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„Goetz schreibt Gegenwart“

Berliner Literaturpreis der Stiftung Preußische Seehandlung an Rainald Goetz vergeben / Berufung auf Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität

29.03.2012

Rainald Goetz (2. v. l.) ist der diesjährige Träger des Berliner Literaturpreises der Stiftung Preußische Seehandlung und Heiner-Müller-Gastprofessor für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität.
Rainald Goetz (2. v. l.) ist der diesjährige Träger des Berliner Literaturpreises der Stiftung Preußische Seehandlung und Heiner-Müller-Gastprofessor für deutschsprachige Poetik an der Freien Universität. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Walter Rasch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Preußische Seehandlung, Professor Michael Bongardt, Vizepräsident der Freien Universität, Rainald Goetz und Knut Nevermann, Staatssekretär für Wissenschaft (v. l.)
Walter Rasch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Preußische Seehandlung, Professor Michael Bongardt, Vizepräsident der Freien Universität, Rainald Goetz und Knut Nevermann, Staatssekretär für Wissenschaft (v. l.) Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Der Journalist Jens Bisky hielt als Mitglied der Preisjury die Laudatio auf Rainald Goetz.
Der Journalist Jens Bisky hielt als Mitglied der Preisjury die Laudatio auf Rainald Goetz. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

„Eigensinnig“, „irritierend“ und „singulär“ sei das Werk von Rainald Goetz, seine Sprache „voller Leben“ und frei von „zuckrigen Formulierungen“. Es sind nur einige der lobenden Worte, die sich bei der Vergabe des Berliner Literaturpreises der Stiftung Preußische Seehandlung an den Schriftsteller richteten. Im Roten Rathaus erhielt Goetz die mit 30.000 Euro dotierte Auszeichnung und wurde gleichzeitig auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität Berlin berufen.

Der Abend im Berliner Roten Rathaus verlief unblutig. Keine Selbstverständlichkeit, lässt man die Bilder des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs von 1983 Revue passieren. Damals ritzte sich Rainald Goetz während seiner Lesung vor laufenden Kameras mit einer Rasierklinge die Stirn auf, den Auftritt beendete er blutüberströmt. Mehr als 25 Jahre später trat ein skandalfreier Rainald Goetz als Träger des Berliner Literaturpreises 2012 auf die Bühne.

„Einfach losloben geht nicht“, eröffnete Jens Bisky, leitender Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, seine Laudatio. „Rainald Goetz verabscheut es, angeschleimt zu werden“. Nicht zu loben, das sei bei einer solchen Veranstaltung aber auch nicht möglich, und ohnehin dürfe man sich von Autoren nicht einschüchtern lassen. Und so lobte Bisky ausgiebig das große Repertoire des Rainald Goetz – unter anderem Blogs, Erzählungen, Anekdoten, Essays, Dramen, Stücke – und zeichnete seine literarische Laufbahn mit Texten wie „Irre“, „Rave“ und „Klage“ nach. Wie auch andere Redner an diesem Abend suchte er nach Gemeinsamkeiten mit Heiner Müller, dem Namensgeber der Gastprofessur an der Freien Universität Berlin, „jenseits der Tatsache, dass die Berliner Theater darin wetteifern, welchen von beiden Dramatikern sie seltener spielen“.

Von der Kunst, dabei zu sein

Bisky imaginierte, wie wohl ein Zusammentreffen der beiden Autoren beim Herbstempfang der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hätte ablaufen können, doch der Wunsch nach „einem richtigen Literatengespräch mit These – Antithese – Unvereinbarkeit“ blieb ihm versagt. Der Laudator ließ das Treffen der Autoren an einer „Zeitmauer“ scheitern, die die beiden trenne: „Müller schrieb Geschichte mit Blick auf eine Zukunft. Goetz schreibt Gegenwart.“

Die wortgewandte Laudatio machte selbst Rainald Goetz sprachlos: Bisky habe auf schier unglaubliche Weise „die Negativität zum Leuchten gebracht“, sagte Goetz, dankte der Jury und ging sogleich zum Lesen über. Die von Bisky gerade erst gepriesene „Kunst, dabei zu sein“ demonstrierte der Schriftsteller mit dem Beginn seines im Sommer erscheinenden Romans „Johann Holtrop“. Es ist ein Buch über die Wirtschaftskrise, die Macht des Kapitals, über unser von Kalkül und Eigennutz geprägtes Zeitalter. Und stets ist Goetz mit seinem ganz eigenen Blick kunstvoll dabei: ob in der Vorstandsetage eines Konzerns oder bei der Arbeit einer Putzkolonne.

Autorenkolleg an der Freien Universität im Sommersemester

Wie wohl Rainald Goetz oder einer seiner Protagonisten von der Verleihung des Berliner Literaturpreises berichten würden, das hatte sich der Vizepräsident der Freien Universität, Professor Michael Bongardt bei der Berufung des Autors auf die undotierte Heiner-Müller-Gastprofessur gefragt. Im Namen der Universität wünschte er Goetz, dass dieser im Sommersemester „ein herausforderndes und anregendes Umfeld“ in Dahlem finden möge. Neben der für den 10. Mai 2012 angekündigten Antrittsvorlesung wird Goetz am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft ein Autorenkolleg abhalten. Es werde die Studierenden einbeziehen „in dieses hoch reflektierte, widerständige Denken“ des Rainald Goetz, sagte Bongardt. Und es werde sie verändern, „wie wohl auch niemand, der sich auf die Lektüre der Werke von Goetz ernsthaft eingelassen hat, nachher noch so denken kann, wie er oder sie vorher gedacht hat.“