Freie Universität Berlin


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"In gemeinsamer Verantwortung für die Freie Universität"

Interview mit dem neu gewählten Präsidenten der Freien Universität Peter-André Alt

12.05.2010

Prof. Dr. Peter-André Alt wurde vom Erweiterten Akademischen Senat der Freien Universität Berlin zum Präsidenten gewählt.
Prof. Dr. Peter-André Alt wurde vom Erweiterten Akademischen Senat der Freien Universität Berlin zum Präsidenten gewählt. Bildquelle: Stephan Töpper
"Wir sind ja auf einem sehr hohen Leistungsniveau, und ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch weiterhin erhalten bleibt." (Prof. Dr. Peter-André Alt)
"Wir sind ja auf einem sehr hohen Leistungsniveau, und ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch weiterhin erhalten bleibt." (Prof. Dr. Peter-André Alt) Bildquelle: Stephan Töpper

Der erweiterte Akademische Senat hat in seiner Sitzung am Mittwoch, 12. Mai 2010, den Germanisten Peter-André Alt zum neuen Präsidenten der Freien Universität Berlin gewählt. Der Literaturwissenschaftler und Leiter der Dahlem Research School erhielt 37 von 50 abgegebenen Stimmen. In seiner Rede vor dem Gremium lud er die Mitarbeiter ein, "gemeinsam für eine zukunftsoffene Freie Universität zu arbeiten" und ihm hierfür das Vertrauen auszusprechen. Campus.leben hat mit dem neuen Präsidenten über seine Ziele und Visionen für die Freie Universität gesprochen.

Herzlichen Glückwunsch, Herr Professor Alt, zur Wahl. Ihr Vorgänger im Amt, Herr Lenzen, hat an der Wand seines Büros immer eine Jahreslosung hängen gehabt. Was werden Sie von Ihrem Schreibtisch aus im Blick haben?

Ein Bild vom verpackten Reichstag – eine Tagesspiegelbeilage von 1995 – das mich überall hin begleitet hat, wo ich bisher war. Und dann ein Thomas Mann-Bild mit einem sehr schönen Motto zum Unterschied von Kunst und Leben. Das sind ein paar Spurenelemente meines literaturwissenschaftlichen Lebens…

Apropos im Blick haben: Sie wollen der Lehre mehr Gewicht beimessen. Auf welche Weise?

Auf zwei Ebenen, zum einen brauchen wir mehr Lehrpersonal, um das Betreuungsverhältnis zu verbessern. Da der Etat begrenzt ist, müssen wir da erfinderisch sein. Deswegen habe ich vorgeschlagen, die Lehrkapazität durch Seniorprofessuren, begrenzt finanzierte Stiftungsprofessuren, aber auch durch Lehrprofessuren zu erweitern. Die Lehrprofessuren sind ein umstrittenes Element, Professuren mit zwölf Semesterwochenstunden führen natürlich dazu, dass der Forschungskontakt nicht so ist, wie man sich das vielleicht wünschen würde.

Ich denke aber, dass wir durch die Aufwüchse bei den Studierendenzahlen vor so große Aufgaben gestellt sind, dass wir alle Möglichkeiten nutzen müssen. Im Übrigen ist eine zweite Ebene zu bedenken: Die Aufwertung der Lehrkultur. Jeder Forscher qualifiziert sich heute nur in der Forschung weiter, aber kaum einer in der Lehre, und das ist etwas, das wir dringend ändern müssen.

Wir müssen als Freie Universität Berlin, die sich in ihrer Gründungsphase mit einem besonders innovativen Modell der Gemeinschaft von Lehrenden und Forschenden hervorgetan hat, mit gutem Beispiel vorangehen. Das war gerade die Idee des Oxford in Dahlem. Und das schließt ein, dass wir ein ganz dichtes System für die Qualifizierung im Bereich Lehre entwickeln müssen. Angefangen von den Doktoranden über die Juniorprofessoren bis hin zu den Neuberufenen, die sich schon in den Zielvereinbarungen verpflichten müssen, sich im Bereich Lehre weiterzuqualifizieren.

Was ist mit den Professoren, die jetzt schon an der Universität lehren. Brauchen wir eine Art Lehr-TÜV?

Der TÜV hat ja immer den großen Nachteil, dass er eher Angst vermittelt als zu motivieren. Insofern brauchen wir vielleicht ein Motivationssystem. Keine Überwachung, aber wir müssen das Bewusstsein schärfen für den Bereich Lehre und die Bedeutung, die ihm zufällt. Wir haben hier an unserer Universität schon ein sehr gut entwickeltes System des Qualitätsmanagements, beispielsweise die leistungsbezogene Mittelvergabe. Das betrifft Einrichtungen, aber auch Mitarbeiter. Ich denke, dass wir das Engagement im Bereich der Lehre verstärkt belohnen müssen.

