Forschungsinteresse Deutschland: Amerikaner in Berlin

Die interdisziplinäre Alumni-Konferenz “The Good German? – New Transatlantic Perspectives“ findet bis 02. Juli an der Freien Universität statt

01.07.2011

Wie sehen nordamerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Deutschland? Die Alumni-Konferenz des "Berlin Program for Advanced German and European Studies" gibt Aufschluss.
Wie sehen nordamerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Deutschland? Die Alumni-Konferenz des "Berlin Program for Advanced German and European Studies" gibt Aufschluss. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Der Kulturwissenschaftler Thomas Haakenson lehrt heute am Minneapolis College of Art und Design und kehrt immer wieder gerne nach Berlin zurück
Der Kulturwissenschaftler Thomas Haakenson lehrt heute am Minneapolis College of Art und Design und kehrt immer wieder gerne nach Berlin zurück Bildquelle: Gisela Gross
Die Historikerin Hope Harrison lernte Russisch und Deutsch, um in Berlin über die Zeit des Mauerbaus zu forschen
Die Historikerin Hope Harrison lernte Russisch und Deutsch, um in Berlin über die Zeit des Mauerbaus zu forschen Bildquelle: Privat
Der Germanist Matthew Miller sprach bei der Konferenz über die literarische Auseinandersetzung Alexander Kluges mit George Bushs Außenpolitik
Der Germanist Matthew Miller sprach bei der Konferenz über die literarische Auseinandersetzung Alexander Kluges mit George Bushs Außenpolitik Bildquelle: Gisela Gross

Die Mauer verlief noch mitten durch die Stadt, als 1986 an der Freien Universität das „Berlin Program for Advanced German and European Studies“ gegründet wurde. Damals kamen die ersten nordamerikanischen Promotionsstudierenden und Post-Docs in den Sozial- und Geisteswissenschaften im Rahmen dieses Stipendienprogrammes nach Dahlem. Mehr als 250 Absolventen hat das Programm bis heute. Zum 25-jährigen Gründungsjubiläum kehren viele Alumni als renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Berlin zurück.

Wie sehen nordamerikanische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Deutschland? Was interessiert und fasziniert sie an der deutschen Geschichte, an Politik, Kunst und Kultur der Gegenwart? Mehr als 20 ehemalige Stipendiaten des Berlin Program, unter ihnen die Historikerin Hope Harrison, der Germanist Matthew Miller und der Kulturwissenschaftler Thomas Haakenson, geben bei der Alumni-Konferenz mit dem provokativen Titel „The Good Germans? New Transatlantic Perspectives“ Antworten. Was es mit dem „guten Deutschen“ auf sich hat – der Begriff stammt aus einem Roman des Amerikaners Joseph Kanon – darauf sind die Konferenzteilnehmer selbst gespannt.

„The Good German“

Der Titel spiele womöglich darauf an, dass Deutschland heute international wieder überwiegend als „normal“ wahrgenommen werde, als Land ohne Sonderweg, sagt Matthew Miller, Germanistik-Dozent an der Colgate University im Bundesstaat New York. Die Kehrseite der Medaille: Auch rückläufige Studierendenzahlen in den Vereinigten Staaten in der Germanistik oder den „German Studies“ könnten dieser „Normalität“ geschuldet sein, vermutet er. Millers Interesse für Deutschland hatte sich kurz nach der Wende entwickelt, als er als Austauschschüler in Brandenburg war: „Damals begann ich mich für die DDR-Geschichte und -Kulturgeschichte zu interessieren. Noch heute fasziniert mich diese Umbruchzeit, und es liegt mir viel daran, die Vergangenheit aufzuarbeiten.“

„German Studies“ beschreibt der Kulturwissenschaftler Thomas Haakenson als Fachrichtung, die über die reine Germanistik hinausgehe. Im Rahmen des Berlin Program kommen Doktoranden und promovierte Wissenschaftler aus verschiedenen Fachrichtungen in Kolloquien zusammen, um ihre Forschungsergebnisse zu präsentieren und zu diskutieren. „Der Begriff Interdisziplinarität wird heutzutage überstrapaziert, aber die ‚German Studies‘ in Berlin profitieren sehr von diesem Austausch und der kollektiven Kreativität“, sagt Haakenson, der von 2002 an für zwei Jahre als Berlin Program- sowie Fulbright-Stipendiat in Deutschland über die Dadaisten der Zwanzigerjahre forschte. Heute lehrt er am Minneapolis College of Art and Design.

Forschungsprojekt Mauer

Geschichte ist ein wesentlicher Aspekt der „German Studies“. Die Historikerin Hope Harrison kam 1991 nach Berlin: „Ein perfekter Zeitpunkt für meine Dissertation über den Mauerbau“, sagt sie. Enthusiastisch berichtet sie von ihren Recherchen in lange Zeit verschlossenen DDR-Archiven, von Interviews mit Diplomaten der Fünfzigerjahre, und sie stellt in fließendem Deutsch fest: „Diese Zeit hat meine gesamte wissenschaftliche Laufbahn maßgeblich beeinflusst.“ Heute lehrt und forscht Harrison an der George Washington University und unterhält nach wie vor gute Kontakte zur Freien Universität.

Ein großer Interessensschwerpunkt vieler Konferenzteilnehmer ist die Zeit des Kalten Krieges, doch umfasst das Spektrum der transatlantischen Perspektiven während der Konferenz auch etwa die Vorreiterrolle Deutschlands in den Regenerativen Energien oder den Einfluss der Black Musik auf die Musiker von „Aggro Berlin“.

Schließlich geraten Miller und Haakenson – auf Deutsch – ins Schwärmen. Denn ganz gleich, ob man sich nun an Techno oder Theater erfreue, Berlin sei „die interessanteste Stadt des Westens“. Und beide wissen: „Man kann nicht ‚German Studies‘ studieren, wenn man nicht immer wieder nach Germany kommt."