Freie Universität Berlin


Service-Navigation

"Krisen entstehen im urbanen Umfeld"

Interview mit dem amerikanischen Geografen David Harvey über kreative Zerstörung, Obamas Kuba-Politik und die Topografie der Menschheit

06.07.2009

Professor David Harvey, zurzeit an der Graduate School of North American Studies
Professor David Harvey, zurzeit an der Graduate School of North American Studies

Professor David Harvey, Geograf an der City University of New York, ist zurzeit als Gastprofessor an der Graduate School of North American Studies der Freien Universität. Am 10. und 11. Juli findet dort die Graduiertenkonferenz "The Continuity of Change" statt. Vor seinem Vortrag am 10. Juli zum Thema "Is this the Beginning of the Long Revolution?" hat Hindeja Farah, Doktorandin an der Graduate School of North American Studies, mit David Harvey gesprochen.

Professor Harvey, Sie bezeichnen sich selbst als kritischen Geografen. Sie setzen auf eine Wissenschaft, die sich mit den Beziehungen zwischen Mensch, Erde, Raum und Umwelt befasst - eine Art Geografie der Gesellschaften. Mit dem Wörtchen kritisch ist auch gemeint, dass Sie die Arbeitsmethoden der klassischen Geografie durch Begriffe aus dem Werk von Karl Marx anreichern. Wie bewerten Sie die Krise, die unsere Gesellschaften erfasst hat?

Im Kapitalismus spielen Krisen eine entscheidende Rolle. Sie sind, wie der Ökonom Joseph Schumpeter sagt, kreative Zerstörung; wir entledigen uns des Alten, etwas Neues entsteht. In der Geschichte des Kapitalismus gab es immer Krisen; in Erinnerung sind uns vor allem die Makrokrisen in den 1930er und den 1970er Jahren, die zu erheblichen Veränderungen geführt haben. Jetzt befinden wir uns wieder in einer solchen Phase. Wir sind quasi Zeugen einer großen Vernichtung.

Und das findet jetzt gerade statt?

Die Politiker halten sich sehr damit zurück, sich diesem kreativen Moment zu stellen. Ich denke, man versucht, das alte System am Laufen zu halten. Diesem Instinkt folgten die Politiker auch in den 1930er und später in den 1970er Jahren; danach brauchte es ein Jahrzehnt, bis Margaret Thatcher und Ronald Reagan auftauchten, um politisch etwas Neues zu definieren: den Neoliberalismus.

Was wird das nächste große Paradigma sein?

Die Frage ist, wie reagieren wir? Bisher gelingt es uns, die Krise einigermaßen zu managen. Wir haben es geschafft, die Finanzinstitutionen zu stabilisieren, aber das hilft nicht gegen die Arbeitslosigkeit. Und selbst wenn es gelingen sollte, die Arbeitslosenzahlen zu stabilisieren, dann haben wir immer noch das Problem mit all dem Geld, das wir gerade in die Banken gepumpt haben. Was machen wir in fünf Jahren mit diesen, sagen wir mal, zwei Billionen Dollar? Wie finden wir dann zum natürlichen Gleichgewicht zurück? Es droht Inflation.

Wie wird die Weltpolitik dann aussehen?

Mitten im Chaos sind Voraussagen immer schwierig. Ein Muster, das überraschenderweise entstehen könnte, wäre eine sehr solide Koordination der USA mit China. Die beiden Staaten könnten gemeinsam eine Art bipolares Machtzentrum bilden. Oder sagen wir es so: Wenn die Zusammenarbeit zwischen China und den USA so weitergeht, wie bisher, wäre es in fünf Jahren ein Leichtes, retrospektiv zu behaupten, dass alles jetzt begann.

Was ist mit der Europäischen Union?

Die Union ist derzeit politisch so diffus, dass ich in Zukunft keine starke Rolle der EU sehe. Das kann sich natürlich ändern, aber derzeit passiert es ja eher, dass der britische Premierminister Gordon Brown eine Wirtschaftspolitik vorschlägt, die der deutsche Wirtschaftsminister Peer Steinbrück dann als idiotisch bezeichnet (lacht).

USA und China als bipolares Machtzentrum, Europa zerstritten. Das soll die Zukunft sein?

Nun ja, es könnte auch genau das Gegenteil geschehen, wenn sich der Kampf um Ressourcen zuspitzt. China drängt immer mehr auf den afrikanischen Kontinent und berührt da empfindliche Interessen der USA. Hier könnte ein neuer Konfliktherd entstehen. Eine Art neuer kalter Krieg.

Na, wunderbar. Lassen Sie uns lieber über Ihr neues Buch „Cosmopolitanism and the Geographies of Freedom“ reden, das gerade auf Englisch erschienen ist. Darin reflektieren Sie die Jahre der Präsidentschaft von George W. Bush und schlagen "cosmopolitanism" als eine Sozialtheorie vor, aus der sich politisches Handeln ableiten lässt. Was bedeutet "cosmopolitanism"?

"Cosmopolitanism" hat eine lange Tradition.Damit gemeint ist eine Art Loyalität zur Menschheit ganz allgemein und, in meinem Verständnis, zu jeder kleinsten Ecke davon. Die kosmopolitische Ethik finden wir schon bei den Stoikern als philosophische Haltung. Kosmopolitisches Handeln, so wie ich es meine, beruht darauf, anzuerkennen, dass wir alle im selben Boot sitzen und dass wir sorgsam mit unserer Umwelt umgehen müssen; dass wir uns der Ungleichheit und Armut bewusst sind, die herrscht. Es leiten sich daraus politische Forderungen ab: Zuallererst die Umsetzung der Menschenrechte. Damit meine ich auch, dass ein spanischer Richter die Möglichkeit haben muss...

... den chilenischen Diktator Augusto Pinochet dingfest zu machen? Sie spielen auf den Untersuchungsrichter Baltasar Garzon an, der 1998 die Gelegenheit beim Schopf packte und gegen Pinochet Anklage erhob, als der gerade in Großbritannien war?

Genau. Dass es einen Internationalen Strafgerichtshof in La Hague gibt, der Menschenrechtsverletzungen nachgeht, diese Idee ist ein zentrales Element eines kosmopolitischen Steuerungssystems. Gleichzeitig ist "cosmopolitanism" eine Theorie, die wie der Liberalismus, der Neoliberalismus und sogar der Kommunismus eine universalistische Denkweise beschreibt, die anmaßende Schlüsse über den einzelnen Menschen zieht.

Wie meinen Sie das?

Alle universalistischen Theorien müssen sich fragen lassen, wie sie geografische Differenz fassen. Mein Buch liefert quasi eine Kritik an allen Gesellschaftsentwürfen, die den Besonderheiten unserer Welt zuwenig Aufmerksamkeit zollen. Den Grundgedanken des "cosmopolitanism" will ich allerdings retten, in dem ich darüber nachdenke, wie er sich mit dem Phänomen geografischer Differenz vereinbaren lässt. Dabei ist Freiheit natürlich ein Schlüsselbegriff, denn Freiheit ist nicht von geografischer Differenz und Partikularismus zu trennen.

Das gesamte Interview mit Professor David Harvey (PDF)

Das Interview führte Hindeja Farah, Doktorandin an der Graduate School of North American Studies