In Bochum haben Sie öffentliche Lehrproben eingeführt. Wollen Sie das auch an der Freien Universität etablieren?

Ja, unbedingt. Ich bin der Meinung, dass wir bei allen Berufungsverfahren eine stärkere Überprüfung der Lehrqualität brauchen, die über eine topische Formel „lehrt gut“ hinausgeht. Das schließt ein, dass wir nicht nur einen Vortrag von Bewerberinnen und Bewerbern hören sollten, sondern auch eine Lehrprobe. Man kann nämlich bei der Lehrprobe sehr genau sehen, wie eine Person in sozialen Kontexten und auch in schwierigen Situationen agiert oder interagiert. Wir brauchen also kein Assessmentcenter, sondern eine Lehrprobe. Das ist günstiger und bringt die gleichen Ergebnisse.

Noch einmal nachgehakt: Wird es also in Zukunft eine Teilung in Lehr- und Forschungsprofessuren geben?

Wir müssen realistisch davon ausgehen, dass die Universität des Jahres 2010 nicht die von 1990 ist, in der alle acht Stunden unterrichten. Wir haben inzwischen eine sehr große Differenzierung. Wir haben auf der einen Seite Wissenschaftler, die sich sehr stark in der Forschung engagieren und dadurch Stellen schaffen. Das möchte ich doch wieder einmal betonen, dass die Drittmittel auch stellenrelevant sind. Wir finanzieren 42 Prozent unseres Mittelbaus über Drittmittel. Und dass diese Kolleginnen und Kollegen auch weniger Lehrverpflichtung haben, scheint mir sinnvoll zu sein.

Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass der Lehrbedarf bestehen bleibt, was nicht bedeutet, dass andere die Lehre für diese Forschungspersönlichkeiten übernehmen sollten. Aber wir müssen einfach sehen, dass es im Moment einfach keine Voraussetzung für eine völlig gleiche Verteilung von Lehre und Forschung gibt. Gefährlich wird diese interne Ausdifferenzierung erst dann, wenn das System auseinanderbricht und es eine Gruppe gibt, die nur lehrt und eine, die nur forscht. Deswegen würde ich immer dafür plädieren, dass wir auch bei der neuen Clusterplanung klare Verabredungen mit den Verantwortlichen treffen, die dafür sorgen, dass diejenigen, die im Cluster eine herausragende Rolle spielen, auch der Lehre nicht verlorengehen. Außerdem müssen wir die Exzellenzforschung enger mit der Lehre verzahnen, indem zum Beispiel aus den Clustern nicht nur Veranstaltungen über Lehrthemen angeboten, sondern auch innovative oder kreative Lehrformate ausprobiert werden.

Der Kanzler der Freien Universität hat jüngst eine düstere Prognose aufgestellt und gesagt, dass Tarif- und Kostensteigerungen mit dem Geld aus den Hochschulverträgen nicht auszugleichen sind. Wird es eine neue Sparrunde an der Uni geben?

Wir sind auf einem sehr hohen Leistungsniveau, und ich bin sehr zuversichtlich, dass das auch weiterhin erhalten bleibt. Das Risiko, das in dem neuen Finanzierungsmodell steckt, ist eigentlich zuerst einmal psychologischer Art: Die Universität muss diese Dauerhöchstleistung nämlich permanent erbringen, um ihren Status quo zu erhalten. Der positive Anreiz, dass extrem hohe Leistungsfähigkeit auch durch zusätzliche Finanzierung belohnt wird, ist hier nicht mehr gegeben. Das halte ich für ein großes finanzielles Risiko. Aus diesem Grund bin ich der Ansicht, dass wir nach der Neuwahl der Hochschulleitung noch einmal an den Senator herantreten sollten.

Wir haben in der Vergangenheit eine sehr kluge Personalpolitik betrieben und nicht über unsere Verhältnisse gelebt. Insbesondere haben wir im Exzellenzwettbewerb keine Verbindlichkeiten übernommen, die wir später nicht tragen können. Und das zweite ist natürlich, dass wir immer bei der Idee der Volluniversität geblieben sind und gesagt haben, die Stärke dieser Universität liegt in der Vielfalt ihrer Fächer. Nicht mehr leisten können wir uns allerdings teure Berufungen, was vor allem für die Naturwissenschaften ein großes Problem ist. Hier müssen wir versuchen, durch gute Profilabsprachen mit den anderen Berliner Universitäten Forschungsstärke zu erhalten.

