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„Koreaner kamen in der Krise bisher viel zu wenig zu Wort“

Koreanische und deutsche Experten diskutierten mit internationalen Gästen an der Freien Universität über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Korea-Konflikts

26.04.2013

„Wir werden siegreich sein". Das nordkoreanische Plakat beschwört mit Bauer, Militär, Intellektuellem und einer Frau die gesellschaftliche Einheit. Die „Bridge of no return“, Blick von Süd- nach Nordkorea (r.).
„Wir werden siegreich sein". Das nordkoreanische Plakat beschwört mit Bauer, Militär, Intellektuellem und einer Frau die gesellschaftliche Einheit. Die „Bridge of no return“, Blick von Süd- nach Nordkorea (r.). Bildquelle: J. Pavelka/Wikipedia (l.), Filzstift/Wikipedia (r.)
Unter dem Titel „Just another crisis? – Lediglich eine neue Krise?“ diskutierten deutsche und koreanische Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin.
Unter dem Titel „Just another crisis? – Lediglich eine neue Krise?“ diskutierten deutsche und koreanische Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Hannes B. Mosler
v.l.n.r.: E. J. Ballbach (Freie Universität), Park Myung-lim (Direktor des Center for North Korean Studies, Korea University, a. D.), Moderator Dr. Werner Pfennig, (Freie Universität), Yoon Young-Kwan, (ehem. Außenminister Südkoreas)
v.l.n.r.: E. J. Ballbach (Freie Universität), Park Myung-lim (Direktor des Center for North Korean Studies, Korea University, a. D.), Moderator Dr. Werner Pfennig, (Freie Universität), Yoon Young-Kwan, (ehem. Außenminister Südkoreas) Bildquelle: Hannes B. Mosler

Pjöngjang rasselt mit dem Säbel – ja und? Mit der panischen Endzeitstimmung, die in den letzten Wochen die deutsche Medienberichterstattung zu Korea dominierte, sollte die Podiumsdiskussion, zu der das Institut für Koreastudien der Freien Universität kürzlich eingeladen hatte, nichts zu tun haben. „Just another crisis? – Lediglich eine neue Krise?“ lautete denn auch der Titel der Veranstaltung, bei der deutsche und koreanische Wissenschaftler für mehr Sachlichkeit plädierten – und für ein differenzierteres Bild der Krise in der Öffentlichkeit.

Eine nukleare Krise nicht als Ausnahme zu betrachten, sondern als Ritual – das war einer der Punkte, die die Experten auf dem Podium mit den Zuhörern diskutieren wollten. So zog Werner Pfennig, Politologe vom Institut für Koreastudien der Freien Universität, bewusst eine Parallele zum bekannten Neujahrs-Sketch „Dinner for One“, in dem die einzelnen Szenen des Sketches mit immer derselben Frage enden: „Same procedure as every year?“.

Koreanische Gastwissenschaftler an Freier Universität

Eigentlich hätte an diesem Abend ein Vortrag von Yoon Young-Kwan, dem ehemaligen Außenminister Südkoreas und Professor für internationale Beziehungen an der Seoul National University auf dem Programm gestanden, erklärte Professorin Eun-Jeung Lee, Direktorin des Instituts für Koreastudien. Aufgrund der aktuellen Ereignisse auf der koreanischen Halbinsel habe man den Vortrag allerdings in eine Diskussionsrunde umgestaltet. Die Idee dahinter fasste Werner Pfennig so zusammen: „Korea sorgt weltweit für Aufregung, und viele Korea-Experten wurden gehört. Die Koreaner selbst wurden dagegen kaum gefragt, wie sie diese Situation erleben.“ Dass am Institut für Koreastudien der Freien Universität gleich mehrere koreanische Gastwissenschaftler forschten, sei ein besonderer Glücksfall – für das Institut, aber auch für diese Veranstaltung.

Wiedervereinigung in Deutschland hat Hoffnung geschürt

Der ehemalige Außenminister Yoon Young-Kwan bemühte sich, die Komplexität der Krise in den breiteren Kontext der koreanischen Geschichte und der Politik der letzten zwanzig Jahre einzuordnen. Er erinnerte an die lange Reihe von historischen Momenten, in denen eine Annäherung der beiden Länder und eine Normalisierung der internationalen Beziehungen zu Nordkorea möglich gewesen wären – und immer wieder verpasst wurden.

