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„Eine Hüterin der Verwandlung“

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff ist mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet und auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der Freien Universität berufen worden

03.03.2010

"Das Glück erreichte mich durch Sigrid Löfflers Stimme am Telefon", so begann Sibylle Lewitscharoff ihre Rede, der sie eine Leseprobe ihres gerade entstehenden Romans folgen ließ.
"Das Glück erreichte mich durch Sigrid Löfflers Stimme am Telefon", so begann Sibylle Lewitscharoff ihre Rede, der sie eine Leseprobe ihres gerade entstehenden Romans folgen ließ. Bildquelle: Stephan Töpper
Sibylle Lewitscharoff, Trägerin des Berliner Literaturpreises, und Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin
Sibylle Lewitscharoff, Trägerin des Berliner Literaturpreises, und Klaus Wowereit, Regierender Bürgermeister von Berlin Bildquelle: Stephan Töpper
v.l.n.r.: Hermann Wallmann, Sibylle Lewitscharoff, Klaus Wowereit, Prof. Ursula Lehmkuhl
v.l.n.r.: Hermann Wallmann, Sibylle Lewitscharoff, Klaus Wowereit, Prof. Ursula Lehmkuhl Bildquelle: Stephan Töpper
Sibylle Lewitscharoff erhält die Urkunde für den Berliner Literaturpreis.
Sibylle Lewitscharoff erhält die Urkunde für den Berliner Literaturpreis. Bildquelle: Stephan Töpper
Musikalisch umrahmt wurde die Verleihung von den Berliner Cellharmonikern.
Musikalisch umrahmt wurde die Verleihung von den Berliner Cellharmonikern. Bildquelle: Stephan Töpper

Im Festsaal des Roten Rathauses waren sich alle einig: Sibylle Lewitscharoff, diesjährige Trägerin des Berliner Literaturpreises, ist eine Meisterin des geschriebenen und gesprochenen Wortes. Die für ihr „dichtes und originelles Prosawerk“ am Dienstagabend ausgezeichnete Autorin wurde zugleich für das Sommersemester auf die Heiner-Müller-Gastprofessur der Freien Universität berufen.

„Das Glück erreichte mich durch Sigrid Löfflers Stimme am Telefon, in einer hässlichen Kleinstadt“, begann Sibylle Lewitscharoff und sagte es mit dramatischer Geste gleich noch einmal: „Glück! Glück!“. Nach dem Anruf, mit dem ihr die Jurorin die Auszeichnung ankündigte, sei sie ihr als mahnende Glücksbotin auch im Traum erschienen, berichtete Lewitscharoff dem zahlreich erschienenen Publikum. Die 1954 geborene Tochter einer deutschen Mutter und eines bulgarischen Vaters, Autorin des im vergangenen Jahr erschienenen erfolgreichen, autobiographisch grundierten Romans „Apostoloff“, zeigte sich bei der Preisverleihung auch als Meisterin des Auftritts. Lewitscharoffs Lust am Formulieren und Deklamieren feinsinniger Wörter konnte man bei einer Leseprobe aus ihrem gerade entstehenden Roman über den Philosophen Hans Blumenberg genießen – „Ich mache jetzt etwas, was man als Autor eigentlich nicht macht“ –, aus dem die Autorin drei Seiten von gerade erst 21 geschriebenen vortrug: die Begegnung Blumenbergs mit einem Löwen, der auf seinem Wohnzimmerteppich liegt.

Auszeichnung mit Auftrag

Mit der Vergabe des mit 30.000 Euro dotierten Berliner Literaturpreises, der von der Stiftung Preußische Seehandlung jährlich ausgelobt und vom Berliner Regierenden Bürgermeister überreicht wird, ist die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität verbunden. Eine „Auszeichnung mit Auftrag“, wie Professorin Ursula Lehmkuhl, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität, erläuterte: Die Preisträger sollen ihre künstlerischen Erfahrungen und ihr literarisches Können im Rahmen eines sogenannten Autorenkollegs an der Freien Universität an Studierende sowie junge Autorinnen und Autoren weitergeben. Eine Einrichtung, die Professor Gert Mattenklott vom Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft 2005 ins Leben gerufen hatte. Ihm, der Anfang Oktober vergangenen Jahres gestorben war, dankte Ursula Lehmkuhl nachdrücklich für sein Engagement für die Freie Universität. Mattenklott war an der Berufung von Herta Müller als erster Heiner-Müller-Gastprofessorin beteiligt, die nur wenige Tage nach seinem Tod den Literaturnobelpreis erhielt.

Alumna der Religionswissenschaften

Die Vizepräsidentin freute sich, mit der studierten Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff eine Alumna der Freien Universität begrüßen zu können. An dem Festakt nahmen neben dem Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit, und dem Vorsitzenden der Stiftung Preußische Seehandlung, Walter Rasch, die Mitglieder der Preisjury und Berufungskommission teil: Die Literaturkritikerin Professorin Sigrid Löffler, Professor Oliver Lubrich (Peter-Szondi-Institut der Freien Universität), Dr. Ulrich Janetzki (Leiter des Literarischen Colloquiums Berlin), Professor Ulrich Khuon (Intendant des Deutschen Theaters Berlin) und der Literaturwissenschaftler Professor Norbert Miller. Die Laudatio auf die Preisträgerin hielt der Münsteraner Literaturkritiker Hermann Wallmann. Er würdigte Sibylle Lewitscharoff als „Hüterin der Verwandlung, also der Gedanken, die immerzu Körper annehmen". „Nicht lärmen, lauschen!“, empfahl er mit Heimito von Doderers poetologischem Imperativ den künftigen Autorenkollegiaten, auf die er regelrecht neidisch sei, „weil sie sich demnächst um ihren Heiner-Müller-Lehrstuhl scharen werden“.