Freie Universität Berlin


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„Gründerpotenzial auf 50 000 Quadratmetern“

Das ehemalige US-Militärkrankenhaus in der Dahlemer Fabeckstraße soll zum Technologie- und Gründungszentrum Südwest ausgebaut werden / Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Freien Universität Berlin

30.08.2013

Aus dem ehemaligen US-Militärhospital an der Dahlemer Fabeckstraße 62 soll das Technologie- und Gründungszentrum Südwest werden.
Aus dem ehemaligen US-Militärhospital an der Dahlemer Fabeckstraße 62 soll das Technologie- und Gründungszentrum Südwest werden. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Prof. Dr. Peter-André Alt: "Ich erwarte sehr viel davon, die traditionelle Grundlagenforschung mit Anwendungsperspektiven zu verbinden und so den Weg in die Entrepreneur-Welt durch studentische Initiativen besser bahnen zu können als vorher."
Prof. Dr. Peter-André Alt: "Ich erwarte sehr viel davon, die traditionelle Grundlagenforschung mit Anwendungsperspektiven zu verbinden und so den Weg in die Entrepreneur-Welt durch studentische Initiativen besser bahnen zu können als vorher." Bildquelle: David Ausserhofer

Forschen, erfinden, gründen. Dass die Freie Universität Berlin diesen Dreisprung beherrscht, zeigt ein Blick auf die Statistik: In den vergangenen 15 Jahren sind 70 Prozent aller Ausgründungen aus Forschungseinrichtungen im Berliner Südwesten aus der Freien Universität hervorgegangen. Ein Erfolg, den Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler mit der kürzlich verliehenen Auszeichnung „Entrepreneurial Network University“ honoriert hat. Nach einem Beschluss des Berliner CDU-Landesvorstands soll das Potenzial für Firmengründungen aus den Forschungseinrichtungen im Südwesten Berlins in einem Technologie- und Gründungszentrum (TGZ SW) gebündelt werden. Ein Gespräch mit dem Präsidenten der Freien Universität, Professor Peter-André Alt, über den Umbau eines ehemaligen US-Militärhospitals, den Bio-Campus Dahlem und den Vorteil kurzer Wege.

Herr Professor Alt, warum ist ein Technologie- und Gründungszentrum wichtig?

Weil die Universität der Zukunft neben den Standbeinen Lehre und Forschung ein drittes entwickeln muss, nämlich den Bereich der Ausgründungen, der Unternehmensförderung aus eigenen Initiativen. Wir sind hier schon handlungsfähig, brauchen aber auch entsprechende Flächen dafür. Wir wollen den starken Bio-Campus Dahlem, der mit seiner regionalen Komponente ein Grundstein des Netzwerkkonzepts der Freien Universität ist, in diese dritte Dimension der Gründerförderung integrieren. Ich erwarte sehr viel davon, etwa die traditionelle Grundlagenforschung mit Anwendungsperspektiven zu verbinden und so den Weg in die Entrepreneur-Welt durch studentische Initiativen besser bahnen zu können als vorher.

Wie würde die Freie Universität vom TGZ profitieren?

Die Einrichtungen, die in ein solches Gründungszentrum ziehen, sind angewiesen auf die Struktur unserer Universität. Andererseits profitieren auch wir, wenn Firmen, die sich aus der Initiative von Studierenden oder jungen Wissenschaftlern entwickeln, irgendwann auf eigenen Beinen stehen und in der Lage sind, sich mit Investitionen an der Entwicklung unserer Infrastruktur zu beteiligen. Das ist noch ein Wunschbild, aber eines, das durchaus das Zeug hätte, Wirklichkeit zu werden.

Wo sitzen die Gründer innerhalb der Universität, aus welchen Fächern erwarten Sie Ausgründungen?

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die meisten Gründungsinitiativen aus den Wirtschaftswissenschaften hervorgehen. Das Feld ist im Gegenteil sehr breit gestreut. An der Spitze steht die Informatik, was daran liegt, dass der Bereich der Digitalisierung, des Internets in fast jeder Gründungsidee eine konstitutive Rolle spielt. Dann sind da die Geowissenschaften und grundsätzlich alle Fächer, in denen mit Simulationen gearbeitet wird, mit Orientierungswissen in komplexen Umwelten und Systemen. Aber auch die Geisteswissenschaften spielen eine Rolle. Ein wichtiges Thema ist die Nachhaltigkeit: nachhaltiges Wirtschaften, nachhaltige Entwicklung, ressourcenschonende Formen des Umgangs mit unserer Umwelt – das sind Konzepte, die auch in den Geisteswissenschaften grundlegend für Unternehmensgründungen sind.

Wer soll im TGZ kooperieren?

Zunächst Unternehmen, die auf Naturwissenschaften basieren: die Pharmazie, die Physik, die Informatik und die Angewandte Mathematik – die mit dem Zuse-Institut hier auf dem Campus einen wichtigen Partner hat. Vieles geht in die Lebenswissenschaften. Wir wissen heute, dass Mathematik und Informatik wesentliche Beiträge etwa zu einem neuen Umgang mit dem Operationsgeschehen leisten und etwa die Möglichkeit bieten, nicht-invasiv zu operieren. Medikamente werden in einer ganz anderen Weise als früher eingesetzt, um Stoffwechselprozesse zu organisieren: Sie werden als Sonden unter die Haut gegeben und als selbstdenkende Systeme eingesetzt. Auch die Biochemie spielt eine wichtige Rolle.

