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„Eine Pflanzschule und ein fruchtbarer Garten“

Das Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (AVL) feierte sein 50-jähriges Bestehen mit einem Festprogramm

21.12.2015

Milena Hassenkamp und Patrick Durdel führen in die Ausstellung „Ethos des Lesens“ ein.
Milena Hassenkamp und Patrick Durdel führen in die Ausstellung „Ethos des Lesens“ ein. Bildquelle: Frederic Schweizer
Jonas Mitbeth und Benjamin Schlodder (stehend) aus der Ausstellungsgruppe freuten sich über den großen Zulauf bei der Jubiläumsfeier.
Jonas Mitbeth und Benjamin Schlodder (stehend) aus der Ausstellungsgruppe freuten sich über den großen Zulauf bei der Jubiläumsfeier. Bildquelle: Frederic Schweizer
Wiedersehen an der Freien Universität: Rund 200 Gäste waren der Einladung zum Institutsjubiläum gefolgt, darunter zahlreiche Ehemalige.
Wiedersehen an der Freien Universität: Rund 200 Gäste waren der Einladung zum Institutsjubiläum gefolgt, darunter zahlreiche Ehemalige. Bildquelle: Frederic Schweizer
Ausgestellte Seminararbeit: Clara Gross (r.) und Lydia Dimitrow gehören zu der Studierendengruppe, die die Institutsgeschichte aufgearbeitet und die Schau kuratiert hat.
Ausgestellte Seminararbeit: Clara Gross (r.) und Lydia Dimitrow gehören zu der Studierendengruppe, die die Institutsgeschichte aufgearbeitet und die Schau kuratiert hat. Bildquelle: Frederic Schweizer
Erste Gelegenheit, die Vitrinen anzusehen: am Jubiläumstag in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin.
Erste Gelegenheit, die Vitrinen anzusehen: am Jubiläumstag in der Philologischen Bibliothek der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Frederic Schweizer
Josepha Schwerma (l.) und Birgit Rehse (r.) vom Archiv der Freien Universität Berlin schauen sich die Präsentation der Archivalien an.
Josepha Schwerma (l.) und Birgit Rehse (r.) vom Archiv der Freien Universität Berlin schauen sich die Präsentation der Archivalien an. Bildquelle: Frederic Schweizer
Der Schauspieler Hanns Zischler...
Der Schauspieler Hanns Zischler... Bildquelle: Frederic Schweizer
... und die Autorin Ginka Steinwachs lasen aus deren 1969 entstandenem theatralem Monolog „Die weiße Woche".
... und die Autorin Ginka Steinwachs lasen aus deren 1969 entstandenem theatralem Monolog „Die weiße Woche". Bildquelle: Frederic Schweizer
Der frühere AVL-Student Walter Kreipe zeigte Besuchern den Seminarraum im ehemaligen Seminar für AVL, damals Kiebitzweg 23, heute die Asta-Villa in der Otto-von-Simson-Straße 23.
Der frühere AVL-Student Walter Kreipe zeigte Besuchern den Seminarraum im ehemaligen Seminar für AVL, damals Kiebitzweg 23, heute die Asta-Villa in der Otto-von-Simson-Straße 23. Bildquelle: Frederic Schweizer

Ans Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin kämen nur „die ganz Schlauen“ – das hatte Milena Hassenkamp schon früh gehört. Weil ihre gute Abiturnote für die Aufnahme an das berühmte Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft nicht reichte, fing die 26-Jährige zunächst an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität an, AVL zu studieren. Das entpuppte sich Milena Hassenkamp zufolge rasch „als zweites Peter-Szondi-Institut“: mit Robert Stockhammer, Martin von Koppenfels und Inka Mülder-Bach lehrten (und lehren) dort gleich drei Wissenschaftler, die zuvor an der Freien Universität waren. Zum Master konnte die Studentin, die diese Anekdote vor den etwa 200 Gästen der Jubiläumsfeier erzählte, schließlich nach Berlin wechseln. Und wurde endlich selbst Teil des legendären Peter-Szondi-Instituts.

1965 war es – zunächst als Seminar für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft – für den Komparatisten ungarischer Herkunft eingerichtet worden. In den nur sechs Jahren, die Szondi es bis zu seinem Tod leitete, wurde es durch dessen Charisma und intellektuelle Strahlkraft zum Anziehungspunkt für Literaturwissenschaftler und Studenten aus der ganzen Welt.

