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Zeichen der Anerkennung nach 76 Jahren

Stolpersteinverlegung für den Berliner Pelzhändler Leo Adler / Initiative von Studierenden des Osteuropa-Instituts der Freien Universität

11.12.2015

Der eingesetzte Stolperstein für Leo Adler (1898-1939) in der Heinrich-Heine-Straße in Kreuzberg.
Der eingesetzte Stolperstein für Leo Adler (1898-1939) in der Heinrich-Heine-Straße in Kreuzberg. Bildquelle: Manuel Krane
Rita und Simon Berger bei der Stolpersteinverlegung.
Rita und Simon Berger bei der Stolpersteinverlegung. Bildquelle: Manuel Krane
Leo und Sabina Adler mit ihren Kindern Norbert, Fedor und Rita 1939 in Zbąszyń.
Leo und Sabina Adler mit ihren Kindern Norbert, Fedor und Rita 1939 in Zbąszyń. Bildquelle: Aus dem Besitz der Familie Berger
Künstler Gunter Demnig setzt den Stolperstein in der Heinrich-Heine-Straße ein.
Künstler Gunter Demnig setzt den Stolperstein in der Heinrich-Heine-Straße ein. Bildquelle: Manuel Krane
Professorin Gertrud Pickhan hielt einen Vortrag über die „Polenaktion“.
Professorin Gertrud Pickhan hielt einen Vortrag über die „Polenaktion“. Bildquelle: Manuel Krane

„Mein Vater hat kein Grab, es gibt keinen Ort, an dem sein Name erwähnt wird“, sagt Rita Berger. „Mit dem Stolperstein ändert sich das.“ Die 86-jährige Tochter von Leo Adler, der im Oktober 1938 im Rahmen der sogenannten Polenaktion zunächst nach Zbąszyń deportiert und 1939 bei einem Massaker in Dynów ermordet wurde, ist dankbar für das Zeichen, das an diesem Novembernachmittag in Berlin durch die Verlegung eines Stolpersteins gesetzt wurde. Für Rita Berger, die mit einer Verwandtschafts-Delegation aus Long Beach in den USA angereist war, war die Verlegung durch den Kölner Künstler Gunter Demnig an der Kreuzberger Heinrich-Heine-Straße „ein sehr bewegender Moment“.

Die Initiative, an die Opfer der „Polenaktion“ durch die Verlegung von Stolpersteinen zu erinnern, ging von Studentinnen und Studenten des Osteuropa-Instituts aus. Sie hatten im Rahmen eines Seminars von Professorin Gertrud Pickhan und Alina Bothe die Biografien von während der „Polenaktion“ ermordeten Juden recherchiert. Véronique Mickisch hat sich mit der Lebensgeschichte Leo Adlers beschäftigt. Die Studentin stieß auf Rita Berger, Adlers einzige noch lebende Tochter, sowie deren Kinder – Adlers Enkel – in Long Beach im US-Bundesstaat New York. Der Stolperstein für Leo Adler ist der erste von mehreren Steinen, die für die Opfer der „Polenaktion“ verlegt werden sollen.

Deportation und Ermordung Leo Adlers

Leo Adler und seine Frau Sabina waren um die Jahrhundertwende mit ihren Familien von Polen nach Berlin gezogen. Sie bauten gemeinsam ein Pelzgeschäft in Kreuzberg auf, das bis 1933 sehr gut lief. Unmittelbar vor der „Polenaktion“ erhielt Adler einen Hinweis und konnte sich mit seinem ältesten Sohn Norbert verstecken. Seine Frau Sabina war von den Nazis allerdings so eingeschüchtert worden, dass Leo und Norbert Adler sich stellten, um die Familie zu schützen. Sie wurden ins polnische Zbąszyń abgeschoben. Am 16. September 1939 wurde Leo Adler in Dynów bei einem Massaker der Einsatzgruppe Woyrsch ermordet. Seine drei Kinder Norbert, Fedor und Rita überlebten in der Sowjetunion. Norbert Adler starb 2011, Fedor Adler 2006. Rita Adler – heute heißt sie Berger – ist das einzig noch lebende Kind Leo Adlers.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hätte sich niemand aus Deutschland bei ihrer Familie gemeldet, sagt Rita Berger. Es habe kein Zeichen der Wiedergutmachung oder der Versöhnung gegeben.