Das ist die Firmen-Seite. Welche Forschungseinrichtungen werden beteiligt sein?

Die großen naturwissenschaftlichen Partnereinrichtungen hier in der Südwestregion sind alle interessiert: die im Forschungsbereich sehr aktive Bundesanstalt für Materialforschung (BAM), das Helmholtz-Zentrum in Teltow mit dem Schwerpunkt im Bereich der nanoskaligen Funktionsmaterialien, die auch für die Lebenswissenschaften wichtig sind – denken Sie etwa an  Operationsfäden, die sich rückstandsfrei selbst auflösen. Und dann die Max-Planck-Institute: das Fritz-Haber-Institut für Physik etwa und das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik.

Was kann ein Gründer- und Technologiezentrum für die Region leisten?

Es baut Arbeitsplätze in nicht unerheblichem Umfang auf. So rechnen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Technologiezentren damit, dass sich etwa 65 Firmen ansiedeln, die rund 600 Arbeitsplätze schaffen. Pro Jahr könnten 12 Millionen Euro volkswirtschaftlicher Einnahmen fließen. Darüber hinaus holt ein solches Zentrum internationale Wissenschaftler und Unternehmer her. Ausgründungen sind häufig sehr stark mit internationalen Partnern verbunden, und es sind nicht selten internationale Studierende, die als Gründer aktiv werden.

Wie umfangreich ist der Umbau des ehemaligen Militärhospitals, woher kommen die Mittel?

Das Gebäude muss an die Notwendigkeiten der jungen Firmen angepasst werden. Wir gehen von einem nicht unerheblichen Investitionsvolumen aus, der Ansatz lag zunächst einmal bei 56 Millionen – das ist zu hoch. Wir wollen, dass gerade auch etablierte Firmen sich beteiligen und investieren. Es soll und muss privates Geld in hohem Umfang hineinfließen. Verglichen aber mit dem Standort Tegel, der immer noch in der Planung sein dürfte, ist unser Standort mehrere Entwicklungsstufen weiter. Es gibt ja schon Labore und Forschungseinrichtungen von den MPI, den Helmholtz-Instituten oder auch der BAM. Wir fangen nicht am Nullpunkt an.

Wie sieht der weitere Zeitplan aus?

Durch den Landesvorstandsbeschluss der CDU zugunsten des TGZ Südwest hat der kleinere Koalitionspartner Farbe bekannt und Unterstützung für das Projekt mobilisiert. Jetzt muss der Finanzsenator dem Transaktionsgeschehen zustimmen (Anm. d. Red.: das Grundstück an der Fabeckstraße aus Landeseigentum in Bezirkseigentum zu geben). Ich gehe davon aus, dass in den nächsten zwei Monaten eine Entscheidung fällt. Die Planung in Tegel liegt ja aus bekannten Gründen (Flughafengesamtplanung) momentan auf Eis, sodass im Haushalt 2014/15 Planungs- und Investitionsmittel für den Bereich von Technologie- und Gründerförderung freigesetzt sind, die dem Standort in Dahlem zugutekommen können.

Ab wann kann das Gebäude realistischerweise genutzt werden?

Wahrscheinlich wird es einen Stufenplan geben. Zunächst einmal will sich ein mittelgroßes Unternehmens ansiedeln, das auch schon Teilflächen nutzt. Der Umbau des Hauptgebäudes wird wohl zwei Jahre dauern. Also ab 2016 können wir damit rechnen.

Welche Impulse können für die Berliner Wirtschaft ausgehen, wie will sich das Zentrum gegenüber anderen Forschungs- und Technologie-Ansiedlungen in Berlin positionieren?

Ein Profilelement wird die Pharmazie sein, wir haben in diesem Bereich eine durchaus positive Ansiedlungsdynamik: Die pharmazeutischen Unternehmen Pfizer und Sanofi beispielsweise sind in Berlin aktiver als früher, und wir wissen auch, dass Bayer Healthcare expandiert. Ich erwarte hier interessante Kooperationsformen. Das Wichtigste ist, dass auf der Fläche von 50.000 Quadratmetern – was im Vergleich zu Adlershof eher überschaubar ist – sehr viel Potenzial und Kreativität organisiert werden wird.

Sind für die Zukunft auch Kooperationen mit Partnern außerhalb des Berliner Südwestens geplant?

Jeder ist willkommen, der von den fachlichen Gegebenheiten passt. Grundsätzlich aber ist es ein privilegiertes Modell, wenn man in der Nachbarschaft der Universität arbeiten kann. Wenn junge Unternehmen mit den entsprechenden Grundlagenbereichen der Hochschule kooperieren, hat sich das oft aus einem gemeinsamen Labor entwickelt, bei gemeinsamen Treffen, vielleicht beim Mittagessen oder beim Kaffee. Sind die Wege länger, ist das schwieriger. Maßgeblich bleibt, dass der Standort Zehlendorf/Dahlem als Wissenschaftsstandort zu einem Technologie- und Gründerstandort erweitert wird.

Die Fragen stellte Christine Boldt