Im Seminar eine Ausstellung konzipiert

Milena Hassenkamp ist eine von 15 Studierenden, die im Rahmen des Seminars „50 Jahre AVL an der Freien Universität (1965–2015) – Recherche und Ausstellung“ bei der Komparatistikprofessorin Irene Albers die Geschichte ihres Instituts erforscht haben. Mehr als ein halbes Jahr haben sie und ihre Kommilitonen im Universitätsarchiv und im Deutschen Literaturarchiv in Marbach Studien- und Seminarpläne, Dokumente und Briefe aufgespürt und auch mit Ehemaligen gesprochen. Von ihnen sind viele, manche von weither, an diesem Dezembernachmittag nach Dahlem gekommen: Wolfgang Fietkau, Senta Metz, Hans-Hagen Hildebrandt, Helen Stierlin, Ulrich Stadler, Henning Scheffers, Heinz Blumensath, Gundel Mattenklott, David Horne, Caroline Neubaur, Wolfgang Schivelbusch, Helmut Pillau, Gerhard Ahrens, Knut Boeser, Sabine Beck, Peter Brockmeier, Lothar Müller, Justus Fetscher, Martin von Koppenfels, Detlef Kuhlbrodt, Michael Angele, Sabine Jainski – um nur einige zu nennen.

Die Recherchearbeit habe „ein anderes Bewusstsein für das eigene Fach geschaffen“, sagt Milena Hassenkamp. Auch wenn der Gegenstand, der in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft verhandelt wird – die Literatur – heute derselbe ist wie damals, haben sich die Bedingungen allein durch die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge erheblich verändert: Zu Szondis Zeit mussten Studierende drei Sprachen im Original lesen können und mit der englischen, französischen und deutschen Literatur von der Renaissance bis in die Gegenwart vertraut sein. Überforderungs- und Versagensängste angesichts der hohen Ansprüche haben seinerzeit viele Studenten belastet. Noch in den achtziger Jahren betrug die durchschnittliche Studienzeit 13,7 Semester, für eine Hausarbeit brauchte man schon mal bis zu einem Jahr.

„Ethos des Lesens“: Ein Auftrag aus der Vergangenheit für die Gegenwart

Welche Geschichte wolle man erzählen? Das sei die Leitfrage der Studierenden gewesen, sagt Masterstudent Patrick Durdel, als sie die Ausstellung „Ethos des Lesens“ für die Philologische Bibliothek konzipiert hätten. Keinesfalls hätten sie „Personen- oder Institutionenkult“ betreiben und „niemandem einen Altar errichten“ wollen. Die Zugehörigkeit zum Institut einerseits und der große zeitliche Abstand zu dessen Gründung andererseits habe gewissermaßen für eine zugleich befangene und kritische Haltung gesorgt. Durch ihren Blick in die mythisch verklärte Vergangenheit des Instituts entdeckten die Studierenden in Szondis Haltung einen Auftrag für die Gegenwart: einem Text mit derselben Ernsthaftigkeit und demselben Respekt zu begegnen wie einem Menschen.

Ausstellung in der Philologischen Bibliothek

In zwölf Vitrinen sind die vergangenen 50 Jahre – mit dem Schwerpunkt auf den ersten 40 Jahren – des Instituts ausgestellt. Gegliedert nach zeitlichen Zäsuren und nach Umzügen: die Jahre im Kiebitzweg mit Peter Szondi bis zu seinem Suizid 1971, die „professorenlose“ Zeit danach bis zur Berufung von Eberhard Lämmert 1977, die lange Zeit, in der das Institut – nach einem vierjährigen Intermezzo in der Rheinbabenallee 14 – im Hüttenweg 9 untergebracht war, und schließlich der Einschnitt durch den Umzug in die Rost- und Silberlaube 2005 – das Jahr der Umbenennung in Peter-Szondi-Institut.

Eine Vitrine ist Paul Celan gewidmet, als engem Vertrautem Peter Szondis und gewissermaßen stellvertretend für all die Autoren, mit deren Werken man sich am Dahlemer Institut von Beginn an beschäftigt hat und bis heute beschäftigt. Celans Lesung im Dezember 1967 an Szondis Seminar war der einzige Berlin-Besuch des Dichters.

