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Mode und moderne Sklaverei

Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek zeigt Arbeiten des Fotojournalisten Thomas Grabka zur Baumwollernte in Usbekistan

11.08.2010

Für die Baumwollernte in Usbekistan werden Kinder und Jugendliche herangezogen.
Für die Baumwollernte in Usbekistan werden Kinder und Jugendliche herangezogen. Bildquelle: Thomas Grabka www.grabka-fotografie.de
Die Ausstellung im Foyer der Universitätsbibliothek ist bis zum 24. September zu sehen.
Die Ausstellung im Foyer der Universitätsbibliothek ist bis zum 24. September zu sehen. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Wer die Ausstellung „Erntezeit – Kinderzwangsarbeit auf den Baumwollfeldern Usbekistans“ in der Universitätsbibliothek der Freien Universität besucht, betrachtet anschließend die eigenen T-Shirts im Schrank mit anderen Augen.

Genau das haben die Initiatorinnen der Ausstellung beabsichtigt – zwei Frauen mit einem Hintergrund, der unterschiedlicher nicht sein könnte. Dafür mit einem gemeinsamen Ziel: Umida Niyazova, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin aus Usbekistan, kämpft gegen Missstände in ihrem Heimatland. Filippa von Stackelberg, Studentin der Freien Universität und Model, setzt sich mit einem Modeprojekt für Menschenrechte ein. 2009 haben die beiden in Berlin das Uzbek German Forum (UGF) gegründet.

Im Fokus der usbekisch-deutschen Nichtregierungsorganisation stehen Menschenrechtsverletzungen in der zentralasiatischen Republik – speziell die Kinderarbeit bei der Baumwollproduktion. In der Ausstellung im Foyer der Universitätsbibliothek präsentieren die Organisatorinnen Arbeiten des Berliner Fotojournalisten Thomas Grabka sowie Filme, Bildmaterial und Hintergrundberichte. Die Bilder zeigen eindrücklich, wie hart die Ernte der weißen „Wattebausche“ in Usbekistan ist. „Sie ist eine moderne Form der Sklaverei“, sagt Umida Niyazova.

Das Erntesoll wird nach dem Alter berechnet

Usbekistan ist einer der weltweit größten Exportstaaten für Baumwolle. Der Großteil wird noch von Hand gepflückt und soll daher von besonderer Qualität sein. Für die beschwerliche Ernte ab September rekrutiere der Staat vor allem Kinder und Jugendliche im Alter von sieben bis 15 Jahren, die Schulen würden für diese Zeit geschlossen: „Bis zu einer Million Minderjährige arbeiten acht Stunden pro Tag, über Wochen und Monate hinweg – bis die Hände bluten. Das Erntesoll liegt je nach Alter zwischen 15 und 60 Kilogramm pro Tag. Dafür gibt es kaum oder gar keinen Lohn“, sagt Umida Niyazova. „Selbst das Essen während der Erntearbeit müssen die Kinder selbst organisieren.“

Umida Niyazova wurde in ihrem Heimatland verhaftet

Umida Niyazova engagiert sich seit mehr als zehn Jahren gegen die Zwangsarbeit in Usbekistan. 2007 wurde sie verhaftet und zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Durch internationalen Druck kam sie frei, musste sich jedoch öffentlich schuldig bekennen und sich an Ausgangssperren halten. 2008 verließ sie Usbekistan – und damit auch Freunde und Familie.

Seitdem lebt sie in Berlin, im Oktober 2009 erhielt sie politisches Asyl in Deutschland. Von hier aus setzt sie sich für die Menschen in ihrem Heimatland ein: „Ich habe zu viel erfahren und selbst erlebt, da kann ich doch nicht schweigen.“

Erschwerte Berichterstattung

Den Arbeitsalltag auf den Baumwollfeldern Usbekistans hat Thomas Grabka 2004 in einer Fotoreportage festgehalten. Die Bilder aus den Provinzen Karshi, Beshkent, Ferghana, Samarkand habe er heute noch vor Augen: „Die Kinder wurden in Bussen und mit Polizeischutz auf die Felder gefahren, viele mussten dicht gedrängt in Baracken schlafen, zum Teil ohne Wasser. Manche haben deshalb das Wasser aus der Feldbewässerung getrunken.“

Möglicherweise verseuchtes Wasser, denn die Monokultur Baumwolle werde stark mit Pflanzenschutzmitteln behandelt. Damals konnte Grabka seine Bilder trotz staatlicher Zensurversuche in der usbekischen Hauptstadt Taschkent zeigen.

Firmen boykottierten usbekische Baumwolle

2007 stießen die Proteste lokaler und internationaler Menschenrechtsaktivisten auf Gehör. Die Medien reagierten, zahlreiche Einzelhandelsketten und Textilmarken boykottierten usbekische Baumwolle. Woher der Rohstoff für die T-Shirts von der Stange stammt, ist nicht einfach herauszufinden: Die Zulieferketten der Bekleidungsindustrie sind lang.

Filippa von Stackelberg hat deswegen das UGF-Projekt „Freedom Collection Campaign“ entwickelt. Ihre Idee: „Baumwolle wird vor allem für Bekleidung verwendet. Ich habe als Model gearbeitet, interessiere mich für Mode und nähe gerne selbst – da lag es nahe, Bekleidung aus fair gehandelter Baumwolle herzustellen und auf den Markt zu bringen.“ Sie ist überzeugt: „Fair-Trade-Mode sollte kein Luxus, sondern in jeder Bekleidungskette zu erschwinglichen Preisen erhältlich sein.“ „Faire“ T-Shirts können bereits über UGF bestellt werden und kommen der Arbeit des Forums zugute.

Menschenrechte nur auf dem Papier?

Dem Human Development Report 2007/2008 der Vereinten Nationen zufolge unterzeichnete die Regierung Usbekistans zahlreiche Menschenrechts- und Arbeitsabkommen, steht in einer Broschüre des UGF. Das usbekische Rechtssystem böte den nötigen Rahmen für die Abschaffung der Kinderarbeit, heißt es darin.

Doch aktuelle Fotos der Ausstellung und Recherchen des UGF zeigten, dass die Baumwollernte auch im vergangenen Jahr – entgegen aller geleisteten Verpflichtungserklärungen – wieder durch Kinderhand geleistet werde, sagen dessen Gründerinnen: „Wir haben 52 Interviews mit Kindern durchgeführt, die 2009 für die Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern rekrutiert worden sind.“ Das Endprodukt dieser Ernte liegt möglicherweise in unseren Schränken.

Weitere Informationen

Die Ausstellung ist bis zum 24. September im Foyer der Universitätsbibliothek, Garystraße 39, zu sehen. Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, 9.00 bis 20.00 Uhr.