„Dieses Land ist unglaublich dynamisch“

China treibt die Internationalisierung seiner Hochschulen voran - die Freie Universität gehört zu den wichtigsten Partnern

12.06.2014

Es ist das bevölkerungsreichste Land der Erde: Mit knapp 1,35 Milliarden Menschen hat China mehr Einwohner als Nordamerika, Europa und Russland zusammen. Das Reich der Mitte gehört zu den rasant wachsendenWirtschaftsnationen der Welt. Und es investiert große Summen in Bildung und Forschung. Seit sieben Jahren unterhält die Freie Universität Berlin ein Verbindungsbüro in Peking, das von der Germanistin und Sinologin Beate Rogler geleitet wird.

Der Himmelstempel in Peking mit seiner weitreichenden Anlage – hier die Halle des Himmelsgewölbes – ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Chinas. Auch für chinesische Schüler gehört ein Besuch der Anlage zum Pflichtprogramm.
Der Himmelstempel in Peking mit seiner weitreichenden Anlage – hier die Halle des Himmelsgewölbes – ist eines der bekanntesten Wahrzeichen Chinas. Auch für chinesische Schüler gehört ein Besuch der Anlage zum Pflichtprogramm. Bildquelle: Beijing Office

Frau Rogler, was fasziniert Sie an China?

Dieses Land ist unglaublich dynamisch. Hier entstehen ganze Stadtteile und Städte auf dem Reißbrett, Sie können praktisch zusehen, wie sich alles verändert. Gleichzeitig versucht man nun verstärkt, Traditionelles zu bewahren. Diese Entwicklungen finde ich sehr spannend. Um China besser verstehen zu können, muss man auch Chinas Vergangenheit kennen, vor allem seine geschichtliche Entwicklung. Die traditionelle chinesische Kultur, die Schriftzeichen, all das hat mich schon als Jugendliche fasziniert.


Welche Rolle spielt Deutschland für China?

Deutschland ist für China der wichtigste Handelspartner in Europa. Wenn man in China sagt, man kommt aus Deutschland, geht der Daumen hoch. Die Chinesen schätzen unser Land, seine Wirtschaftskraft, die Qualität der Produkte, die deutschen Dichter und Denker. Sie sind aber auch beeindruckt davon, wie Deutschland seine Vergangenheit bewältigt hat. Der Kniefall von Willy Brandt 1970 am Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos wird oft angesprochen und findet hier noch heute große Anerkennung.Und Deutschland hat natürlich einen sehr guten Ruf als Wissenschaftsstandort. Immer mehr junge Chinesen kommen zum Studium oder zum Promovieren in die Bundesrepublik.


Wie viele davon kommen an die Freie Universität?

Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt ja auf der Rekrutierung von Doktoranden. Bei der Zahl der Promovenden, die meist über unser gemeinsames Stipendienprogramm mit dem China Scholarship Council (CSC) zu uns kommen, liegt die Freie Universität Berlin nach der Technischen Universität München bundesweit auf Platz zwei. Innerhalb dieses Programms bietet die Freie Universität Doktorandenstellen an, der CSC vergibt Stipendien dafür. Die Gründung des Verbindungsbüros im Jahr 2007 in Peking, die damit verbundene hohe Sichtbarkeit der Freien Universität in China und das seit 2008 laufende gemeinsame Doktorandenprogramm mit dem CSC spielen dabei eine entscheidende Rolle. Das zeigen auch die Zahlen: Während 2007 knapp 230 Chinesinnen und Chinesen an der Freien Universität studierten, sind es heute bereits 476. Die Hälfte von ihnen promoviert, 2007 waren es gerade einmal 27 Doktoranden. Damit hat sich die Zahl der chinesischen Promovenden an der Freien Universität seit 2007 mehr als verachtfacht. Das Büro vor Ort bewirbt dabei die offenen Doktorandenstellen, evaluiert die Bewerbungen der chinesischen Kandidaten und erleichtert die Kontaktaufnahme und Vernetzung. Unser Account beim twitterähnlichen-Mikroblog Sina Weibo, den wir im April 2013 als Informationsmedium eröffnet haben, hat schon mehr als 2200 Nutzer.


Gibt es auch den Austausch von Deutschland nach China?

Ja, den gibt es, aber deutlich geringer als umgekehrt. Etwa 25 000 Chinesen studieren in Deutschland, aber nur rund 6000 Deutsche in China. Das ist ein  Ungleichgewicht, das wir auch in unseren Austauschprogrammen mit den chinesischen Partnerhochschulen erleben, und an dem wir auf beiden Seiten arbeiten. Eine der größten Hürden ist die Sprache. Es gibt noch zuwenige englischsprachige Studienangebote. China investiert aber sehr viel in die Internationalisierung seiner Hochschulen: Zum Beispiel gibt es Stipendien für Ausländer, die in China studieren oder promovieren möchten, und seit 2007 werden jährlich 6000 Chinesen mit den bereits angesprochenen CSC-Regierungsstipendien zur Promotion ins Ausland geschickt. Wir hoffen, dass viele dieser Nachwuchswissenschaftler nach ihrer Rückkehr an den chinesischen Hochschulen eingesetzt werden, um verstärkt englischsprachige Lehrveranstaltungen anzubieten.

