Freie Universität Berlin


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Kaffeetassen für den Klimaschutz

1000 Teilnehmer und Besucher bei den zweiten Hochschultagen „SUSTAIN IT!“ Nachhaltigkeit + Klimaschutz an der Freien Universität

08.06.2012

Mit dem richtigen Essen die Umwelt schützen: Bei Bulette mit Kartoffeln wird eine fast neunmal so hohe Treibhausgasmenge freigesetzt, verglichen mit einem Gemüsegericht.
Mit dem richtigen Essen die Umwelt schützen: Bei Bulette mit Kartoffeln wird eine fast neunmal so hohe Treibhausgasmenge freigesetzt, verglichen mit einem Gemüsegericht. Bildquelle: Susanne Rothmund
Sie hat verstanden und setzt auf Nachhaltigkeit: Die Studentin trinkt aus einem Porzellanbecher und verzichtet auf Papp-Becher. Damit schützt sie die Umwelt.
Sie hat verstanden und setzt auf Nachhaltigkeit: Die Studentin trinkt aus einem Porzellanbecher und verzichtet auf Papp-Becher. Damit schützt sie die Umwelt. Bildquelle: Susanne Rothmund
Aus Papp-Bechern werden Palmen: An der Aktion im Foyer der Mensa beteiligten sich zahlreiche Studierende auch spontan.
Aus Papp-Bechern werden Palmen: An der Aktion im Foyer der Mensa beteiligten sich zahlreiche Studierende auch spontan. Bildquelle: Susanne Rothmund

Wer hätte gedacht, dass Transport und Herstellung einer Frikadelle mit Kartoffeln fast die neunfache Menge an Treibhausgasen freisetzt – verglichen mit einem bunten Gemüseteller? Die Verbraucherzentrale rät daher, öfter mal auf die Bulette zu verzichten. Wer das nicht mag, konnte bei den zweiten Hochschultagen „SUSTAIN IT!“, die in dieser Woche an der Freien Universität stattfanden, sein grünes Gewissen dennoch beruhigen: mit einer Unterschrift für Greenpeace, die sich dafür einsetzen, dass die ZEDAT (Zentraleinrichtung für Datenverarbeitung) Recycling-Papier verwendet.

In dieser Woche war es wieder so weit: Die Vertreterinnen und Vertreter der Hochschulinitiative SUSTAIN IT! machten sich daran, rund 1000 Beteiligten und Interessierten die Themen Umweltschutz und Nachhaltigkeit näherzubringen und sie zu vernetzen. Hochschulgruppen, lokale Initiativen und Vereine informierten bei Filmvorführen, Diskussionsrunden, Kunst- und Theateraktionen und dem Ideenmarkt unter dem Motto „Mach mit beim Nachhalten!“, wie man Klimaschutz in den (Uni-)Alltag integrieren kann. Es zeigte sich: schon mit kleinen Veränderungen kann Großes bewirkt werden.

„Markt der nachhaltigen Möglichkeiten“

Auf dem „Markt der nachhaltigen Möglichkeiten“ präsentierten sich auch in diesem Jahr wieder rund 25 lokale und universitäre Initiativen, Akteure und Vereine, die die Vorbeieilenden zum Stehenbleiben und Nachdenken animierten. Angeregt durch die Teekampagne von Professor Günter Faltin von der Freien Universität und die Philosophie des "social entrepreneurs" präsentierte sich dort ein Student mit getrockneten Bio-Gewürzen, die online zu bestellen sind. Am Stand nebenan konnten Interessierte fair vertriebene und gehandelte Kleidung in Bio-Qualität anprobieren und sich über deren Herstellung informieren. Die Grüne Hochschulgruppe der TU Berlin präsentierte ein selbst gebautes Fahrrad aus dem nachwachsenden Rohstoff Bambus und lud zu einer Testfahrt ein. Die BUNDjugend, Greenpeace Berlin, das Institut Futur und die internationale Studierendeninitiative oikos Berlin und einleuchtend e.V. waren ebenfalls gekommen, um ihre Projekte und Aktionen vorzustellen und zu diskutieren.