Historisch wenig erforscht

Geschichtsprofessorin Getrud Pickhan erklärt die Tatsache, dass die „Polenaktion“ bisher historisch wenig beachtet worden sei, mit der zeitlichen Nähe zur Pogromnacht am 9. November 1938. Diese habe eine deutlich höhere mediale Aufmerksamkeit erfahren. „Bis heute wissen wir nicht genau, wie viele Menschen von Berlin aus nach Polen deportiert wurden“, sagt Gertrud Pickhan. Es gebe kaum Forschung – lediglich durch die Memoiren des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki, der selbst Opfer dieser Deportationen war, habe die „Polenaktion“ in der Öffentlichkeit etwas Aufmerksamkeit bekommen.

Massendeportation von polnischen Juden

Die Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland hatte auf polnischer Seite zu der Befürchtung geführt, dass viele in Deutschland lebende Polen jüdischen Glaubens nach Polen zurückkehren würden. Diese Befürchtung wurde durch den „Anschluss“ Österreichs im März 1938 weiter bestärkt. Die polnische Regierung hatte daraufhin ein Gesetz erlassen, das es möglich machte, Menschen, die sich länger als fünf Jahre ununterbrochen nicht in Polen aufgehalten hatten, die polnische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Im August 1938 reagierte Deutschland mit einer neuen Reichsausländerverordnung, durch die Ausländern ohne gültigen Pass die Aufenthaltserlaubnis entzogen werden konnte.

Zu dieser Zeit lebten in Deutschland zahlreiche Polen, die schon vor vielen Jahren ihr Heimatland verlassen hatten und deren Lebensmittelpunkt Deutschland war. Durch die neuen Gesetze gerieten sie in ein Dilemma: Im Oktober 1938 kam der Befehl, dass alle in Deutschland lebenden Juden polnischer Staatsangehörigkeit nach Polen abzuschieben seien. Auch dort waren sie allerdings nicht willkommen, da man befürchtete, sie würden verarmt sein. Teilweise mussten die Menschen tagelang im Niemandsland zwischen Deutschland und Polen ausharren, ohne dass feststand, was mit ihnen passieren würde.

„Die Polenaktion war die erste Massendeportation aus dem Deutschen Reich“, erläutert Gertrud Pickhan, die am Osteuropa-Institut der Freien Universität zu dem Thema forscht. Es sei kein Zufall gewesen, dass ihre Opfer Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit in Deutschland waren: „Sie waren das leichteste Opfer“, sagt Pickhan.

„Ein Stein des Lebens“

Leo Adler jr., Leo Adlers ältester Enkel, betont die Bedeutung des Stolpersteins für seine Familie: „Es ist ein Stein, der zeigt, wo Leo Adler gelebt hat.“ Und auch Véronique Mickisch sagt: „Es ist wichtig, dass es ein Stein des Lebens geworden ist und kein Grabstein.“ Adlers Nachfahren wohnen heute in den USA und Kanada, aber für die Familie sei es wichtig, einen Erinnerungspunkt in Deutschland zu haben, sagt Leo Adler jr.: „Wenn unsere Kinder nach Berlin kommen, müssen sie kein Grab besuchen, sondern sehen einen Lebensstein.“


Einsatz für Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Dabei werden auf Bürgersteigen kleine Gedenktafeln in den Boden eingelassen, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Die Messingtafeln sind bestimmten Personen gewidmet, enthalten kurze Informationen zu ihrem Leben und werden in der Regel vor deren letzten selbstgewählten Wohnsitz verlegt. Um die Finanzierung weiterer Stolpersteine für die Opfer der „Polenaktion“ zu sichern, haben die Studenten des Osteuropa-Instituts über die Crowdfunding-Plattform „Betterplace“ zu Spenden aufgerufen; Herstellung und Verlegung eines Stolpersteins kostet jeweils 120 Euro. „Ich halte es für wichtig, dass die Erinnerung an den Holocaust im Berliner Stadtbild präsent ist“, sagt Véronique Mickisch, „gerade in der Stadt, in der der Massenmord geplant wurde.“

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