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Weltmeisterliche Prognosen

Wissenschaftler der Freien Universität sahen Deutschland schon früh im Finale – auch wenn nicht jedes Orakel-Ergebnis stimmte

14.07.2014

Deutschland ist Weltmeister! Forscher der Freien Universität zeigen, dass sich der Verlauf einer Meisterschaft mit wissenschaftlichen Methoden ungefähr voraussagen lässt.
Deutschland ist Weltmeister! Forscher der Freien Universität zeigen, dass sich der Verlauf einer Meisterschaft mit wissenschaftlichen Methoden ungefähr voraussagen lässt. Bildquelle: Ingo Bartussek / Fotolia.com

Deutschland ist Weltmeister! Wer hätte das gedacht? Immerhin im Finale sahen Löws Nationalelf sowohl Soziologieprofessor Jürgen Gerhards als auch Informatikprofessor Raúl Rojas von der Freien Universität. Beide hatten im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2014 mit wissenschaftlichen Methoden den Turnierverlauf prognostiziert. Als Grundlage für eine Prognose wählte Professor Jürgen Gerhards gemeinsam mit seinen Wissenschaftlerkollegen Professor Michael Mutz (Universität Göttingen) und Professor Gert G. Wagner (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) den Marktwert der Nationalmannschaften: Je mehr ein Team wert sei, desto höher seien die Chancen auf einen Sieg. Raúl Rojas programmierte mit seinen Mitarbeitern einen Simulator, der verschiedene Faktoren in die Berechnung des Spielausgangs einbezieht: neben dem Marktwert etwa auch das Alter der Spieler oder die Erfahrung der Teams. Campus.leben sprach mit beiden Wissenschaftlern über die tatsächliche Trefferquote ihrer Vorhersagen und die Spannung bei jeder Fußball-Weltmeisterschaft, die durch die Überraschungsmomente lebt.

Deutschland hat es ins Finale geschafft, wie Sie es vorhergesagt hatten – und sogar gewonnen. Aber die Mannschaft traf nicht auf Spanien, sondern auf Argentinien. Wie erklären Sie sich, dass Spanien so früh ausgeschieden ist?

Jürgen Gerhards: Wir hatten prognostiziert, dass Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich und Spanien zu den Favoriten gehören würden. Und wir hatten Belgien als Geheimfavoriten relativ weit vorne gesehen. Abgesehen von der Spanien-Prognose lagen wir damit nicht ganz falsch. Drei der Mannschaften, die im Halbfinale waren, haben wir dort auch vorweg gesehen: Brasilien, Deutschland und Argentinien. Statt Spanien haben es aber die Niederländer ins Halbfinale geschafft. In der Tat waren das Ausscheiden Spaniens und der Gruppensieg von Costa Rica die größten Überraschungen.

Raúl Rojas: Vier der fünf Teams, die in der Simulation am stärksten waren, sind tatsächlich im Halbfinale gelandet. Spanien war das fünfte Team und ist ausgeschieden. Die Simulation hat nicht nur den Marktwert in die Berechnung eingezogen, sondern Faktoren aus verschiedenen Rankings: dem Elo-Ranking, dem FIFA-Ranking und dem Soccer Power Index. Außerdem haben wir die Simulation nach jedem Spiel aktualisiert, sodass wir ein genaueres Ergebnis bekommen haben. Egal welche Faktoren berücksichtigt wurden, Deutschland hatte zuletzt einfach die besten Chancen.

Wie genau lassen sich die Ergebnisse eines solchen internationalen Turniers überhaupt vorhersagen? Und woran liegt es, wenn eine Prognose derart daneben liegt?

Gerhards: Man muss bedenken, dass Prognosen immer Wahrscheinlichkeitsaussagen sind, man die faktischen Ergebnisse aber nicht genau vorhersagen kann. Könnte man mit Sicherheit den Ausgang einer WM prognostizieren, wären die Spiele spannungslos und dadurch langweilig. Außerdem würde man durch entsprechende Wetten steinreich werden. Bei Turnieren wie der Weltmeisterschaft ist es zudem im Vergleich zu Liga-Fußball besonders schwierig, den Ausgang vorherzusagen: Hat die Mannschaft einen schlechten Tag oder ist emotional blockiert? Kommt es zu Fehlern während des Spiels oder Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern?

