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Vom „Flurschaden des Sozialismus“

Karl-Heinz Paqué, Magdeburger Ökonomie-Professor, sprach an der Freien Universität über den Aufbau Ost

20.11.2009

Karl-Heinz Paqué, Magdeburger Professor für Ökonomie, bei seinem Vortrag über den "Aufbau Ost"
Karl-Heinz Paqué, Magdeburger Professor für Ökonomie, bei seinem Vortrag über den "Aufbau Ost" Bildquelle: Sarah Tormöhlen

Einerseits sind in den neuen Bundesländern seit der Wende neue Gewerbe entstanden, Innenstädte renoviert und Straßen gebaut worden. Andererseits sind ganze Industrien und mit ihnen Arbeitsplätze verschwunden. Der ehemalige sachsen-anhaltinische Finanzminister und Magdeburger Ökonom Professor Karl-Heinz Paqué zog an der Freien Universität auf Einladung von Professor Ronnie Schöb, Fachbereich Wirtschaftswissenschaf, Bilanz des Aufbaus Ost. Die Moderation hatte Professor Irwin Collier vom John-F.-Kennedy-Institut der Freien Universität.

Manchmal zweifle er an seiner Ausstrahlung begann Karl-Heinz Paqué seinen Vortrag scherzhaft im voll besetzten Hörsaal C des Henry-Ford-Baus der Freien Universität. Als er in Saarbrücken lebte, wurden große Teile des Bergbaus an der Saar stillgelegt. Dasselbe Schicksal ereilte zahlreiche Werften, als er gerade in Kiel weilte. Und als er in Magdeburg Professor wurde, ging dort der Maschinenbau zugrunde. Mit der Wende von 1989/1990, so Paqué, durchlebte Ostdeutschland den Strukturwandel im Zeitraffer. 2,5 von 4 Millionen Industriearbeitsplätzen gingen innerhalb kurzer Zeit verloren. War eine fehlerhafte Politik Schuld am Niedergang der ostdeutschen Wirtschaft?

Politisch alternativlose Entscheidungen

Paqué widerspricht vehement: Der ehemaligen DDR sei es zur Wendezeit ähnlich schlecht gegangen wie den anderen Ostblockstaaten. Der realexistierende Sozialismus hinterließ eine rückständige Infrastruktur und veraltete Industrieanalagen. Unternehmertum und weltmarktfähige Produkte suchte man vergeblich. Im Unterschied zu den Nachbarn in Polen oder Tschechien hatten die Ostdeutschen die Möglichkeit, sich frei von kulturellen und sprachlichen Barrieren in Westdeutschland eine neue Existenz aufzubauen. Wollte man verhindern, dass die neuen Länder völlig verwaisten, musste man die D-Mark zum Kurs 1:1 einführen und das Lohnniveau in beiden Landesteilen angleichen. Ebenso seien die schnelle Privatisierung der DDR-Staatsbetriebe durch die Treuhandanstalt und die starke Subventionierung alternativlos gewesen. Nicht jede dieser Maßnahmen war volkswirtschaftlich sinnvoll, aber die Gefahr der totalen Abwanderung hätte keine anderen Schritte zugelassen, erklärt Paqué.

Situation heute

Was bleibt heute, 20 Jahre nach dem Fall der Mauer, von alledem? Die Landwirtschaft habe bereits Westniveau erreicht, sagt der Ökonom. Auch die Industrie in den neuen Ländern habe enorm aufgeholt. Der Produktivitätsrückstand ließe sich allein dadurch erklären, dass im Osten die Unternehmenszentralen und mit ihnen die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen fehlten. Dagegen könne man als Staat etwas tun, indem man durch Investitionen in Bildung die Innovationskraft stärke. Die Abhängigkeit von Transferleistungen sei so schnell nicht aufzuheben. Denn noch immer leide die Region unter dem Flurschaden des Sozialismus.

Homepage von Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué

Homepage von Prof. Dr. Schöb

Homepage von Prof. Dr. Collier