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„Meine Kinder sollen nicht im Flüchtlingslager aufwachsen“

Vortrags-Video: Der Präsident des vom Untergang bedrohten Inselstaates der Malediven, Mohamed Nasheed, besuchte die Freie Universität Berlin

10.03.2010

Mohamed Nasheed, Präsident der Malediven, hielt einen Vortrag an der Freien Universität
Mohamed Nasheed, Präsident der Malediven, hielt einen Vortrag an der Freien Universität Bildquelle: Stephan Töpper

Mohamed Nasheed hat Schlagzeilen gemacht. Vor einigen Monaten tauchte der maledivische Präsident mit seinen Ministern ab, um an der weltweit ersten Kabinettssitzung auf dem Meeresgrund teilzunehmen. In Taucheranzügen unterzeichneten die Regierungsmitglieder einen Aufruf an die internationale Gemeinschaft, den CO2-Ausstoß weiter zu reduzieren. Denn die im Indischen Ozean beheimateten Malediven sind das am niedrigsten gelegene Land der Welt und wegen des stetig steigenden Meeresspiegels vom Untergang bedroht. An der Freien Universität forderte der Präsident des Inselstaates am Donnerstag in seinem eindringlichen Appell „The Maldives: Leading the Fight Against Climate Change”, die Chance für einen Umbruch in der Klimapolitik zu nutzen.

Mohamed Nasheed hat in seinem Leben viele Kämpfe ausgetragen. Während des 30 Jahre andauernden autoritären Regimes des früheren maledivischen Präsidenten, Maumoon Abdul Gayoom, wurde Nasheed als Oppositioneller verfolgt, mehrfach inhaftiert, und musste schließlich fliehen. Doch er kehrte in sein Heimatland zurück, um 2008 überraschend der erste demokratisch gewählte Präsident seines Landes zu werden. Der größte und wichtigste Kampf Nasheeds ist allerdings noch nicht gewonnen.

„Diabolischer Plan“

„Wir haben keine Zeit mehr. Es geht um unsere Existenz, denn der Klimawandel ist real“, sagte der maledivische Präsident vor mehr als 200 Gästen im Henry-Ford-Bau der Freien Universität in seinem Vortrag „The Maldives: Leading the Fight Against Climate Change”. Es gäbe keinen Grund, daran zu zweifeln. Der Hacker-Angriff auf den Weltklimarat, infolgedessen Ende vergangenen Jahres Tausende interne E-Mails der Klimaforscher an die Öffentlichkeit gelangten und Vorwürfe der Daten-Vertuschung laut wurden, hinterlässt bei dem maledivischen Präsidenten mehr als nur kritische Fragen: „Wer hat diese E-Mails in Umlauf gebracht? Wer hat ein Interesse daran, die Menschen glauben zu machen, dass die Erderwärmung nur eine Fiktion ist?“. Dies sei ein diabolischer Plan.

Größte industrielle Revolution aller Zeiten

Zurzeit machten sich die Verantwortlichen größere Sorgen um den Prozess der Klimaverhandlungen als über die Klimaveränderungen, sagte der Präsident des rund 300.000 Einwohner zählenden Inselstaates: „Aber wir müssen eine Lösung finden, statt endlos darüber zu reden. Mit Mutter Natur kann man keine Verhandlungen führen.“ Der kleinste gemeinsame Nenner werde nicht ausreichen, die Malediven und letztendlich die gesamte Welt zu retten. Die Politik reagiere erst, wenn das Thema Klimawandel zu einem Wahlkampfthema werde und die Menschen auf die Straße gingen, sagte Nasheed, der auch die Studierenden aufforderte, in dieser Frage mutiger zu werden.

Gleichzeitig appellierte das Staatsoberhaupt an die Weltgemeinschaft, „die größte industrielle Revolution aller Zeiten anzustoßen“. Der Inselstaat selber hat sich bereits auf den Weg gemacht, um das große Ziel Klimaschutz zu erreichen. „In rund zehn Jahren werden die Malediven CO2-neutral sein“, sagte Nasheed. Das habe zwar einen verschwindend geringen Einfluss auf die CO2-Bilanz der gesamten Erde, könne aber ein Beispiel für andere Länder sein. „Denn das, was uns heute passiert, wird morgen dem Rest der Welt zustoßen. In einem gewissen Sinne sind wir alle Malediver.“

Malediver wollen ihre Inseln nicht verlassen

Viel Zeit bleibe nicht mehr zum Handeln, warnte Nasheed: „Wir haben noch zehn bis 12 Jahre, um unser Land zu retten.“ Beispielsweise durch die künstliche Erweiterung der Malediven oder die Errichtung künstlicher Riffe. Für viele Malediver seien die kleinen Inseln seit ungezählten Generationen die Heimat. Aus diesem Grund werde er alles dafür tun, um sein Land zu retten, sagte Nasheed: „Meine Kinder sollen nicht im Flüchtlingslager aufwachsen.“

Auf die Frage einer Studentin, wie sich der Konflikt zwischen der Abhängigkeit der Malediven von der Tourismusbranche und den damit verbundenen klimaschädigenden Langstreckenflügen ausräumen lasse, antwortete der Präsident: „Das ist ein Widerspruch, denn wir brauchen das Geld. Aus diesem Grund müssen wir beispielsweise alternative Wege für das Reisen finden und mehr Geld in neue Technologien investieren.“

Begrüßt worden war der maledivische Präsident durch Dr. Dorothea Rüland, Leiterin des Center for International Cooperation (CIC) der Freien Universität. Sie dankte Naheed für seinen Besuch: "Die Freie Universität fühlt sich sehr geehrt." Dr. Kirsten Jörgensen hieß ihn im Namen der Forschungsstelle für Umweltpolitik willkommen, an der Wissenschaftler der Freien Universität zahlreiche Projekte zu Themen in den Bereichen Klimaforschung und Machbarkeit durchführen.