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„Fortführung der eigenen Tradition“

Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg eröffnet / Gespräch mit Theologieprofessor Rainer Kampling

20.06.2012

Das Direktorium: Prof. Dr. Rainer Kampling, Prof. Dr. Christina von Braun, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Prof. Dr. Julius H. Schoeps, 2. Reihe: Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Prof. Dr. Walter Homolka
Das Direktorium: Prof. Dr. Rainer Kampling, Prof. Dr. Christina von Braun, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Prof. Dr. Julius H. Schoeps, 2. Reihe: Prof. Dr. Thomas Brechenmacher, Prof. Dr. Walter Homolka Bildquelle: Bernd Wannenmacher
(vorne): Prof. Günther (Universität Potsdam), Prof. Kämper-van den Boogaart (HU Berlin), Prof. Alt (Freie Universität), Prof. Steinbach (TU Berlin), 2. Reihe: Prof. Homolka (Abraham Geiger Kolleg), Prof. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum)
(vorne): Prof. Günther (Universität Potsdam), Prof. Kämper-van den Boogaart (HU Berlin), Prof. Alt (Freie Universität), Prof. Steinbach (TU Berlin), 2. Reihe: Prof. Homolka (Abraham Geiger Kolleg), Prof. Schoeps (Moses Mendelssohn Zentrum) Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Den Festvortrag “Warum Jüdische Studien” hielt Prof. Dr. Susannah Heschel vom Dartmouth College und Wissenschaftskolleg Berlin.
Den Festvortrag “Warum Jüdische Studien” hielt Prof. Dr. Susannah Heschel vom Dartmouth College und Wissenschaftskolleg Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Jacob Taubes und Ernst Ludwig Ehrlich – mit den Namen des berühmten Religionssoziologen und Philosophen sowie des Judaisten und Historikers verbindet sich das Institut für Judaistik der Freien Universität, das erste seiner Art im Nachkriegs-Deutschland. Das kürzlich eröffnete Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg (ZJS) will daran anknüpfen. Es ist eine Kooperation von Freier Universität Berlin, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Abraham-Geiger-Kollegs und des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien. Ein Gespräch mit Rainer Kampling, Professor für Katholische Theologie an der Freien Universität.

Herr Professor Kampling, was zeichnet das Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg aus? Welche Schwerpunkte werden gesetzt?

Neben der Bündelung der in Berlin vorhandenen Kompetenzen geht es um Nachwuchsförderung. Daher sind die Themenfelder weit gefasst. Von vornherein war es sinnvoll, auch einen regionalen Schwerpunkt zu setzen: „Von der Jüdischen Aufklärung über die Entstehung der Wissenschaft des Judentums zu den Jüdischen Studien – in Preußen, Berlin und Brandenburg“. Dieses Thema deckt viele Bereiche ab und geht geografisch weit über den engen Raum des alten Preußens hinaus. Historisch reicht es bis in die Gegenwart.

Hat Berlin für das deutsche Judentum eine besondere Bedeutung?

Berlin hatte eine alteingesessene jüdische Bevölkerung, die sich am Leben der Stadt beteiligte. Außerdem war Berlin im 19. Jahrhundert für viele Juden eine Art Transitstadt, in der schließlich viele Menschen hängen blieben. Die Stadt wurde zum Domizil. Die großen gegenwärtigen Strömungen des Judentums sind historisch mit Berlin und Brandenburg verbunden.

Der andere Schwerpunkt hängt mit dem Gedenken an die Shoah zusammen. „Zeugenschaft / Memorialgeschichte (nach) der Shoah“ nennt sich dieses Themenfeld, das an der Technischen Universität intensiv bearbeitet wird. Das ist aber auch ein Thema, mit dem sich die Freie Universität traditionsbedingt sehr stark beschäftigt. Die Freie Universität gehört zu den ganz wenigen deutschen Universitäten, die versucht haben, jüdische Hochschullehrer, die von den Nationalsozialisten vertrieben wurden, zurückzugewinnen. Manche Universitäten wollten aufgrund ihrer Verquickung mit der Nazi-Zeit die Emigranten gar nicht wiederhaben.

Ist es der Freien Universität gelungen, sie zurückzuholen?

In manchen Fällen, ja. Beispielsweise konnte die Freie Universität den berühmten Kunsthistoriker Otto von Simson aus den Vereinigten Staaten für Berlin zurückgewinnen. Außerdem ist das erste Institut für Judaistik im Nachkriegs-Deutschland an der Freien Universität gegründet worden. Der Religionssoziologe und Philosoph Jacob Taubes war Professor an diesem Institut, auch der Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich hat an der Freien Universität gelehrt. Die Einrichtung genießt bis heute internationales Ansehen. Für die Freie Universität ist das Zentrum also eine Fortführung der eigenen Tradition. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen der Shoah und der Vertreibung der Juden aus Deutschland hat es an der Freien Universität immer schon gegeben. Dabei liegt der Akzent ganz klar in den Geschichts-, Kultur- und Sprachwissenschaften. Nun kommt noch ein dritter  Forschungsschwerpunkt ins Spiel: „das monotheistische Dreieck“. Hierbei geht es um die großen drei monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam. Das ist in erster Linie ein theologisches Thema, aber eben nicht nur. Es geht um grundlegende Fragen der europäischen Kultur.

Werden Sie unabhängig von den Kooperationspartnern mit anderen Universitäten zusammenarbeiten?

Ganz bestimmt. Die Freie Universität selbst hat sehr gute Kontakte auf nationaler und internationaler Ebene. A la longue wird es eine neue Form der universitären Zusammenarbeit geben.

Die Fragen stellte Leonard Fischl

Weitere Informationen

Zentrum für Jüdische Studien (ZJS)

Das ZJS ist ein Kooperationsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin, der Technischen Universität Berlin, der Universität Potsdam, des Abraham Geiger Kollegs und des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien. Es wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in den kommenden fünf Jahren mit 6,9 Millionen Euro für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und die Forschung auf allen Gebieten der Jüdischen Studien unterstützt. Sitz des ZJS ist an der Humboldt-Universität zu Berlin in Mitte, Sophienstraße 22a, nahe dem Hackeschen Markt.