Nachhaltigkeit hat viele Seiten

Dass Nachhaltigkeit nicht nur etwas mit Klimaschutz zu tun hat, erklärte Gloria Amoruso, Mitbegründerin von „Kein Abseits e.V.“, einem Mentoringprogramm, das Studierende und sozial benachteiligte Schülerinnen und Schüler zusammenführt. Nachdem die Studierenden in Lern- und Unterrichtsmethoden geschult worden sind, treffen sie sich anschließend acht Monate lang regelmäßig mit ihren Paten-Schülerinnen und -Schülern, ihren „Mentees“. Die Studierenden leiten drei Fußball-AGs, machen Lernmentoring und beraten ihre Mentees bei Fragen zur Berufswahl und -vorbereitung. Es werden regelmäßig Studentinnen gesucht, die bei "Kein Abseits e.V." mitmachen möchten. Über die Zeit, die Mentoren und Mentees miteinander verbracht haben, wird ein gemeinsames Tagebuch geführt, das nach dem Projekt feierlich an die Schüler übergeben wird. So erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein nachhaltiges Dokument über ihre Entwicklung.

Papp-Palmen auf der Kaffeeinsel

Besonders die SUSTAIN IT-Kunstaktion „Art to stay – Reif für die Kaffeeinsel“ war ein großer Erfolg und veranschaulichte, wie Klimaschutz im Alltag aussehen kann. Allein in der Cafeteria und der Mensa in der Silberlaube werden pro Tag 1000 Pappbecher verbraucht. Für die Herstellung eines Pappbechers werden 190 Gramm des klimaschädlichen Gases CO2, freigesetzt. Da sollte man sich zweimal überlegen, ob man nicht lieber zur Porzellantasse greift. Um den ressourcenintensiven Trend konkret greifbar zu machen, stapelte die Initiaive SUSTAIN IT! 12.000 gesammelte Pappbecher zu einem Berg, der Ausgangspunkt einer dreitägigen Kunstaktion wurde. Während der Hochschultage konnte mitmachen, wer mochte, und erleben, wie aus einem immensen Pappbecherberg eine kleine Wohlfühloase wurde.

Reif für die Insel

Die Bildhauerin Brigitte Denck von Kunst-Stoffe Berlin und die südafrikanische Künstlerin Die Likengkeng Thokoa, die die Kunstidee von SUSTAIN IT! künstlerisch umgesetzt haben, verstehen das Projekt vor allem als einen Aufruf zum Verweilen. Die Kaffeeinsel solle weniger ein moralisch erhobener Zeigefinger zum Thema Klimaschutz sein als vielmehr eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wegwerftrend „to go“. Die Linkengkeng Thokoa kritisiert: „Die Studenten nehmen sich keine fünf Minuten Zeit, um einen Kaffee in Ruhe zu genießen, doch sie haben genug Zeit für Facebook.“ „Der Pappbecher „to go“ verursache nicht nur zusätzliche Müllberge“, sagt Denck, „es geht auch Lebensqualität verloren. Die Kaffeeinsel soll die Studenten entschleunigen und zum Entspannen einladen.“ Einige Vorbeigehende waren so begeistert, dass sie spontan an der Kunstaktion mitmachten.

Karola Braun-Wanke, Koordinatorin der Hochschultage SUSTAIN IT!, freut sich über den immensen Gesprächsstoff und das Staunen, das durch die Kunst und den Becherberg im Foyer ausgelöst wurde, aber vor allem über die unmittelbare Reaktion der Studierenden: Während der Tage wurden 250 CampusCup-Porzellanbecher verkauft, die von der Studierendeninitiative einleuchtend e.V. und dem Studentenwerk Berlin als To-Go-Alternative verkauft wurden. Wichtig sei, gegen das Wegwerfphänomen Handlungsoptionen aufzuzeigen. Ziel aller 15 SUSTAIN IT-Veranstaltungen sei es deshalb, mit aktuellen Inhalten und unkonventionellen Methoden zum Innehalten, Nachdenken und Handeln zu motivieren.

Nachhaltig Kaffee trinken

Trotz des Erfolges wünscht sich die Initiaitve SUSTAIN IT! eine noch größere Offenheit für das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz in Universität und Alltag. „Leider waren nur wenige Studierende, die täglich in Massen in die Rost- und Silberlaube strömen, bereit, ihr Routineprogramm mal kurz zu unterbrechen und sich von unseren Angeboten inspirieren zu lassen“, bedauert Hanna Marzinkowski, Studentin der Politikwissenschaft. Sie engagiert sich seit 2 Jahren für SUSTAIN IT! und hat mitten im Foyer ein World Café mit dem Titel „Stell Dir vor, die Uni wird grün und Du bist dabei“ organisiert.

Die Idee von SUSTAIN IT! scheint zu fruchten: Kurz bevor die Hochschultage zu Ende gingen, saß eine Studentin mit Schokokuchen und einer klimafreundlichen Kaffeetasse aus Porzellan in der Kaffeeinsel, um es sich gemütlich zu machen.