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All dies kann eine Mannschaft nicht einfach in den nächsten Spielen ausgleichen. Solche Umstände können in einer WM dazu führen, dass ein Team früh ausscheidet. Durch wissenschaftliche Prognosen versuchen wir, allgemeingültige Prinzipien herauszufinden. Aber wenn manche Mannschaften überraschend gut und andere Mannschaften überraschend schlecht abschneiden, lässt sich das nicht systematisch erklären, sondern nur im Nachhinein analysieren. Häufig war es dann die Eigendynamik eines Spiels, die entschieden hat, wer letztlich gewinnt: Eine Mannschaft gerät zum Beispiel früh in Rückstand, ändert die Taktik und spielt offensiver, wird dadurch aber gerade anfälliger für einen zweiten gegnerischen Treffen – und schon ist das Spiel entschieden.

Rojas: Dennoch können wir uns im Vorfeld eines Spiels ein recht genaues Bild von den Chancen einer Mannschaft verschaffen. Dabei ist es wichtig, mehrere Faktoren einzubeziehen. Der Marktwert ist einer davon. Aber nach der Erfahrung bei dieser WM ist das Elo-Ranking am stabilsten: 13 von 16 Achtelfinalisten haben wir damit richtig vorhergesagt. Die vier Teams in den Halbfinalspielen waren in der Elo-Rangliste ebenfalls ganz oben – zusammen mit Spanien. Das Ranking berücksichtigt neben dem Marktwert auch spielerische Qualitäten von Mannschaften, die nicht so „teuer“ sind.

Andere Faktoren wie das Alter der Spieler spielen auch eine Rolle: Sind die Spieler im Schnitt 26 Jahre alt – wie im deutschen Team –, stehen ihre Chancen auf einen Sieg am besten. Argentiniens Spieler sind durchschnittlich zwei Jahre älter. Dafür haben die Argentinier den Stürmer und Weltfußballer Lionel Messi. Einzelne Spieler können den Spielverlauf auch maßgeblich beeinflussen. Solche scheinbaren Kleinigkeiten dürfen bei der Vorhersage des WM-Ergebnisses nicht außer Acht gelassen werden – sind mathematisch aber nur schwer zu erfassen.

Wann stand für Sie fest, dass Deutschland den Titel holt?

Rojas: Deutschland hat ein sehr starkes Mittelfeld und eine gute Verteidigung. Sie arbeiten gut als Team zusammen. Das hat man auch im Finale wieder gesehen. Die deutsche Mannschaft hat sich die ganze Weltmeisterschaft über behauptet. – Auch das kann Einfluss auf den Ausgang des Finales haben. Im Laufe der WM hat sich abgezeichnet, dass Deutschland sehr weit kommt. Das zeigt auch unsere Simulation. Ob Deutschland tatsächlich Weltmeister würde, war natürlich bis zum Schluss offen – Fußball ist und bleibt ein Spiel mit vielen Unwägbarkeiten.

Gerhards: Fest stand es natürlich erst beim Abpfiff des Finalspiels. Aber nach dem Ausscheiden Spaniens war Deutschland mit 526 Millionen Euro das teuerste Team im Turnier. Argentinien hat dagegen „nur“ einen Marktwert von 392 Millionen Euro. Dass Deutschland gewinnt, hatte also eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Aber die Weltmeisterschaft hat auch gezeigt, dass sich manche Entwicklungen nicht vorhersagen lassen. Das Ergebnis des Halbfinales Brasilien gegen Deutschland ist dafür das beste Beispiel. Bei der Europameisterschaft in zwei Jahren kommt die Marktwert-Methode erneut zum Einsatz. Dann werden wir sehen, ob die Wissenschaft nicht doch ein wenig als Orakel taugt.

Die Fragen stellte Verena Blindow.

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