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Beate Roger leitet das Verbindungsbüro in Peking seit 2012. Die Germanistin und Sinologin ist dort zuvor mehrere Jahre für den Deutschen Akademischen Austauschdienst tätig gewesen.
Beate Roger leitet das Verbindungsbüro in Peking seit 2012. Die Germanistin und Sinologin ist dort zuvor mehrere Jahre für den Deutschen Akademischen Austauschdienst tätig gewesen. Bildquelle: Bejing Office

Auf welchen Gebieten bestehen Forschungskooperationen?

Die Freie Universität unterhält zurzeit Kooperationen, Studien- und Austauschprogramme mit mehr als zehn Partnerhochschulen und -institutionen in China. Mit der Peking University, die auch gerne als das „Harvard Chinas“ bezeichnet wird, besteht seit drei Jahren eine strategische Partnerschaft, die Kooperation reicht bis ins Jahr 1981 zurück. Professorinnen und Professoren der Freien Universität aus den Geistes- und Sozialwissenschaften sind gemeinsam mit Kollegen der Humboldt-Universität ins Zentrum für Deutschlandstudien (ZDS) eingebunden, das seit 2005 besteht und vom DAAD gefördert wird. Aus der Kooperation mit der Peking University ist auch das Konfuzius-Institut erwachsen, das 2006 als erstes seiner Art in Deutschland an der FreienUniversität gegründet wurde.Weitere gemeinsame Projekte mit unseren chinesischen Partnern gibt es zum Beispiel neben der Sinologie, in der Ostasiatischen Kunstgeschichte, in den Politikwissenschaften, in der Chemie, der Veterinärmedizin, in den Geowissenschaften und der Umweltforschung.


China macht eher durch Umweltverschmutzung Schlagzeilen. Welche Rolle spielt der Umweltschutz?

Umweltschutz spielt eine zunehmend größere Rolle. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Wirtschaft im Vordergrund gestanden, aber nun werden in China die Stimmen lauter, die sich für die Umwelt einsetzen. Expertise aus dem Ausland ist dabei gefragt. Wissenschaftler des Forschungszentrums für Umweltpolitik der Freien Universität beraten – ebenso wie andere Experten der Universität – die chinesische Regierung in Umweltfragen. Und sie sind auch im Juli bei der Gründung der „Green Alliance of Universities for Sustainable Future“ vertreten, einer Initiative der Peking University mit der Stadt Guiyang. Idee dabei ist es, mit vielen internationalen und nationalen Hochschulen gemeinsam nach Lösungen für drängende Umweltfragen zu suchen.


Welche Ziele haben Sie sich als Leiterin des Verbindungsbüros für die kommenden Jahre gesteckt?

Ich möchte die strategische Partnerschaft mit der Peking-Universität weiter ausbauen, unter anderem in den Naturwissenschaften. Wünschenswert ist generell der Aufbau von nachhaltigen Programmen, etwa gemeinsamen Studiengängen mit Doppelabschluss und größeren Forschungsprojekten mit chinesischen Partnern. In diesem Sommer starten wir außerdem gemeinsam mit dem China Scholarship Council ein Postdoc-Programm, mit dem begabten Nachwuchswissenschaftlern nach ihrer Promotion in China ein Forschungsaufenthalt an der Freien Universität ermöglicht werden soll. Und es wäre großartig, wenn der Studierendenaustausch in Zukunft keine Einbahnstraße bliebe und sich neben Interessenten aus dem Fach Sinologie noch mehr Studierende der Freien Universität auf einen Studienaufenthalt an unseren Partnerhochschulen in Peking, Shanghai, Nanjing, Hangzhou, Wuhan oder Guangzhou einlassen würden. Heute kann man als Student hier in Peking fast so leben wie in Berlin. Es gibt Wohngemeinschaften, Sportmöglichkeiten und Kneipen, die Menschen kommen einem offen entgegen und sind sehr positiv eingestellt gegenüber Deutschland. Ein sehr sympathisches Beispiel für erfolgreiches Studieren in China ist das deutsche Rapduo „Feichang Fresh“, die mit ihrem offiziellen Song und Musikvideo zur 20-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Peking hier gerade für Begeisterung sorgen. Einer der Musiker hat übrigens Sinologie an der Freien Universität studiert.

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