auch insofern sehen, als ihm ideologische Emphase und Grundsatzprogrammatik, und sei es im Namen der Freiheit, eher fremd blieben. Bei der gesellschaftspolitischen Neuausrichtung seiner eigenen Partei, der FDP, am Ende der sechziger Jahre spielte er neben Karl-Hermann Flach und Ralf Dahrendorf, Werner Maihofer und Walter Scheel kaum eine Rolle. Nachdem er als Innenminister der sozialliberalen Regierung Willy Brandts die gescheiterte Geiselbefreiung während der Olympischen Spiele von München im September 1972 mitverantworten musste, schlug seine glückliche Stunde kaum zwei Jahre später, als die FDP ihren Vorsitzenden und Außenminister Walter Scheel als Bundespräsidenten durchsetzen konnte und Genscher diesem in beiden Ämtern nachfolgte – für elf Jahre als Parteivorsitzender, und für legendäre achtzehn Jahre als Außenminister.

Dass die Regierung Helmut Kohls seit 1982 den Kurs der Entspannung und Verständigung nach Osten fortsetzte, bei unzweideutiger Zugehörigkeit zur westlichen Gemeinschaft, war auch sein persönliches Verdienst. Das Bild des Parteipolitikers litt gleichwohl unter der Zerreißprobe, die er der FDP mit dem Koalitionswechsel mitten in der Wahlperiode zumutete. Früh erkannte Genscher die Bedeutung des neuen Kurses der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow und konnte das persönliche Vertrauensverhältnis zu seinem Amtskollegen Eduard Schewardnadse bereits in die komplizierten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zur deutschen Wiedervereinigung einbringen. Mit Nüchternheit nach außen und Leidenschaft im Innern setzte er sich für einen friedlichen und freiheitlichen Ausgang aus der gespaltenen deutschen und europäischen Nachkriegsordnung ein. In den berühmten, unvollendeten Worten vom Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag am 30. September 1989 verbinden sich diese beiden Züge auf bleibende Weise.

Am 22. November 1994 erhielt Genscher seine Ernennungsurkunde zum Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin und freute sich auf „die Diskussion mit jungen Menschen“ und auf „intelligenten Widerspruch“. Mehrfach bot er in den folgenden Jahren Seminare für angehende Diplom-Politologen an und lernte dabei auch Dinge, die selbst einem weltläufigen Diplomaten zuvor unbekannt waren – etwa, Studierenden einen Schein für erbrachte Leistungen auszustellen. Das akademische Milieu blieb ihm, dem großen Praktiker, dennoch eher fremd. Aber er spürte wohl, gerade in der Zeit nach der Überwindung von Kaltem Krieg, von europäischer, deutscher und Berliner Teilung, an der er maßgeblich mitgewirkt hatte, eine innere Verbundenheit mit dieser Universität – auch wenn es ihm gar nicht gelegen hätte, das irgendwie in pathetische Freiheitsformeln zu kleiden.