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Wo stoßen Menschenrechte an Grenzen?

Mit einem Vortrag des kanadischen Professors für internationales Recht, Stephen Toope, wurde das erste deutsch-israelische Graduiertenkolleg, ein internationales und interdisziplinäres Doktorandenprogramm zum Thema Menschenrechte, feierlich eröffnet.

07.07.2015

Der kanadische Professor für internationales Recht, Stephen Toope, hielt einen Vortrag mit dem Thema „Can Human Rights Prevent Torture“.
Der kanadische Professor für internationales Recht, Stephen Toope, hielt einen Vortrag mit dem Thema „Can Human Rights Prevent Torture“. Bildquelle: Frederic Schweizer
Auch der Botschafter Israels in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, war zu Gast und richtete Grußworte an das Graduiertenkolleg.
Auch der Botschafter Israels in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, war zu Gast und richtete Grußworte an das Graduiertenkolleg. Bildquelle: Frederic Schweizer
Tomer Broude ist Professor für Rechtswissenschaft an der Hebrew University of Jerusalem und leitet das Graduiertenkolleg gemeinsam mit Prof. Dr. Hoffmann-Holland.
Tomer Broude ist Professor für Rechtswissenschaft an der Hebrew University of Jerusalem und leitet das Graduiertenkolleg gemeinsam mit Prof. Dr. Hoffmann-Holland. Bildquelle: Frederic Schweizer
Klaus Hoffmann-Holland, Professor für Rechtswissenschaft und Vizepräsident der Freien Universität Berlin, leitet das Graduiertenkolleg „Human Rights Under Pressure“.
Klaus Hoffmann-Holland, Professor für Rechtswissenschaft und Vizepräsident der Freien Universität Berlin, leitet das Graduiertenkolleg „Human Rights Under Pressure“. Bildquelle: Frederic Schweizer
Der Präsident der Freien Universität, Prof. Dr. Peter-André Alt, betonte die Bedeutung der Kooperation der beiden Universitäten im wissenschaftlichen Bereich.
Der Präsident der Freien Universität, Prof. Dr. Peter-André Alt, betonte die Bedeutung der Kooperation der beiden Universitäten im wissenschaftlichen Bereich. Bildquelle: Frederic Schweizer
In direktem Austausch: Viele junge Gäste verfolgten die feierliche Eröffnung, darunter auch 12 internationale Doktoranden, die derzeit am Graduiertenkolleg forschen.
In direktem Austausch: Viele junge Gäste verfolgten die feierliche Eröffnung, darunter auch 12 internationale Doktoranden, die derzeit am Graduiertenkolleg forschen. Bildquelle: Frederic Schweizer

Festvorträge sind selten politisch aktuell und zugleich wissenschaftlich fundiert und rhetorisch brillant. Der Vortrag des kanadischen Juristen Stephen Toope mit dem Titel „Can Human Rights Prevent Torture“ („Können Menschenrechte Folter verhindern“), mit dem das deutsch-israelische Graduiertenkolleg „Human Rights Under Pressure“ feierlich eröffnet wurde, war jedoch eine solche Lehrstunde im besten Sinne des Wortes. Toopes Ansprache zeigte, wie brisant das Thema Menschenrechte ist, dem sich Doktoranden an der Freien Universität Berlin und der Hebrew University of Jerusalem aus transnationaler Perspektive widmen.

Stephen Toope, Leiter der Munk School of Global Affairs der Universität Toronto, gilt als Experte für Internationales Recht. In seinem Vortrag stellte er die Frage, ob das grundsätzliche Bekenntnis zu den Menschenrechten Folter, wie sie in vielen Ländern – unter anderem auch durch die USA im Gefangenenlager Guantanamo – ausgeübt wurde oder wird, verhindern könnten. De facto habe es, trotz der UN-Antifolterkonvention aus den 1980er Jahren, nie ein Ende von Folter gegeben, sondern man müsse sogar nach dem 11. September 2001 von einer neuen Akzeptanz sprechen, als die Bush-Administration dem Terror den Krieg erklärte und „aggressive interrogation“, also „gewaltsame Befragung“, oder andere „erweiterte“ („enhanced“) Fragetechniken legitimierte. Toopes Fazit: Jede Generation müsse dafür sorgen, dass das bisher Erreichte immer wieder neu bekräftigt werde.

