„Es lohnt, sich für Bildung zu engagieren“

Ein Gespräch zwischen der Deutschlandstipendiatin Rhea Nachtigall und ihrem Förderer Roland Hoffmann-Theinert.

23.02.2012

Das Deutschlandstipendium füllt sich mit Leben – auch an der Freien Universität: Jurastudentin Rhea Nachtigall zählt zu den ersten Studierenden der Hochschule, die vor zehn Tagen ihr Stipendium entgegengenommen haben. Jetzt traf die 21-Jährige auf ihren Förderer, den promovierten Rechtsanwalt Roland Hoffmann-Theinert. In einem persönlichen Gespräch über gesellschaftliche Verantwortung, soziales Engagement und den Wert von Bildung lernten sich Stipendiatin und Förderer kennen.

Frau Nachtigall, Sie zählen zu den ersten Studierenden der Freien Universität, die ein Deutschlandstipendium erhalten. Was bedeutet das für Sie?

RHEA NACHTIGALL: Zunächst fühle ich mich wirklich geehrt, dass ich ausgewählt worden bin. Und dann bedeutet es natürlich auch eine finanzielle Entlastung. Ich kann mich auf mein Studium konzentrieren und mich dennoch weiterhin sozial engagieren, ohne – wie viele meiner Kommilitonen – mit Nebenjobs Geld verdienen zu müssen.

Wo und wie engagieren Sie sich gesellschaftlich?

RHEA NACHTIGALL: Zum einen bin ich hochschulpolitisch aktiv. Ich bin gerade als Mitglied der Hochschulgruppe der „Kritischen Jurist_innen“ ins Studierendenparlament der Freien Universität gewählt worden. Außerdem liegt mir das Mentoren-Projekt „Nightingale“ besonders am Herzen: Studierende übernehmen dabei die Patenschaft für Kreuzberger Grundschüler und treffen sich über zehn Monate lang regelmäßig mit Kindern, die aus sozial schwächeren Familien kommen. Ich bin Mentorin eines neunjährigen Mädchens, der Viertklässlerin Alara (Name von der Redaktion geändert). Dank des Deutschlandstipendiums kann ich mir hierfür – trotz des anspruchsvollen und arbeitsintensiven Jurastudiums – Zeit nehmen. Das ist einfach toll.

Herr Hoffmann-Theinert, wenn Sie von dem sozialen Engagement „Ihrer“ Stipendiatin hören: Sind Sie froh, dass Frau Nachtigall ausgewählt worden ist?

ROLAND HOFFMANN-THEINERT: Ich finde das Engagement von Frau Nachtigall bemerkenswert. Denn es macht uns bewusst, dass wir – trotz des statistisch verbürgten Wohlstands – in einer Gesellschaft leben, in der wir stets auch soziale Verantwortung für andere übernehmen müssen. Sie tun das, indem Sie einen Teil Ihrer Zeit mit Alara verbringen. Ich finde es schön, wenn gute Leistungen an der Universität mit einem solchen Verantwortungsbewusstsein kombiniert werden.

RHEA NACHTIGALL: Mir wurde in meinem Leben schon so viel ermöglicht, da empfinde ich es als Verpflichtung, etwas davon zurückzugeben. In einer sozialen Gesellschaft sollten Menschen, die in irgendeiner Form privilegiert sind, diejenigen in ihrem Umfeld unterstützen, denen es nicht ganz so gut geht. Das ist mir sehr wichtig, und da finde ich es natürlich toll, dass Sie als Förderer diesen Gedanken weitertragen.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, ein Deutschlandstipendium zu finanzieren, Herr Hoffmann-Theinert?

