Freie Universität Berlin


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Den Hegelschen Weltgeist in die Köpfe schicken

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek hielt die 4. Hegel-Lecture an der Freien Universität

01.04.2011

Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek war auf Einladung des Dahlem Humanities Center nach Dahlem gekommen.
Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek war auf Einladung des Dahlem Humanities Center nach Dahlem gekommen. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Ein Erinnerungsfoto mit Slavoj Žižek - das wollten sich einige Zuhörer nicht entgehen lassen.
Ein Erinnerungsfoto mit Slavoj Žižek - das wollten sich einige Zuhörer nicht entgehen lassen. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
(v.l.n.r.): Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz (Suhrkamp Verlag), Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt, Prof. Dr. Klaus Hempfer, Direktor des Italienzentrums der Freien Universität, Slavoj Žižek.
(v.l.n.r.): Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz (Suhrkamp Verlag), Präsident Prof. Dr. Peter-André Alt, Prof. Dr. Klaus Hempfer, Direktor des Italienzentrums der Freien Universität, Slavoj Žižek. Bildquelle: Bernd Wannenmacher
Nach dem Vortrag scharte sich ein Kreis Interessierter um Slavoj Žižek.
Nach dem Vortrag scharte sich ein Kreis Interessierter um Slavoj Žižek. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Voller Enthusiasmus holte Slavoj Žižek, Philosoph, Psychoanalytiker und Kulturkritiker, im voll besetzten Max-Kade-Auditorium der Freien Universität zum rhetorisch-geistigen Rundumschlag aus: Eine knappe Stunde lang ging es von der Französischen Revolution über Hegels Totalitätsbegriff bis hin zur gesellschaftlichen Abkehr von kritischem Denken.

Drängeln, drücken, Schlange stehen: Das Max-Kade-Auditorium im Henry-Ford-Bau war gestern Abend bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Grund: der Auftritt des slowenischen Philosophen mit Popstar-Status.

„Is it Still Possible to be a Hegelian Today?“, fragte Žižek in seinem Vortrag, zu dem das Dahlem Humanities Center der Freien Universität eingeladen hatte. Die alljährliche Hegel-Lecture hat bereits André Glucksmann, Judith Butler und Homi Bhabha nach Dahlem geführt.

Auch Žižek, der an der Universität Ljubljana und an der European Graduate School in Saas-Fee lehrt und forscht, zog die Massen an. Das graue Haupthaar zerzaust, den Vollbart über das Gesicht wuchernd, gestikulierte der Philosoph, zupfte sich immer wieder an Nase und Mund und redete sich in Rage. Slavoj Žižek ist ein Weltweiser, wie man ihn sich vorstellt – und darüber hinaus ein exzellenter Unterhalter.

Hegels Weltgeist: damals und heute

Sein Thema ist hochaktuell: Hegels vernunftbringenden Weltgeist wünscht sich die Menschheit wohl derzeit nicht nur nach Nordafrika und auf die arabische Halbinsel, sondern auch in die Köpfe derer, die über die Energiepolitik ihrer Länder entscheiden. Zu Hegels Zeiten kam der Weltgeist noch hoch zu Ross und hieß Napoleon. Vorangegangen war die Mutter aller Revolten, die Französische Revolution, die der deutsche Philosoph unterstützte. Er hielt sie für notwendig – auch in ihrer Härte. „Es gab keinen moderateren Weg, die Revolution war die einzige Möglichkeit, konkreten Frieden zu erlangen“, interpretierte Žižek Hegel. Den Menschen in Kairo, Bengasi oder Tunis ging es ähnlich, möchte man ergänzen.

"Zu übereilt versucht, die Welt zu verändern"

Dennoch: Entscheidungen könnten aus verschiedenen Blickwinkeln einmal richtig und einmal falsch erscheinen, sagte Žižek. Und überhaupt: „Die erste Wahl muss die falsche sein, erst danach kann es eine richtige Wahl geben.“ Žižek zufolge sah Hegel das große Ganze stets in Verbindung mit dessen Antagonismen. „Die komplette Vergangenheit ändert sich, wenn etwas Neues geschieht.“ Žižeks Rat: Durchatmen und Nachdenken – auch über Hegels Worte.

Der Slowene selbst gönnte sich in seinem fulminanten Auftritt keine Pause, schwitzte und gestikulierte immer stärker. In der heutigen Welt passiere vieles schnell – vielleicht zu schnell: „Möglicherweise haben wir im 20. Jahrhundert zu übereilt versucht, die Welt zu verändern.“

Bloße Problemlöserei rührt nicht an den Wurzeln

Folgerichtig griff der Philosoph die von ihm monierte gesellschaftliche Abkehr vom kritischen Hinterfragen an – und schlug mit seinem Beispiel und der Kritik an der Einführung von Bachelor- und Masterabschlüssen im Rahmen des Bologna-Prozesses den Bogen zum akademischen Ort. Denken bedeute differenziertes Hinterfragen und erschöpfe sich nicht in bloßer Problemlöserei, sagte Žižek. Auch politische Panikmache führe dazu, dass die Menschen nicht nachdächten. Kopfanstrengungen sind es Slavoj Žižek zufolge also in erster Linie, die den Hegelschen Weltgeist in die Gehirne schlüpfen lassen – und auch heutzutage gibt es genügend Häupter, die seiner Vernunft dringend bedürften.