Der etwas andere Blick auf Europa

Eine Forschergruppe am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft untersucht, wie die EU in Asien wahrgenommen wird.

27.08.2012

Aus asiatischer Sicht spielt Europa in der internationalen Politik keine wichtige Rolle, als Handelspartner allerdings schon.
Aus asiatischer Sicht spielt Europa in der internationalen Politik keine wichtige Rolle, als Handelspartner allerdings schon. Bildquelle: Hapag-Lloyd Konzernkommunikation

Die Wachstums- und Schuldenkrise sorgt für Unmut und Unsicherheit in den 27 Ländern der Europäischen Union, die Zukunft Europas wird neu diskutiert. Wie wird dies in anderen Regionen der Welt wahrgenommen? Welche Rolle spielt Europa heute in der internationalen Politik? Eine Nachwuchsforschergruppe am OttoSuhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) der Freien Universität untersucht, wie man in Asien darüber denkt.

„Eliten in Asien nehmen die EU völlig anders wahr als die Europäer selbst“, sagt May-Britt U. Stumbaum. Warum das so ist, untersucht die promovierte Politikwissenschaftlerin mit der von ihr geleiteten Nachwuchsforschergruppe „Asian Perceptions of the EU“.

Das Team will herausfinden, welche politischen, kulturellen und historischen Faktoren diese unterschiedliche Wahrnehmung beeinflussen. Neben der wissenschaftlichen Dokumentation sollen die Ergebnisse Politikern und Wirtschaftsvertretern als Entscheidungshilfen dienen.

Die vier Promovierenden um Politologin May-Britt Stumbaum nehmen besonders Europas Außen- und Sicherheitspolitik in den Blick – und wie diese in den beiden aufstrebenden Wirtschaftsnationen Indien und China bewertet wird. Hierzu gebe es kaum empirische Daten, denn bisher seien eher die Handelsbeziehungen zwischen Europa und Asien untersucht worden, sagt die Projektleiterin: „Für uns in Europa steht der Handel an erster Stelle, in asiatischen Staaten aber bestimmt die Sicherheitspolitik die Rahmenbedingungen für alle anderen Politikbereiche. Zudem ist die Außen- und Sicherheitspolitik der Kern der Identitätsfindung in der europäischen Debatte über die Rolle der EU als globaler Akteur.“ Befragt werden vor allem Vertreter asiatischer Eliten. „Diese bestimmen die Politik gegenüber der EU und sind aus europäischer Sicht der wichtigste Personenkreis“, sagt die Asien-Expertin. Die spärliche Datenlage zum Thema wundert sie nicht: „Es ist nicht leicht, die richtigen Ansprechpartner für konkrete Aussagen zu sicherheitspolitischen Fragen zu erreichen – vor allem nicht in China und dort im Vorfeld des Regierungswechsels.“ Für den Zugang zu Experten eines Landes brauche es Sensibilität, Erfahrung, Netzwerke und Vertrauen, sagt Stumbaum: „Wir müssen Türöffner finden.“

Die gebürtige Berlinerin forschte in Europa, Nordamerika und Asien; als Asien-Expertin war sie in der Politikberatung tätig. Ihr Netzwerk – dazu zählen neben Wissenschaftlern, Politikern und Regierungsmitarbeitern auch Journalisten und Politikberater – teilt sie nun mit ihrem Team. Zu den Kooperationspartnern gehören die Peking Universität, die Jawaharlal-Nehru-Universität im indischen Neu-Delhi und die Universität Canterbury in Neuseeland. Alle vier Doktoranden verbringen sechs Monate in Indien oder China.

Mit einem eigenen Programm für Gastwissenschaftler hat die Gruppe für 2012 und 2013 bisher zwölf Experten aus den untersuchten Regionen nach Dahlem eingeladen. Einer von ihnen ist Deba Mohanty – Stumbaum zufolge einer der führenden verteidigungspolitischen Experten Indiens und einer der wenigen Zivilisten in diesem Bereich.

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Seinen Aufenthalt an der Freien Universität im Mai und Juni dieses Jahres bezeichnet er als „eine außerordentlich bereichernde Zeit“. Sehr beeindruckt habe ihn die Arbeit in dem internationalen Team und das Interesse an der asiatischen Perspektive: „Das multikulturelle Zusammenarbeiten ist ein Prozess. Je mehr man miteinander diskutiert, desto mehr lernt man vom anderen – gerade, wenn man unterschiedlicher Meinung ist.“

Der Arbeitsalltag im multinationalen Kontext bringt auch Hürden mit sich – im Ausland ebenso wie innerhalb des Teams. „Wenn Menschen aus unterschiedlichen Regionen aufeinandertreffen oder sich in einer völlig anderen Welt zurechtfinden müssen, erleben sie eine Art Kulturschock. Woanders zu leben und zu arbeiten ist, wie eine andere Sprache zu lernen“, sagt Stumbaum. Wer andere Kulturen verstehen wolle, müsse auch Verständnis für andere Sicht- und Verhaltensweisen haben. Nur das führe in der Forschung zu belastbaren Ergebnissen.

Nach eineinhalb Jahren Forschung zeigten sich deutliche Tendenzen, sagt sie: „Europas Politiker und Experten für EU-Außenpolitik räumen der Zivilmacht Europa eine bedeutende Position in der internationalen Politik ein – auch in sicherheitspolitischer Hinsicht. Indien und China sehen das ganz anders.“ Verteidigungsexperte Mohanty bestätigt diese Einschätzung: „In Indien nehmen wir die EU als bürokratisches Konstrukt wahr, das nicht handelt – daher spielt es für unsere Sicherheitspolitik keine besondere Rolle. Viel interessanter sind die USA oder Verbindungen Indiens zu einzelnen Staaten wie Großbritannien oder Frankreich.“

Am 20. und 21. September präsentiert das Team seine Zwischenergebnisse an der Peking-Universität – vor Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in China und einem international besetzten Akademischen Rat, der die Forschergruppe inhaltlich unterstützt. Dabei sein wird auch der Leiter der Delegation des Europäischen Auswärtigen Dienstes (EAD) der EU in China, Markus Ederer – einer der „Türöffner“ aus Stumbaums Netzwerk. Zwei Monate verbringt die Politologin selbst in der Repräsentanz in Peking: „Ich stelle unsere Arbeit vor und erhalte umgekehrt einen Einblick ins Tagesgeschäft der EU-Vertreter.“

Stumbaum konzentriert sich in ihrer Forschung auf die mögliche sicherheitspolitische Rolle der EU in der asiatischen Region und vergleicht, welche Faktoren die Wahrnehmung der EU sowohl in Indien als auch in China beeinflussen, und welche Faktoren etwa landestypisch sind. Das nächste internationale Treffen der Gruppe ist für Herbst 2013 in Neu-Delhi geplant, wenn das Sammeln empirischer Daten abgeschlossen ist. Die Forschungsergebnisse sollen in einem Buch veröffentlicht werden – und den Lesern den etwas anderen Blick auf Europa eröffnen.

Nachwuchsforscher

Die Nachwuchsforschergruppe „Asian Perceptions of the EU“ ist eine von sieben, die das Bundesforschungsministerium im Rahmen der Ausschreibung „Europa von außen gesehen“ im Jahr 2010 bewilligt hat. Das Projekt wird für vier Jahre mit insgesamt rund 1,3 Millionen Euro gefördert. Es ist angeschlossen an die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Internationale Kollegforschergruppe „The Transformative Power of Europe“ am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, die von den Politikwissenschaftlern Professorin Tanja Börzel und Professor Thomas Risse geleitet wird.

 

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