"Hoffnung auf eine neue Weltordnung"

Zum globalen Umbruch der Jahre 1917 bis 1920

14.04.2016

Europa 1917: Während in Russland die Bolschewisten als Sieger aus der Oktoberrevolution hervorgehen, treten die USA in den Ersten Weltkrieg ein und machen damit einen entscheidenden Schritt zum späteren Weltmachtstatus. Doch was geschah im Rest der Welt? Welche Verbindungen gibt es zwischen den Ereignissen? Die weltweiten Revolutionen und Konterrevolutionen der Jahre 1917 bis 1920 sind im Juni Gegenstand einer internationalen, von der VolkswagenStiftung geförderten Tagung mit dem Titel "World (Counter) Revolutions. 1917- 1920 from a global Perspective" – "(Gegen-) Revolutionen. 1917-1920 aus globaler Sicht". Stefan Rinke von der Freien Universität gehört zu den Initiatoren.

Herr Professor Rinke, was ist Global History – und was bedeutet das für die Ausrichtung der Tagung?

Das Besondere daran ist, dass sie die nichteuropäische, nichtnordatlantische Geschichte berücksichtigt und dass sie für diese Betrachtungen einen eigenen Raum hat. Global History ist darüber hinaus interessiert an den Verflechtungen dieser Geschichten.

So kann sie den Blick der Historiker weiten, der bislang sehr stark auf die jeweils eigenen Nationen gerichtet war. Wir wollen eine Frage, die für Europa und den nordatlantischen Raumschon oft verhandelt wurde, erweitern und fragen, inwieweit sich die Ereignisse 1917 – zum Beispiel die Russische Revolution und der Kriegseintritt der USA – in globalhistorischer Dimension ausgewirkt haben. Und wir fragen, welche Ereignisse außerhalb des nordatlantischen Raums mit jenen in Europa und den USA Wechselwirkungen hatten.

Auf der Tagung gibt es daher Beiträge zu Lateinamerika, zum asiatischen, aber auch zum vorderasiatischen Raum. Warum ist 1917 ein Wendejahr?

Oft wird das Jahr 1917 als großer Epochenumbruch bezeichnet. Wenn man sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere den Kalten Krieg, aus einer europäischen oder US-amerikanischen Perspektive anschaut, leuchtet das ein. Doch gleichzeitig spielten sich starke Umwälzungen in den damaligen Kolonien ab, sowie in den nichtkolonialisierten Gebieten Lateinamerikas; die wurden nur zum Teil von diesen europäischen und nordamerikanischen Ereignissen ausgelöst, waren aber eng damit verbunden.

So gab es in Lateinamerika, Asien und Afrika zu jener Zeit große Hoffnung auf eine Neuordnung der Welt nach Ende des Ersten Weltkrieges. Ein Ende des Kolonialismus schien greifbar. Dieser weltpolitische Aufbruch hat sich schnell in Luft aufgelöst; stattdessen kam es zu einer Verfestigung der Strukturen. In vielen Ländern wurden Ansätze zu sozialrevolutionären Bewegungen von der Staatsgewalt mit brutalen Mitteln im Keim erstickt.

Haben Sie ein nichteuropäisches Beispiel für Umbrüche, die auf 1917 folgten?

In Lateinamerika ist der Fall Argentinien interessant. Gegen Ende 1918 haben sich erstmals Gruppierungen von der sozialistischen Partei abgespalten, die sich nach der neuen bolschewistischen Partei in Russland ausgerichtet haben. Viele darunter waren Einwanderer. Diese Bewegung wurde vonseiten der herrschenden Oligarchie als Gefahr angesehen. Da die Regierung zunächst abwartete, formierten sich Bürgermilizen, die gegen diese von Einwanderern getragene Bewegung vorgingen und sich in einem Gemetzel auf die vermeintlichen Kommunisten stürzten. Man spricht von der "Tragischen Woche" 1919.

Die Fragen stellte Peter Schraeder.