Zurück zu den Wurzeln

Der Botanische Garten und das Botanische Museum erkunden in einem Forschungsverbund die Geschichte von Berliner Sammlungen

11.02.2016

Das Willdenow-Herbar (oben) umfasst beinahe 40,000 getrocknete Pflanzenfunde. Ein Teil stammt von Alexander von Humboldts Amerika-Expedition.
Das Willdenow-Herbar (oben) umfasst beinahe 40,000 getrocknete Pflanzenfunde. Ein Teil stammt von Alexander von Humboldts Amerika-Expedition. Bildquelle: T. Geisler/BGBM

Der Botanische Garten in Berlin-Dahlem ist bekannt für seltene und exotische Pflanzen wie die Titanenwurz, die größte Blume der Welt, die nur alle paar Jahre ihren meterhohen – und übelriechenden – Blütenstand entfaltet. Weniger bekannt ist, dass sich an seinem Eingang zur Königin- Luise-Straße eine ebenso große Seltenheit verbirgt: Das 1906 eröffnete Botanische Museum.

„So etwas gibt es in ganz Europa nur einmal“, sagt Patricia Rahemipour. „Meistens sind Botanische Museen eine Unterabteilung der Naturkundemuseen“, erklärt die promovierte Geschichtswissenschaftlerin, die gerade die Leitung der Abteilung Wissenskommunikation auch für das Botanischen Museums übernommen hat. „Hier ergänzen sich Außengelände, Museum und die Forschung auf einzigartige Weise.“

Rahemipour ist als Prähistorikerin eine seltene Spezies unter den Botanikern im Haus. Da lag es für sie nahe, sich auch mit der Geschichte des Botanischen Gartens zu befassen, die stets eng mit politischen und gesellschaftlichen Themen verknüpft war.

Die Weltgeschichte und das Schicksal des Botanischen Gartens sind eng verknüpft

Eine Vorläufereinrichtung des Botanischen Gartens war der Kräutergarten der Hofapotheke im Berliner Stadtschloss im 16. Jahrhundert, eine weitere der Schöneberger Küchengarten – am heutigen Kleistpark – dessen Erweiterung der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg Ende des 17. Jahrhunderts anordnete. Im 19. Jahrhundert erlebte der Garten dort seine erste Blütezeit: Aus den umfangreichen Sammlungen des Botanikers Carl Ludwig Willdenow, dem akademischen Lehrer des jungen Alexander von Humboldt, entstanden zunächst das königliche Herbar und dann daraus das Botanische Museum.

Um die Jahrhundertwende wurde die Schöneberger Anlage zu klein. Es ging nach Dahlem, wo ein „deutsches Oxford, vor den Toren Berlins“ entstehen sollte, wie Thomas Borsch, der Direktor des Botanischen Gartens und des Botanischen Museums erzählt. Um diese Zeit entstand auch die „Botanische Zentralstelle für die deutschen Kolonien“, die im staatlichen Auftrag – analog zur Arbeit des Royal Botanic Garden Kew für das British Empire – in den deutschen Kolonien botanische Gärten und Versuchsanstalten für Nutzpflanzen errichten sollte.

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Größere Herbarbelege werden in Schränken verwahrt.
Größere Herbarbelege werden in Schränken verwahrt. Bildquelle: A. Obermüller

1943 verknüpfte sich die Weltgeschichte erneut mit dem Schicksal des Botanischen Gartens: Ein Bombentreffer im Museum vernichtete einen Großteil der Sammlung. Zum Glück konnte mit dem „Willdenow-Herbar“ ein großer Schatz gerettet werden: Mappen mit etwa 38000 Herbarbelegen von mehr als 20000 Arten, darunter mehr als 3000 getrocknete Pflanzen, die Alexander von Humboldt auf seiner Amerika-Expedition von 1799 bis 1804 gesammelt hatte.

Viele davon sind sogenannte Typusbelege – eine Art botanischer „Urmeter“, auf dessen Basis eine Spezies erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde. Die Sammlung ist nun auch der Ausgangspunkt zu Forschungsexpeditionen anderer Art: In einem neuen Forschungsverbund, den der Botanische Garten und das Botanische Museum initiiert haben, soll die Geschichte von Institutionen in Berlin erforscht werden, die auf Sammlungen basieren. Geistes- und Naturwissenschaftler aus 13 großen Berliner Institutionen – von den Häusern der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über das Naturkundemuseum bis hin zum Deutschen Historischen Museum – sind an dem Vorhaben beteiligt.

„Das Sammeln wird als historisches Ereignis und nicht mehr nur als rein wissenschaftliche Tätigkeit betrachtet“, sagt Patricia Rahemipour. Vielmehr sollen die wissenschafts- und kulturpolitischen Kontexte und wissenschaftlichen Netzwerke, die die Sammlungen geprägt haben, erschlossen werden.

Das könne nur durch transdisziplinäre Zusammenarbeit gelingen. Auch die unterschiedlichen Bedeutungsebenen der Objekte selbst könnten so in den Blick genommen werden, sagt sie und führt in den „Altägyptischen Saal“ des Botanischen Museums. Hier sind Pflanzenreste ausgestellt, die man in den Gräbern ägyptischer Pharaonen gefunden hat: getrocknete Blumenketten und Weinreben, aber auch Teile von Kleidern und Matten, die aus Pflanzenfasern gewebt wurden.

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Das „Album Amicorum“ ist eine Art Vorläufer des heutigen Poesiealbums.
Das „Album Amicorum“ ist eine Art Vorläufer des heutigen Poesiealbums. Bildquelle: A. Obermüller

Ein Fund, der nicht nur Schlüsse darüber zulässt, welche Pflanzen damals in der Region wuchsen, sondern auch auf Bestattungsriten und Alltagsleben im alten Ägypten hinweist. Nicht zuletzt sind die Objekte selbst Teil der Institutionengeschichte geworden: Gesammelt wurden sie im 19. Jahrhundert von Georg Schweinfurth. „Woanders steht neben seinem Namen ,Afrikaforscher’, bei uns steht ,Botaniker’. Es ist also alles eine Frage der Betrachtung“, sagt Patricia Rahemipour. Für sie steckt die Botanik voller interdisziplinärer Querverweise.

Um zum Beispiel einen Pflanzenfund mit einem 200 Jahre alten „Typusbeleg“ abzugleichen, müssen Forscher nicht nur alte Handschriften entziffern können, sondern auch wissen, dass der Fundort „Kaiser-Wilhelms-Land“ im heutigen Neuguinea liegt. Und sie sollten sich nicht wundern, wenn ein Beleg die Handschrift von Adelbert von Chamisso trägt. Der Dichter war auch Botaniker und einer der ersten Kustoden am Herbarium in Schöneberg.

Wie fachübergreifend die Netzwerke damals waren, zeigt auch Willdenows „Album Amicorum“, das im Archiv des Botanischen Museums liegt. „Das Album ist eine Art Vorläufer des heutigen Poesiealbums“, erklärt Patricia Rahemipour, „es diente aber auch als Referenz, wenn man sich um eine Stelle oder um Gelder für eine Expedition bewarb.“

Seite um Seite entfaltet sich hier ein „Who is Who“ der preußischen Wissens-Elite, verziert mit Miniaturen, Scherenschnitten und Zitaten. Patricia Rahemipour hofft, mithilfe solcher Alben, von denen mehrere über die Berliner Sammlungen verstreut sind, irgendwann die damaligen wissenschaftlichen Netzwerke im Detail nachzeichnen zu können: „Denn nur, wer als Institution seine Vergangenheit kennt, kann sein Profil für die Zukunft schärfen.“

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