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„Ich kann Deutschland nicht vermissen, denn ich trage es in mir“

Zum Tod des mexikanischen Schriftstellers, Übersetzers und Diplomaten José María Pérez Gay / Der Alumnus der Freien Universität starb am 26. Mai in Mexiko-Stadt

30.05.2013

José María Pérez Gay bei seiner Laudatio auf Carlos Fuentes an der Freien Universität Berlin am 29. Juni 2004.
José María Pérez Gay bei seiner Laudatio auf Carlos Fuentes an der Freien Universität Berlin am 29. Juni 2004. Bildquelle: Metin Yilmaz

„Mit dem Tod José María Pérez Gays verliert Deutschland einen seiner wichtigsten Vermittler deutscher Literatur und Kultur des 20. Jahrhunderts in Lateinamerika“, sagt Professorin Marianne Braig. Der mexikanische Schriftsteller, Übersetzer und Diplomat hatte in den Sechzigerjahren an der Freien Universität bei Peter Szondi studiert und wurde hier in Germanistik promoviert. Ein Nachruf von Marianne Braig, Politikwissenschaftlerin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin.

„José María Pérez Gay war Vermittler in vielfältiger Hinsicht. Er war Botschafter in Portugal und Kulturattaché in Deutschland, in den mexikanischen Botschaften Österreichs, Frankreichs und der Schweiz war er für Kulturaustausch zuständig.

Insgesamt lebte Pérez Gay 14 Jahre in Deutschland; in vielen Werken finden sich Spuren dieser Zeit. Ein lebendiges Zeugnis über seine Berliner Jahre legte er in seinem autobiografischen Buch Tu nombre en el silencio (2006) ab. Ein paar Jahre später, zurück in Mexiko, fehlen in so gut wie keinem seiner zahlreichen Beiträge in mexikanischen Tageszeitungen und Zeitschriften Bezüge zur deutschen Kultur. In einem seiner letzten Essays – über Walter Benjamin – heißt es: ‚Ich gehöre einer Generation an, die im West-Berlin der 68er Jahre sozialisiert wurde und die unter dem politischen und kulturellen Einfluss der Frankfurter Schule stand.‘

Im Fokus seiner Lektüren und Interpretationen standen die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und das Aufkommen des Nationalsozialismus sowie deren katastrophale Folgen für mehrere Generationen von deutschen und europäischen Intellektuellen. Zu José María Pérez Gays bekanntesten Werken gehören: La difícil costumbre de estar lejos (1984), El imperio perdido o las claves del siglo 1991), Hermann Broch, una pasión desdichada (2004), El Príncipe y sus guerrilleros: La destrucción de Camboya (2005), La supremacía de los abismos (2005), und La profecía de la memoria. Ensayos alemanes (2010). In seinem letzten, nicht mehr veröffentlichten Roman rekonstruiert er den lebensgeschichtlichen Kontext um Max Weber.

Derzeit ist eine Anthologie mit noch unveröffentlichten Übersetzungen deutscher Dichtung, insbesondere von Paul Celan, in Vorbereitung. Die persönliche Begegnung mit Celan in einem Seminar von Peter Szondi an der Freien Universität hat Pérez Gay in seinem Essay Berlín después del Derrumbe dokumentiert

Seine Übersetzungen von Werken ins Spanische – von Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann, Franz Kafka, Karl Kraus, Robert Musil, Joseph Roth, Hermann Broch, Walter Benjamin, Paul Celan, Jürgen Habermas, Theodor Adorno, Elias Canetti und Hans-Magnus Enzensberger – haben nicht nur zentrale Werke deutscher Literatur nach Lateinamerika gebracht. Sie haben auch einen intellektuellen Dialog und eine andauernde Wissenszirkulation eröffnet.

Bei seiner letzten Reise nach Berlin besuchte Pérez Gay seine Universität: Er hielt am 29. Juni 2004 die Laudatio bei der Verleihung des Doctor honoris causa an seinen Freund, den Schriftsteller Carlos Fuentes, durch den Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften in Kooperation mit dem Lateinamerika-Institut. Er wollte mit mehr Zeit wiederkommen, um seine Erfahrungen mit den nächsten Generationen zu teilen.

Die Freie Universität Berlin trauert um einen ihrer wichtigsten intellektuellen Vermittler in Lateinamerika. Seiner Ehefrau Lilia Rossbach, die ihn bei seinem letzten Besuch an die Freie Universität begleitete, und seinen Kindern fühlen wir uns in tiefer Trauer verbunden.“

– In Zusammenarbeit mit Teresa Orozco, Gastprofessorin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität

Weitere Informationen

Ehrungen

  • 1992 Bundesverdienstkreuz
  • 1995 Goethe-Medaille
  • 1996 Bundesverdienstkreuz für Kunst und Wissenschaft (erste Klasse) der Österreichischen Regierung für seine Verdienste um Forschungen über das österreichisch-ungarische Imperium.
  • 1996 „Premio Nacional de Periodismo en Divulgación Cultural“, Mexiko

José María Pérez Gay war Mitglied des internationalen Ehrenkomitees des Ibero-Amerikanischen-Instituts Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Im Internet

Veröffentlichungen