Freie Universität Berlin


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„Ihr, die ihr gesichert lebet…“

Freie Universität gedenkt der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz mit einer Kranzniederlegung

27.01.2015

Mit Schweigeminuten, einer Kranzniederlegung sowie einer Gedichtlesung gedachten Angehörige und Studierende der Freien Universität sowie Gäste am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus.
Mit Schweigeminuten, einer Kranzniederlegung sowie einer Gedichtlesung gedachten Angehörige und Studierende der Freien Universität sowie Gäste am 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz der Opfer des Nationalsozialismus. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Professorin Angela Friederici (links), Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft, Professor Peter-André Alt (rechts), Präsident der Freien Universität, sowie der Vizekanzler der Universität, Matthias Dannenberg, legen zum Gedenken Kränze nieder.
Professorin Angela Friederici (links), Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft, Professor Peter-André Alt (rechts), Präsident der Freien Universität, sowie der Vizekanzler der Universität, Matthias Dannenberg, legen zum Gedenken Kränze nieder. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Vor dem Gebäude des Otto-Suhr-Instituts in der Dahlemer Ihnestraße 22 versammelten sich am 27. Januar mehr als 100 Menschen – um gemeinsam zu schweigen. Der Ort der Gedenkveranstaltung war bewusst gewählt: In dem Gebäude befand sich von 1927 bis 1945 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik. Die dort arbeitenden Wissenschaftler waren mit der sogenannten Rassenforschung an den nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt. Unter anderem hatte der KZ-Arzt Josef Mengele Körperteile von ermordeten Häftlingen aus Auschwitz an das Berliner Institut geschickt. Nachdem der Präsident der Freien Universität Berlin, Professor Peter-André Alt, sowie Professorin Angela Friederici, Vizepräsidentin der Max-Planck-Gesellschaft – deren Vorläuferin die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft war – vor dem Gebäude Kränze niedergelegt hatten, gedachten die Anwesenden der Opfer des NS-Terrors.

Gedichte als mahnendes Gedenken

Zum Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers Auschwitz lasen zwei Studentinnen des Otto-Suhr-Instituts die Gedichte von Überlebenden vor. Zum einen die Einleitung des italienischen Schriftstellers Primo Levi zu seinem autobiographischen Bericht „Ist das ein Mensch“, die sich mit den Worten „Ihr, die ihr gesichert lebet…“ an die Menschen richtet, die den Terror der NS-Gewaltherrschaft nicht am eigenen Leib erfahren mussten. Zum anderen wurde das Gedicht „Der Kamin“ von Ruth Klüger vorgetragen, einer in Wien geborenen US-amerikanischen Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin.

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Zum Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers Auschwitz lasen zwei Studentinnen des Otto-Suhr-Instituts die Gedichte von Überlebenden vor.
Zum Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers Auschwitz lasen zwei Studentinnen des Otto-Suhr-Instituts die Gedichte von Überlebenden vor. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Studierende des Otto-Suhr-Instituts stellen Grablichter neben dem Gebäude der Universitätsbibliothek in der Harnackstraße auf. An diesem Ort waren Bauarbeiter bei Sanierungsarbeiten im Sommer 2014 auf Knochen gestoßen.
Studierende des Otto-Suhr-Instituts stellen Grablichter neben dem Gebäude der Universitätsbibliothek in der Harnackstraße auf. An diesem Ort waren Bauarbeiter bei Sanierungsarbeiten im Sommer 2014 auf Knochen gestoßen. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Nach den darauffolgenden Schweigeminuten besuchten die Anwesenden gemeinsam den nahegelegenen Ort in der Harnackstraße, an dem im Sommer 2014 bei Sanierungsarbeiten von Außenanlagen der Universitätsbibliothek menschliche Knochenteile gefunden wurden. Neben den Knochen lagen auch einige runde Plastikmarken unterschiedlicher Farben mit handschriftlichen Zahlen darauf sowie eine Ampulle mit dem eingetrockneten Rest eines Anästhetikums. Nach einer gutachterlichen Einschätzung erinnern die Plastikmarken an Markierungen für biologische oder medizinische Präparate. Bei dem Fund könnte es sich deshalb möglicherweise um die Knochen von NS-Opfern handeln. Das Online-Magazin berichtete damals in der Rubrik "Intern".

Studierende zündeten zum Gedenken Grablichter an der Fundstelle an. Zu der Mahnwache hatte auch der Archäologe Reinhard Bernbeck aufgerufen, der gemeinsam mit seinem Team die Überreste eines der ältesten Konzentrationslager aus der Zeit des NS-Regimes auf dem Tempelhofer Feld erforscht.

Gedenktafel erinnert an die Geschichte des Hauses

Schon vor der NS-Diktatur hatten Wissenschaftler im Namen anthropologischer Forschung im Kaiser-Wilhelm-Institut Skelette und einzelne Knochen von Opfern aus deutschen Kolonien gesammelt, um rassistische Theorien zu untermauern.

Von 1927 an hatte der Anthropologe und Rassenhygieniker Eugen Fischer in dem Gebäude Ihnestraße 22 gearbeitet. Otmar von Verschuer, der 1942 die Nachfolge Eugen Fischers als Institutsdirektor antrat, forschte in dem Gebäude an Zwillingen. Er wollte nachweisen, dass Krankheiten und psychische Störungen, aber auch charakterliche Neigungen, erblich sind. Sein Doktorand war Josef Mengele, der später als Arzt im Konzentrationslager Auschwitz menschenverachtende medizinische Experimente an Häftlingen durchführte – und der Organe und andere Körperteile von im KZ ermordeten Menschen auch im Kaiser-Wilhelm-Institut untersuchen ließ. Heute erinnert eine Gedenktafel am Eingang des Otto-Suhr-Instituts an die dunkle Geschichte des Gebäudes.

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