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„Ein Zeichen dafür, die Stimme gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu erheben“

Zum internationalen Frauentag am 8. März ein Gespräch mit Claudia Jarzebowski, Geschichtsprofessorin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität

05.03.2014

Clara Zetkin (links) hatte 1907 auf der Ersten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz das allgemeine Frauenwahlrecht gefordert. Das Bild zeigt sie mit Rosa Luxemburg auf dem Weg zum SPD-Parteitag im Jahr 1910.
Clara Zetkin (links) hatte 1907 auf der Ersten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz das allgemeine Frauenwahlrecht gefordert. Das Bild zeigt sie mit Rosa Luxemburg auf dem Weg zum SPD-Parteitag im Jahr 1910. Bildquelle: Rosa-Luxemburg-Stiftung
Dr. Claudia Jarzebowski ist Professorin am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität Berlin.
Dr. Claudia Jarzebowski ist Professorin am Friedrich-Meinecke-Institut für Geschichtswissenschaft der Freien Universität Berlin. Bildquelle: www.menarc.com

Am 19. März 1911 fand der erste internationale Frauentag statt: in Dänemark, der Schweiz, Österreich, Deutschland und den USA. Erst 1921 wurde der 8. März als Datum für einen Gedenktag festgelegt. Was bedeutet der internationale Frauentag heute, 103 Jahre nach seiner Einführung? Ein Campus.leben-Interview mit der Historikerin Claudia Jarzebowski, die sich am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität mit historischer Emotionenforschung und Anthropologie beschäftigt, mit Geschlechtergeschichte und Geschichte der Sexualität(en).

Frau Professor Jarzebowski, in welcher politischen und gesellschaftlichen Atmosphäre wurde der internationale Frauentag 1911 erstmals begangen?

Im Zentrum des Internationalen Frauentags stand damals die Forderung nach dem allgemeinen (aktiven und passiven) Frauenwahlrecht. Eine Forderung, die Clara Zetkin auf der Ersten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz 1907 erhoben hatte. Als Allererste – nämlich schon 1791 – hatte das die später hingerichtete Olympe de Gouges während der Französischen Revolution gefordert; das war später im Rahmen der Pariser Kommune wiederholt worden.

1910 war die Zeit reif, dieser Forderung, die von der bürgerlichen – doch lautstärker und vehementer noch von der sozialistischen – Frauenbewegung vertreten wurde, zum politischen Durchbruch zu verhelfen. Finnland war 1906 das erste europäische Land, in dem das aktive und passive Wahlrecht für Frauen (gleichzeitig mit dem für Männer) eingeführt wurde. Bereits 1893 hatten Frauen im britischen Territorium Neuseeland das aktive Wahlrecht bekommen, 1894 folgte Südaustralien. Hier galt das Wahlrecht allerdings nur für weiße Frauen, nicht für die der „indigenous people“.

Somit war der Erste Internationale Frauentag am 19. März 1911 – einen Tag nach dem Gedenken an die Märzrevolution – ein kraftvolles und erfolgreiches Zeichen des Aufbruchs in eine Welt der politischen Gleichberechtigung: In Deutschland konnten Frauen sich 1919 erstmals an Wahlen beteiligen, in den USA ab 1920.

Was bedeutet der 8. März für Frauen heute, 103 Jahre nach seiner Einführung als Gedenktag?

Der Internationale Frauentag ist eine lebendige Mahnung: Die politische Gleichberechtigung führt, wie wir heute wissen, nicht automatisch zu gleichen Chancen, die Rechte der politischen Teilhabe auch in Anspruch zu nehmen. Die politische Gleichberechtigung war und ist aber die Voraussetzung dafür, soziale und wirtschaftliche Menschenrechte einzufordern und durchzusetzen.

Eine Mahnung ist der Internationale Frauentag auch in einer zweiten Hinsicht: die kulturelle und politische Vielfalt von Lebenswelten von Frauen und Männern endlich ernster zu nehmen, auch innerhalb der internationalen Organisationen, etwa der International Labour Organisation (ILO).

Schließlich sollte der Internationale Frauentag Anlass sein, darüber nachzudenken, was die Globalisierung, die hohe Arbeitsmobilität, Migration, Umweltzerstörung für das Verhältnis der Geschlechter zueinander bedeuten und welche Aktionsformen sich eignen, um Frauen – und damit meistens auch ihre Familien – beim sozialen und politischen Überleben, etwa als Angehörige einer Minderheit, zu unterstützen.

Hatte EU-Kommissarin Viviane Reding recht, als sie vor einigen Jahren sagte, dass es ein Zeichen für fehlende Gleichberechtigung sei, wenn der Internationale Frauentag noch immer begangen werden müsse?

Nein. Der Internationale Frauentag ist ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, die Stimme gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu erheben. Der Internationale Frauentag ist ein Zeichen dafür, dass es sich lohnt, füreinander einzustehen. Der Internationale Frauentag ist ein Zeichen dafür, dass der Glaube an Institutionen nicht reicht, um politische Rechte einzufordern und durchzusetzen.

Welche Themen, die mit der Frauenbewegung und Genderfragen zu tun haben, beschäftigen Sie in ihrer Arbeit?

Im Moment interessieren mich besonders weltreisende Frauen des 17. und 18. Jahrhunderts, etwa Maria Sybilla Merian und ihre Tochter Dorothea. Zudem befasse ich mich mit Fragen von Politik und Emotion und der irrtümlichen Annahme, Frauen seien für die Gefühle und Männer für die Politik zuständig. Zumindest vor 1750 galt das nicht, und seit den 1990er Jahren gilt das nicht mehr. Grundsätzlich ist es so, dass in meinen Forschungen zur Kindheit, zur frühneuzeitlichen Globalisierung und Kolonialgeschichte sowie zur Historischen Emotionenforschung Geschlecht immer eine integrale Kategorie der Betrachtung darstellt, keine additive.

Die Fragen stellte Christine Boldt

Weitere Informationen

Empfang im Rahmen des Internationalen Frauentags am 11. März: Brot und Rosen

Anlässlich des Internationalen Frauentags lädt die zentrale Frauenbeauftragte die universitäre Öffentlichkeit zu einem Empfang am 11. März unter dem Motto „Brot und Rosen" ein.

Zeit und Ort

  • 10 Uhr Begrüßung durch die zentrale Frauenbeauftragte Mechthild Koreuber
  • 10.30 Uhr Vortrag von Dr. Sibylle Plogstedt: „Als der DGB begann, den 8. März wieder zu feiern: Frauenbewegung und Arbeitskämpfe in der Bundesrepublik"
  • 11.30 Uhr Empfang
  • 12 Uhr Verabschiedung und Bestellung der dezentralen Frauenbeauftragten durch die Vizepräsidentin Prof. Dr. Brigitta Schütt
  • 12.30 Uhr „Brot und Rosen" - ein Scherenschnittfilm (17 min.)

Bilder der Ausstellung: „Frauen im Aufbruch - Politische Plakate"

  • Topoi-Villa, Hittorfstr. 18, 14195 Berlin

Um Anmeldung per E-Mail an frauenbeauftragte@fu-berlin.de wird mit der Anzahl der teilnehmenden Personen gebeten.