Die Berliner Universitäten stehen ja in einem besonderen Wettbewerb zueinander. Sie sprechen von „unproduktiven Spannungen“ im Verhältnis zwischen Humboldt Universität und Freier Universität. Wie sähen „produktive Spannungen“ aus?

Die produktive Spannung besteht darin, dass man einen kreativen Wettbewerb um die Studierenden in Gang setzt, indem man neue Veranstaltungstypen und Qualifizierungsformen für Lehrkräfte entwickelt. Produktiv kann eine Spannung auch sein, wenn man darin das Gemeinsame betont.

Ich will ein Beispiel nennen: Zu Recht beklagen viele Studierende, dass in Fächern gleichen oder ähnlichen Profils keine Veranstaltungen wechselseitig mehr besucht werden können. Das müssen wir dringend ändern. Bei dem großen Lehrangebot in Berlin ist es nicht einsehbar, dass jemand etwa Germanistik nur hier in Dahlem studiert und nicht auch an der Humboldt-Universität eine Veranstaltung besuchen kann. Wir brauchen da Kooperationskonzepte.

Sie haben von den Vorteilen der eingeworbenen Drittmittel gesprochen, aber gleichzeitig die große Drittmittelabhängigkeit beklagt – wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Freier Universität und Wirtschaft?

Wir brauchen neben der Grundlagenforschung Anwendungsperspektiven in der Forschung. Deswegen würde ich den Begriff Wirtschaft noch einmal etwas erweitern und sagen: Wo immer Wissenschaft Anwendungsperspektiven hat, müssen wir starke Kooperationspartner ins Boot holen. Das können die Fraunhofer Institute sein, das kann und muss auch die Medizin sein. Das kann aber auch genauso ein Wirtschaftsunternehmen sein, das beispielsweise im Bereich der Klima-, der Wasser- oder der Pflanzenforschung ganz bestimmte Innovationen von der Wissenschaft an den Universitäten erwartet. In diesem Sektor ist die Freie Universität sehr stark und insofern ist es ganz selbstverständlich, dass wir diese Zusammenarbeit vertiefen müssen.

Es ist für uns eine Pflichtaufgabe, mit großen Berliner Unternehmen wie Schering zusammenzuarbeiten. Wir tun das bereits im Bereich der Mathematik, die hochinteressante Beiträge zur Medizinforschung leistet. Da haben wir noch Reserven, beispielsweise könnte man auf dem Campus Dahlem gemeinsame Bauvorhaben mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen realisieren.

Sie sagen, eine Universität ist kein Wirtschaftsunternehmen. Empfinden Sie sich als Hochschulmanager?

Also, ich habe neulich einen interessanten Satz gelesen, den ich auch schon einmal öffentlich zitiert habe: „Wir müssen unsere Verwaltung zu einem modernen Management machen.“ Dieser Satz stammt nicht von Herrn Lenzen, sondern von Rolf Kreibich, dem ersten Präsidenten der Freien Universität Berlin, der mit einer linken Mehrheit gewählt worden ist. Ich denke, man muss sehen, dass eine moderne Universität sowohl auf der Administrationsebene als auch der Leitungsebene Managementelemente hat. Das ist längst geschehen und auch sinnvoll. Man darf das aber nicht als Einbahnstraße sehen, denn das Management hat auch wissenschaftsförmige Elemente in sich aufgenommen.

Ich würde zustimmen, dass Leitungsebenen solche Management-Elemente brauchen. Wenn ich dennoch sage, dass eine Universität keine Firma ist, dann meine ich damit vor allem, dass sie eine andere Kultur des Dialogs, der Abstimmung von Entscheidungsprozessen, der Transparenz und nicht zuletzt auch Spielräume für Nicht-Effizientes in der Forschung braucht. Die Forschung muss auch die Gelegenheit haben zum Experiment und zum Riskanten, sie braucht sogar die „Lizenz zum Scheitern".

Apropos Führungsstil: Sie wollen den Dialog mit allen Gruppen der Universität fördern, aber gleichzeitig  müssen und wollen Sie Führungsstärke zeigen – ist das ein Widerspruch?

Man kann Entscheidungen nicht allein im stillen Kämmerlein für sich fällen. Und ich merke gerade jetzt, wie entscheidend es ist, dass man die Expertise vieler einholt. Natürlich muss man sich am Ende selber klar positionieren und man wird nicht allen zu Gefallen entscheiden können. Es wird sicher Probleme im Dialog geben, aber die Universität ist eben auch aus diesem Grund eine universitas, weil sie als communitas funktioniert. Das soll man ernst nehmen.

Ziel der Exzellenzinitiative war es zu differenzieren. Bestimmte Forschungsbereiche sollten schwerpunktmäßig gefördert werden. Verträgt sich das mit dem Wesen einer Volluniversität, die die Freie Universität ist?

