Licht ins Dunkel bringen

Mathematikerin Hélène Esnault hat die erste Einstein-Professur an der Freien Universität inne.

25.02.2013

Die Mathematik und die Liebe haben Hélène Esnault zufolge vieles gemeinsam. Unser Bild zeigt die Französische Mathematikerin während ihrer Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin.
Die Mathematik und die Liebe haben Hélène Esnault zufolge vieles gemeinsam. Unser Bild zeigt die Französische Mathematikerin während ihrer Antrittsvorlesung an der Freien Universität Berlin. Bildquelle: Bernd Wannenmacher

Mehrere Hektar ist er sicherlich groß, der Campus der Freien Universität. Kein Wunder, dass Hélène Esnault Dahlem wie eine „Stadt in der Stadt“ empfindet. Das neue Büro der Mathematikerin und ersten Einstein-Professorin an der Freien Universität liegt praktischerweise im richtigen „Kiez“ – in der Arnimallee 3. Im Oktober vergangenen Jahres hat sie dort offiziell ihre Arbeit begonnen und forscht mittlerweile mit einem internationalen Team von sieben Postdocs und Doktoranden, für das sie voll des Lobes ist.

Dass Hélène Esnault an die Freie Universität wechselt, war eine Nachricht, die in der Berliner Wissenschaftslandschaft für Aufsehen gesorgt hat, zählt sie doch zu den renommiertesten Mathematikerinnen der Welt.

Mit ihrer Arbeit zur Arithmetischen Geometrie soll sie einen Bereich der Mathematik ausbauen, der bisher noch nicht zu den Forschungsschwerpunkten in Berlin zählt. Ein Umstand, den die gebürtige Französin ändern möchte. „Berlin, vor allem Ost-Berlin, hatte in diesem Bereich eine lange Tradition“, erklärt Esnault. Jetzt soll die Arnimallee zur ersten Adresse hierfür werden.

Mit ihrer Forschung bewegt sich Esnault in einem Grenzgebiet. Die Diophantische Mathematik liegt zwischen Zahlentheorie und Algebraischer Geometrie. Eine Verortung, die dem Laien wenig sagt. Ebenso wenig wie die „Vermutung von Manin“ oder die „Fragen von Deligne“ – komplexe Probleme, an deren Lösung durch Antworten und Beweise die Mathematikerin unter anderem gearbeitet hat. Ein kleiner Trost: Diese Probleme beschäftigen Experten über Jahre hinweg. Es sei oft nicht möglich, einer Frage auf den Grund zu gehen, solange man sich nur innerhalb der Theorie bewegt, aus der sie stammt, sagt Esnault. „Der Bereich der Algebraischen Geometrie ist so breit und so zentral, er berührt die Topologie, die Analysis und die Arithmetik.“ Manchmal erhalte man die Lösung, indem man auf andere Bereiche zurückgreife.

„Man zieht quasi Analogien und versucht, Erkenntnisse aus der Geometrie und der Topologie in die Arithmetik zu übertragen – und umgekehrt. So lassen sich manchmal auch Probleme lösen, deren Lösungen vorher unerreichbar schienen“, erklärt die Wissenschaftlerin. Und knüpft daran eine Liebeserklärung an das abstrakte Gebiet der Mathematik: „Man entdeckt immer wieder neue Aspekte eines Bereichs, neue Fragen, neue Geheimnisse. Es ist wie in der Liebe.“

Diese Liebe zur Reinen Mathematik entdeckte Esnault schon früh. Nach der Schule entschied sie sich für ein Mathematik-Studium an der Pariser Elite-Universität École Normale Supérieure (ENS), an der sie auch promovierte. Als Schülerin war sie das erste Mal in Berlin, in Ost-Berlin. Berlin jenseits der Mauer interessierte die angehende Mathematikerin nicht zuletzt wissenschaftlich. West-Berlin lernte sie erst später kennen, als sie schon Mathematikerin war. Auf ihre Promotion folgte eine Anstellung an der Universität Paris VII. 1983 kam sie erneut nach Deutschland, diesmal als Gastwissenschaftlerin an das Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn – eines der wichtigsten Forschungszentren für Reine Mathematik. Nach der Habilitation übernahm Hélène Esnault 1990 die Professur für Analytische Geometrie an der Universität Duisburg-Essen.

Auch ihr Mann Eckart Viehweg hatte dort bis zu seinem Tod 2010 einen Lehrstuhl für Mathematik inne. Gemeinsam bauten sie den Fachbereich aus und verhalfen ihm zu internationalem Renommee. 2003 erhielten beide Wissenschaftler gemeinsam den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der als wichtigster Wissenschaftspreis Deutschlands gilt. „Das war sicher die Auszeichnung, die am meisten in Bewegung gesetzt hat“, sagt Esnault heute. Forschungsgelder, Kooperationen, Förderungen – auf einmal war in diesem Bereich mehr möglich als zuvor.

Nach Berlin zu kommen fiel ihr nicht schwer, sagt sie: „Die Vielfalt der Menschen, die Cafés, die vielen Sprachen in der U-Bahn, das erschlagende kulturelle Angebot – die Stadt ist eine Heimat für Intellektuelle.“ Unter anderem ihr persönliches Highlight des Jahres 2013: Im Juni findet eine Konferenz zu „Arithmetic Algebraic Geometry“ statt – anlässlich ihres Umzugs nach Berlin. Dazu wird die internationale Mathematiker-Elite auf diesem Gebiet in Dahlem erwartet.

Mit Eitelkeiten oder Superlativen kann Hélène Esnault trotzdem wenig anfangen. Dass ihr Name etwa gerne in Verbindung mit dem Begriff „Koryphäe“ genannt wird, dazu sagt sie einfach: „Das ist sehr freundlich.“

Anstelle eines weiteren Kommentars zitiert sie lieber den belgischen Mathematiker Pierre Deligne, dessen Werk und dessen Analogien für die mathematische Forschung sie schätzt. „Wir können nur dort etwas erkennen, wo Licht ist.“ Wenn also bereits Licht in einem anderen Gebiet der Mathematik sei, versuche man dort analoge Schlüsse zu ziehen – um auch etwas zu sehen, wo es noch dunkel ist. „Wenn einem das gelingt, ist das eine riesige Freude, die das Leben zutiefst prägt.“