ROLAND HOFFMANN-THEINERT: Ich bin selbst als Student von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert worden und dafür sehr dankbar. Heute engagiere ich mich noch mit Spenden im Freundeskreis der Stiftung, allerdings gebe ich die Zuwendung dort nicht gezielt für eine Person, wie das hier der Fall ist. Das Deutschlandstipendium lässt deshalb direkt greifbar werden, was man als Spender bewirkt. Ich hoffe, dass ich in ein paar Jahren von Ihnen, Frau Nachtigall, höre, dass Sie mit großer Freude auf Ihr Studium zurückblicken und mit wachem Verstand und sehenden Herzens nach vorne schauen werden. Natürlich begründet die Annahme des Stipendiums im Rechtssinne keine Informationspflichten gegenüber dem Förderer. Aber wenn ich mir etwas wünschen darf, dann ist es, mitzuerleben, was Sie aus der Förderung machen. Das finde ich etwas sehr Lebendiges, Fassbares, Schönes. Es ist eine ganz konkrete Seite von sozialem Engagement.

RHEA NACHTIGALL: Ich kann das Interesse, jemanden persönlich fördern zu wollen, sehr gut nachvollziehen. Mir geht es mit meinem Mentee Alara ähnlich. Ich hoffe natürlich auch zu sehen, wie sie durch das Nightingale-Projekt Fortschritte macht. Ein Erfolgserlebnis hatte ich schon: Als ich gemerkt habe, dass Alara noch nicht die Uhr lesen kann, habe ich mit ihr gelernt. Am Ende sind wir gemeinsam losgezogen und haben Alara, mit dem Einverständnis ihrer Eltern, eine Uhr gekauft. Wenn man solche Fortschritte miterleben darf, macht einen das persönlich glücklich.

Herr Hoffmann-Theinert, Frau Nachtigall ist bereits Mentorin. Können Sie sich vorstellen, eine ähnliche Rolle für Frau Nachtigall zu übernehmen?

ROLAND HOFFMANN-THEINERT (zu Rhea Nachtigall): Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Letztlich müssen aber Sie herausfinden, ob ich Ihnen auch ein Mentor sein kann.

RHEA NACHTIGALL: Auf dieses Angebot werde ich sicherlich gerne zurückkommen. Ich fand es anfangs schade, dass es sich bei dem Deutschlandstipendium vom Gesetzgeber her um eine rein finanzielle Förderung handeln sollte und keine ideelle. Daher bin ich sehr froh, dass ich nun doch persönlichen Kontakt zu meinem Förderer habe.

ROLAND HOFFMANN-THEINERT: Ich glaube, dass die Initiative des Deutschlandstipendiums dazu beitragen kann zu begreifen, dass Bildung keine billige oder gar kostenlose Ware oder Dienstleistung ist, sondern dass die Mittel erst einmal erwirtschaftet werden müssen. Dass Bildung etwas enorm Wertvolles ist, für das es sich lohnt, sich zu engagieren – als Staat, aber auch als Privatperson. Nur dann entsteht auch gegenseitiger Respekt: dem lernwilligen Studenten gegenüber, der die Welt erfassen will, aber auch der Universität als Lehranstalt gegenüber, die erst den Raum und die Möglichkeiten zum Lernen schafft.

RHEA NACHTIGALL: Wenn es bildungsstarke, junge Menschen gibt, profitiert von der prosperierenden Wirtschaft schließlich auch die Gesellschaft. Leider scheinen in einigen Bundesländern die Deutschlandstipendien nicht ausgeschöpft worden zu sein, weil nicht genügend Förderer gefunden wurden. Das ist schade – schließlich hat der Staat seinen Anteil zur Verfügung gestellt. Studenten, die die Förderung benötigen, gibt es jedenfalls genügend.

ROLAND HOFMANN-THEINERT: Mit einem Deutschlandstipendium lässt sich Förderung unmittelbar erleben. Ich finde es wirklich schön, dass wir beide uns kennengelernt haben, und dass ich Vertrauen haben kann, dass mein Spendengeld vernünftig eingesetzt wird. Die Förderer dürfen ihre Stipendiaten ja nicht persönlich auswählen, aber jetzt, wo ich Frau Nachtigall kennengelernt habe, muss ich sagen: Die Auswahlkommission hat einen hervorragenden Job gemacht.