Israelische und deutsche Denkweisen ergänzen sich

Eine Aufgabe auch für die 12 Doktoranden und zwei Postdoktoranden, die derzeit Mitglieder des Graduiertenkollegs sind. Betreut von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin, des Minerva-Zentrums für Menschenrechte der Hebrew University of Jerusalem und des Menschenrechtszentrums Potsdam beschäftigten sich die Nachwuchswissenschaftler mit Menschenrechten sowohl interdisziplinär als auch transnational. Das Graduiertenkolleg umfasst ein Fächerspektrum von Jura über Soziologie bis hin zu Philosophie und Geschichte. Die Doktoranden stammen nicht alle aus Israel oder Deutschland – in der internationalen Gruppe arbeiten z.B. auch Nachwuchswissenschaftler aus Südafrika, Frankreich, Italien, der Schweiz und den U.S.A. mit.

Ein anregendes Umfeld – wie auch der israelische Botschafter Yakov Hadas-Handelsman in seiner Ansprache sagte. Er bezeichnete es als „Win-win-Situation“, wie sich deutsche und israelische Denkweisen ergänzen könnten: Deutschen falle es schwer um die Ecke zu denken, „to think outside the box“, wie er auf Englisch erklärte. Israelis hingegen hätten Schwierigkeiten „geradeaus zu denken“ „to think inside the box“, sagte er zur Freude des Publikums. Er hob die Bedeutung der Kooperationen zwischen Deutschland und Israel im Bereich der Wissenschaft hervor, deren historische „Einzigartigkeit“ auch besondere Chancen berge. Zusammenarbeit in der Forschung sei ein wichtiger Faktor für künftige Kooperationen und die Weiterentwicklung beider Gesellschaften.

Wissenschaftliche Kooperationen waren der Wegbereiter diplomatischer Beziehungen

Wie ihm die wissenschaftliche Zusammenarbeit den Weg nach Deutschland auf eine ganz persönliche Weise geebnet habe, erzählte Tomer Broude, Professor für Rechtswissenschaft an der Hebrew University of Jerusalem. Er leitet das Graduiertenkolleg gemeinsam mit Klaus Hoffmann-Holland, ebenfalls Professor für Rechtswissenschaft und Vizepräsident der Freien Universität Berlin. Broude, Sohn eines Physikers, hatte bereits als Kind Deutschland besucht – mit seinem Vater, der damals als Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg war.

Auch Professor Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität Berlin, hob die Bedeutung der Zusammenarbeit im wissenschaftlichen Bereich hervor. Er erinnerte an jene Studierenden der Freien Universität, die schon 1957 mit einem Brief an den Präsidenten der Hebrew University of Jerusalem ihrem Wunsch Ausdruck verliehen hatten, mit der Hochschule zu kooperieren. Zwar seien jüdische Fragen und der Staat Israel bereits in Vorlesungen und Übungen „zum Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Arbeit“ geworden, schrieben sie, ein direkter Austausch könne diese Arbeit „unvergleichlich fruchtbarer“ machen.

Heute, mehr als 50 Jahre später, scheint ein solcher „direkter Austausch“ fast selbstverständlich, die internationale Doktorandengruppe wirkte vertraut miteinander, wenn etwa das deutschsprachige Grußwort von Frau Hermani, Science Counsellor der deutschen Botschaft in Tel Aviv, für die israelischen Kommilitonen rasch auf Englisch zusammengefasst und ihnen zugeflüstert wurde. Hebrew University und Freie Universität sind seit 1986 durch eine Partnerschaft und seit 2011 durch eine strategische Partnerschaft verbunden, die zahlreiche Kooperationsprojekte in allen Disziplinen, Studierendenaustausch und Zusammenarbeit auf Verwaltungsebene umfasst und im Jubiläumsjahr „50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel“ weiter ausgebaut wird. Die strategische Partnerschaft war auch Modell für weitere gleichartige Partnerschaften der Freien Universität, wie die mit der kanadischen University of British Columbia, die Festredner Stephen Toope, damals noch Präsident der Hochschule, im letzten Jahr unterzeichnet hat.