Es ist in der Tat vom Wissenschaftsrat und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft immer wieder deutlich gesagt worden, dass die Exzellenzinitiative zwei Differenzierungsprozesse herbeiführen soll: zum einen eine Differenzierung im Gesamtspektrum der Universität – und das heißt durchaus auch nach oben und unten – zum anderen auch die interne Differenzierung. Das heißt also eine interne Stärken- und Schwächenanalyse. Aber ich würde davor warnen, das Ganze gleich zu einer grundsätzlichen Bewertung zu machen. Wir erkennen immer wieder deutlich, dass die Bereiche, die in der Forschung wenig leisten, in der Lehre sehr stark sind – und umgekehrt. Wir wissen insofern, dass es eine gewisse Balance in der Leistungskraft gibt. Ich glaube zum anderen, dass wir die Fächervielfalt an der Freien Universität nicht  reduzieren sollten, denn Forschungsinnovation findet heute transdisziplinär statt.

Mit welchen Bereichen wird sich die Freie Universität in der nächsten Exzellenzrunde profilieren?

Wir haben einen sehr starken Antragsanteil in den Naturwissenschaften. Das ist gut so, denn wir haben im letzten Wettbewerb gepunktet durch die Geisteswissenschaften, und die Naturwissenschaften haben deswegen natürlicherweise auch das Interesse gehabt, sich hier zu profilieren.

Wir haben im Bereich der Nano-Forschung einen Schwerpunktbereich, der auch wieder Anwendungsperspektiven erschließt, außerdem bei den Geowissenschaften und der Umweltforschung sowie in der Pflanzenforschung mit ihrem Zentrum im Botanischen Garten. Das sind unsere drei großen Schwerpunkte in den Naturwissenschaften. Wir haben sehr starke Veterinäre, die an allen diesen Projekte  beteiligt sind, und wir haben in den Sozialwissenschaften neue Initiativen: im Bereich der internationalen Regierungsformen und in der Stadtforschung. Darüber hinaus gibt es einen universitätsübergreifenden Clusterantrag im Bereich der Gender-Forschung.

Manche Studenten kritisieren, dass sie eigentlich nichts von der Exzellenzinitiative haben. Was würden Sie ihnen entgegnen?

Ich nehme das zunächst einmal als Auftrag, tatsächlich eine engere Verzahnung von Lehre und Spitzenforschung zu erreichen. Man muss in diesem Punkt etwas geduldig sein. Studierende sind jung, also ungeduldig. Das ist ihr gutes Recht. Aber man braucht natürlich eine gewisse Zeit, ehe sich ein Cluster entwickelt. Wir müssen jetzt in einer zweiten Phase sehen, dass die Cluster eine Umsetzung ihrer Agenda auch in der Lehre vollziehen.

Wir werden bei den Neuanträgen sehr genau darauf dringen, dass die Antragsteller diesen Bereich von Anfang an mit im Blick haben. Des Weiteren muss man natürlich sagen, dass bereits einiges für die Lehre getan wird. Durch die Exzellenzcluster haben wir zwanzig Juniorprofessuren geschaffen, von denen auch die Studierenden profitieren. Wir haben Nachwuchsförderung betrieben, und wir haben nicht zuletzt Graduiertenschulen im Rahmen des Exzellenzwettbewerbs in großer Zahl eingeworben.

Sie haben ja selber an der Freien Universität studiert, wie haben Sie den Präsidenten damals wahrgenommen?

Der Präsident war für mich tatsächlich greifbar, denn er war Hochschullehrer in dem Fach, das ich auch studiert habe. Das war damals der Komparatist Eberhard Lämmert. Er war insofern für mich keine Figur, die in irgendeiner Weise entrückt war. Ich habe ihn schon als sehr charismatisch, aber auch ansprechbar empfunden. Auch der Wissenschaftssenator, Peter Glotz, ging ja in die Universitäten und redete mit den Studierenden, er machte eigentlich wochenlang nichts anderes. Das war eine Zeit, in der die Podiumsdiskussionen überfüllt waren, ganz anders als heute.

Auch ich möchte ansprechbar sein und etwa durch Sprechstunden signalisieren: Ich sitze hier und die Studierenden können mich erreichen. Auch in Zukunft werde ich Einladungen zu Podiumsdiskussionen und Vollversammlungen annehmen, weil ich der Meinung bin, dass sich der Präsident den Studierenden nicht nur zeigen, sondern auch mit ihnen ins Gespräch kommen sollte.

Das Gespräch führten Christa Beckmann, Christine Boldt und Carsten Wette