„AVL an der FU – Studieren zwischen gestern und morgen“

Die Feierlichkeiten zum Jubiläum, die mit einem Fest und einem musikalischen Auftritt von Frank Heibert, August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessor für Poetik der Übersetzung am Peter-Szondi-Institut, erst am späten Abend endeten, hatten am Nachmittag mit der Podiumsdiskussion „AVL an der FU – Studieren zwischen gestern und morgen“ begonnen. Hella Tiedemann, in den siebziger Jahren „nur“ außerplanmäßige Professorin, aber für die Studierenden damals „eine zentrale Figur“ am Seminar, und Gregor Gumpert, langjähriger Privatdozent und Gastprofessor – den die Studierenden „gerne als Lehrenden halten“ würden, wie Irene Albers berichtet – debattierten mit den Studierenden Rosa Baumgartner und Paul Wolff.

Nach der Ausstellungseröffnung und der Vorstellung des Bandes „Nach Szondi", der auf 540 Seiten kommentierte Dokumente, Rückblicke von Ehemaligen und Protokolle der Gespräche, die die Masterstudierenden um Irene Albers mit den Ehemaligen geführt haben, versammelt, lasen der Schauspieler Hanns Zischler und die Autorin Ginka Steinwachs aus deren 1969 entstandenem theatralem Monolog „Die weiße Woche". Den Festvortrag am Abend hielt der Szondi-Schüler und Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann. Er sprach über „Kunst des Verstehens, Kunst des Nichtverstehens. Peter Szondi, die Literatur und die Kunstwissenschaften.“

„Engagement der Studierenden nicht mit Creditpoints zu fassen"

Auch der Schriftsteller David Wagner ist an diesem Dezembertag als Alumnus nach Dahlem gekommen. Er hat von 1991 bis 1995 an der Freien Universität studiert. An sehr gute Lehrer in seiner Studienzeit erinnere er sich: Hella Tiedemann, Barbara Naumann und Winfried Menninghaus. Auf seine ehemaligen Kommilitonen treffe er immer wieder und überall, nicht nur in der Berliner Literatur- und Kulturszene. Es sei eine besondere Zeit gewesen, damals im Hüttenweg, sagt David Wagner, – der dritten Institutsadresse nach dem legendären Kiebitzweg 23 (der heutigen AStA-Villa an der Otto-von-Simson-Straße 23). Dieser war am Jubiläumstag geöffnet, wer wollte, konnte sich einer Führung etwa zu Szondis Büro anschließen.

Irene Albers bedankte sich bei ihren Studierenden, mit denen sie im Rahmen der Ausstellungsvorbereitung gemeinsam zahlreiche Ehemalige angesprochen und die Verbindung zu ihnen hergestellt hatte. Was wiederum zu lebhaften Kontakten unter diesen geführt hätte. Überhaupt sei das Engagement der Studierenden, so Irene Albers, weit über das hinausgegangen, was üblich und mit Creditpoints zu erfassen sei.

Präsident Professor Peter-André Alt nannte das Peter-Szondi-Institut, ehemals -Seminar, in seinem Grußwort eine „Pflanzschule“ – abgeleitet von dem lateinischen Begriff Seminarium. Tatsächlich sei es von Beginn an ein „fruchtbarer Garten“ gewesen, ein Ort, an dem, seinem selbstverordneten Programm gemäß, allgemein und vergleichend arbeiten zu wollen, philologisch Grundsätzliches verhandelt werde, sagte Alt. Stolz blicke die Freie Universität auf ihr Institut, „das wie alle Hochbegabten ist: intellektuell einzigartig, manchmal schwierig, zuweilen streitbar, immer aufregend“.

Weitere Informationen

Ausstellung „Ethos des Lesens“

Die Ausstellung in der Philologischen Bibliothek ist noch bis zum 15. März 2016 zu sehen.

Zeit und Ort

  • montags bis freitags 9 bis 22 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 20 Uhr. Bitte beachten Sie die Schließzeiten zum Jahreswechsel 2015/2016 und an gesetzlichen Feiertagen in Berlin
  • Philologische Bibliothek, Habelschwerdter Allee 45, 14195 Berlin (U-Bhf. Thielplatz, U 3)

Buch „Nach Szondi"

Nach Szondi. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freuen Universität Berlin 1965–2015, Kulturverlag Kadmos, 544 Seiten, 24,90 Euro (bis 31. Dezember 2015 zum Subskriptionspreis von 20 Euro erhältlich); ISBN 978-3-86599-322-9.