Europa muss sich wappnen für Stürme und Hitzewellen

13.06.2014

Meteorologen der Freien Universität haben an einem neuen Bericht über extreme Wetterphänomene mitgearbeitet

Tornados wie dieser in Großbritannien und andere Extremwetterphänomene können künftig auch in mitteleuropäischen Ländern große Schäden verursachen.
Tornados wie dieser in Großbritannien und andere Extremwetterphänomene können künftig auch in mitteleuropäischen Ländern große Schäden verursachen. Bildquelle: James Thew - Fotolia

Hochwasser im Juni, Hagelstürme im August, Orkane im Dezember: Das Jahr 2013 brachte für Deutschland unterschiedliche Wetterextreme innerhalb weniger Monate. Rund sieben Milliarden Euro zahlten die Versicherungen für die Schäden. Künftig könnten noch häufiger kostspielige Aufräumarbeiten nötig sein, warnen Experten.

Ein neuer Bericht des Norwegischen Meteorologischen Instituts und des European Academies Science Advisory Council (EASAC) empfiehlt Deutschland und seinen Nachbarländern, sich für heftige Stürme und Überflutungen zu wappnen. Dem Elbhochwasser von 2002 und 2013 könnten in den nächsten Jahren und Jahrzehnten häufiger Flutkatastrophen folgen. Vor allem Südeuropa müsse sich auf längere, intensive Hitzewellen einstellen.

Zu den Autoren des Berichts gehören die Meteorologie-Professoren Ulrich Cubasch und Uwe Ulbrich von der Freien Universität. Sie beschäftigten sich vor allem mit der Frage, mit welcher Häufigkeit und Intensität Stürme künftig in Europa zu erwarten sind.

Der Report, den die Meteorologen im Dezember der Europäischen Kommission in Brüssel überreicht haben, basiert auf den Weltklimaberichten von 2007 und 2013 – auch an ihnen war die Freie Universität federführend beteiligt – sowie weiteren Studien und Klimamodellen. Er geht auf die Veränderungen ein, die auf die ansteigenden Treibhausgaskonzentrationen zurückzuführen sind und soll Politikern helfen, Strategien für den Umgang mit den Wetterveränderungen zu entwickeln.

Denn vorbereitet sind die Regierungen bisher nicht auf das, was da droht. Zwar hätten politische Kreise in Europa „begonnen, angemessene Reaktionen auf diese Veränderungen zu prüfen“, schreiben die Autoren. Und es gebe auch EU-Initiativen zu spezifischen Herausforderungen. Eine umfassende Anpassungsstrategie müsse jedoch noch erarbeitet werden.

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Bislang seien viele Neuerungen von den Versicherungen vorangetrieben worden, sagt Ulrich Cubasch: „Die Versicherungen spielen eine große Rolle, wenn etwa Deiche erhöht, Regenrinnen vergrößert und die Bauweise von Dächern angepasst werden.“ Diese Maßnahmen verringern die Schäden bei Hochwasser und Stürmen.

Der EASAC-Bericht wertet unter anderem Daten aus, die die Versicherungsindustrie zusammengetragen hat. Die Autoren haben dafür ein an der Freien Universität entwickeltes Modell zur Entwicklung von finanziellen Schäden durch Stürme genutzt, das eine immense Zunahme vor allem in Deutschland prognostiziert – wenn Baustandards nicht angepasst würden: Dann stiegen die durchschnittlichen Schadenssummen um mehr als 25 Prozent bis Ende des 21. Jahrhunderts, warnen die Experten – eine weitere Verteuerung durch steigenden Wohlstand und den wachsenden Wert von Immobilien nicht eingerechnet.

Dabei werden die Stürme in Mitteleuropa nicht nur häufiger, sondern auch heftiger, prognostizieren die Wissenschaftler. Das sei letztlich eine Folge des Treibhauseffektes, erläutert Uwe Ulbrich: „Wir beobachten in den Simulationen eine Veränderung der Ozean-Zirkulation im Nordatlantik westlich von Europa. Das verstärke dort die Temperaturgegensätze: Eine etwas geringere Temperaturzunahme im Norden und eine stärkere im Süden begünstigt die Intensität von Tiefdruckgebieten.“

Dadurch werde es häufiger starke Niederschläge und Winterstürme in Deutschland und den Nachbarländern geben. Generell belegt der Bericht eine Tendenz zu einer stärkeren Ausprägung bereits bestehender Klimaverhältnisse: In Nord- und Mitteleuropa wird noch mehr Regen fallen als bisher, in den trockenen Regionen in Südeuropa dagegen weniger als bisher. Das führt zu der Empfehlung der Verfasser, dass sich das Gesundheitswesen stärker mit hitzebedingten Erkrankungen auseinandersetzen sollte.

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Für die Landwirtschaft in ganz Europa würden sowohl Dürren als auch Stürme eine Herausforderung. Auch hätten die Orkane Christian und Xaver, die Ende 2013 über Nordwest-Europa fegten, wieder einmal gezeigt, dass kritische Infrastrukturen wie Stromleitungen und öffentliche Verkehrsmittel besser an die klimatischen Verhältnisse angepasst werden müssten.

Der Bericht hebt mehrfach hervor, wie wichtig es sei, dass die Europäische Union eine gemeinsame Strategie zur Schadensbegrenzung bei Extremwetter-Ereignissen entwickelt. Dafür müssten die Staaten ihre bestehenden Konzepte besser aufeinander abstimmen.

So unterscheiden sich etwa die Regelungen zum Hochwasserschutz teilweise beträchtlich; ihre Effektivität ist nicht hinreichend untersucht. Gerade bei Überflutungen ist aber nach Ansicht der Experten eine länderübergreifende Planung erforderlich, ebenso wie umfassende Konzepte für verstärkte Klimaforschung, einen besseren Zugang zu Schadensdaten und eine intensive internationale Vernetzung der Wissenschaftler.

Mit Schadensbegrenzung allein ist es aber nicht getan: Die Autoren fordern die europäischen Entscheidungsträger dazu auf, weiterhin weltweit die Ursachen der Klimaerwärmung zu bekämpfen. Andernfalls müssten wir uns – auch in unseren Breitengeraden – auf weitere Naturkatastrophen einstellen, mahnt Ulrich Cubasch: „Denn je stärker die Emission von Treibhausgasen ansteigt, desto wahrscheinlicher werden extreme Überflutungen, Dürren und Stürme.“

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