In seiner Aufzählung vertaner Chancen spannte der Politiker den Bogen von den frühen Jahren nach dem Zusammenbruch der UDSSR bis zur problematischen Haltung der Obama-Administration gegenüber der neuen Atommacht Nordkorea. Als Wendejahr für die Beziehungen zwischen Nordkorea, seinem Nachbarn und der Rest der Welt verwies er auf 1991/92. Der Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Nordkorea in eine große Wirtschaftskrise. Die nukleare Bedrohung, die dieser Zeit von Nordkorea ausging, schätzt Yoon Young-Kwan retrospektiv als eher gering ein. Gleichzeitig hatte die deutsche Wiedervereinigung 1990 in Südkorea die Hoffnung geweckt, dass auch das geteilte Korea einen Wiedervereinigungsprozess erleben könnte.

Auch Nordkorea hat an Annäherung geglaubt

Dass auch die Eliten in Nordkorea zumindest an eine internationale Annäherung glaubten, habe man unter anderem aus Interviews herauslesen können, die der 1994 verstorbene ehemalige nordkoreanische Präsident und Großvater des heutigen Machtinhabers, Kim Il-Sung, westlichen Medien gab, sagte Yoon Young-Kwan. „Diese Chance haben wir verpasst“, räumte der ehemalige südkoreanische Außenminister ein. Das spätere Taktieren des Nordens habe freilich nicht dazu beigetragen, innerhalb der internationalen Gemeinschaft nachhaltige Lösungsvorschläge zu diskutieren. Die Atomwaffentests und Drohungen des Nordens hätten dagegen bisher immer nur zu kurzfristigen Lösungen geführt: „Wir haben die Symptome behandelt und die atomare Bedrohungssituation stabilisiert. Die fundamentalen Probleme haben wir bis heute nicht gelöst, sagt Yoon Young-Kwan.

Krise als Ritual

Eric J. Ballbach, Nordkorea-Experte und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin, versuchte an diesem Punkt mit „provokativen Fragen“ zur Diskussion anzuregen. So werde zwar die Bedeutung des Dialogs mit Nordkorea immer wieder von Diplomaten betont. Angesichts der unerbittlichen Haltung sowohl der USA als auch Nordkoreas müsse man sich allerdings fragen, worüber in diesem Dialog  überhaupt gesprochen werden solle.

In der aufgeregten Debatte werde oft vergessen, welche Funktion die wiederkehrenden Krisen für Nordkorea hätten. Externe Bedrohungsszenarien seien eine „vitale Voraussetzung“, sagte Ballbach. Ganz grundsätzlich für den Zusammenhalt einer Gesellschaft, aber auch konkret, um das Regime in Nordkorea zu legitimieren. Man dürfe nicht übersehen, dass „Nordkoreas Rhetorik und sein Auftreten in der internationalen Politik zwei verschiedene Aspekte“ seien. Anders sei der permanente Ausnahmezustand, in dem sich die Gesellschaft in Nordkorea befinde, die andauernde Drohgebärde gegen den Rest der Welt, aus internationaler Perspektive kaum nachzuvollziehen.

"Lackmustest für die Weltgemeinschaft"

Der renommierte Nordkorea-Experte Park Myung-lim schloss mit einem Blick auf mögliche, wünschenswerte, aber auch auf unmögliche Zukunftsszenarien für Nord- und Südkorea. Der Professor für Politikwissenschaft an der Yonsei University stellte verschiedene politische  Optionen in den historischen Kontext des Konflikts seit der Kolonialzeit. In seiner aktuellen Konstellation sei der Atomkonflikt mit dem Norden freilich mehr als ein regionales Problem – Park nannte ihn einen „Lackmustest für die Weltgemeinschaft“.

Ob die Krise des Jahres 2013 wirklich als „Same procedure as every year“ verbucht werden könne, blieb auch nach der Publikumsdiskussion offen. Dass sich vor allem die koreanischen Gäste im Saal äußerten, freute Eric Ballbach besonders.