Mehr als eine Herzensangelegenheit

Frauen erkranken anders als Männer. Dies wird in der klassischen Medizin kaum berücksichtigt. Forscherinnen fordern hier ein Umdenken.

28.11.2011

Die Forschung konzentriert sich noch immer auf den männlichen Körper.
Die Forschung konzentriert sich noch immer auf den männlichen Körper. Bildquelle: TimToppik / photocase.com www.photocase.de/foto/140222-stock-photo-frau-mann-feminin-dreckig-schilder-markierungen-maskulin

Bei starken Schmerzen im linken Arm schrillen die Alarmglocken: Vorsicht, Herzinfarkt! Eine reine Männersache, so dachte man lange – ausgelöst durch Stress im Beruf, zu wenig Bewegung und ungesunde Ernährung. Doch Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland auch bei Frauen die häufigste Todesursache. Die Symptome wurden allerdings häufig nicht erkannt. Heute weiß man: Bei Frauen kündigt sich ein Infarkt in vielen Fällen anders an als beim Mann, etwa durch Atemnot oder Übelkeit. Seit einigen Jahren erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nun generell die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei Krankheitsbildern, Therapieformen und Alternsprozessen

Am Anfang war das Herz. Dass es bei Männern und Frauen auf unterschiedliche Weise arbeitet und erkrankt, erkannten erstmals die US-amerikanischen Ärztinnen Elizabeth Barrett Connor und Bernadine Healy zu Beginn der neunziger Jahre. Sie gelten heute als Begründerinnen der Gender-Medizin. Eine noch junge Fachrichtung, in der Forscher aber bereits bei nahezu allen Erkrankungsarten maßgebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern feststellten. Darum fordern sie ein Umdenken innerhalb der klassischen Medizin.

„Die Medizin war lange Zeit rein männlich dominiert“, sagt Professorin Vera Regitz-Zagrosek. Die Kardiologin ist eine der wenigen Frauen in ihrem Fach und leitet das 2003 an der Charité – Universitätsmedizin Berlin gegründete Institut für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM). Für ihr Engagement bei der Einrichtung des Instituts wurde sie 2007 mit dem Margherita-von-Brentano-Preis der Freien Universität ausgezeichnet.

Ungleiche Behandlung

„Früher betrachtete man die Frau aufgrund ihrer physischen und psychischen Konstellation als völlig ungeeignet für die Wissenschaft. Für die Lehrbücher hatte man ein männliches Neutrum im Blick“, sagt sie. Sensibilisiert durch den eigenen schweren Stand in einer von Männern geprägten Fachrichtung beobachtete Regitz-Zagrosek während ihrer Laufbahn als Ärztin die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen – im Kollegium ebenso wie bei Patientinnen und Patienten. „Bei bestimmten Herzerkrankungen werden Frauen seltener zur Herz-Transplantation zugewiesen, obwohl sie fast genauso oft davon betroffen sind wie Männer. Risikofaktoren und Hinderungsgründe werden bei Frauen anscheinend ernster genommen“, sagt die Wissenschaftlerin. Die unterschiedliche Wahrnehmung der Geschlechter sei durch mehrere Studien nachgewiesen und beginne bereits beim Arztbesuch. Insbesondere junge Frauen erhalten demnach bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine weniger intensive Behandlung als Männer. Zudem wird bei Frauen der Herzinfarkt häufig nicht oder zu spät erkannt, da sie im Gegensatz zu Männern oft über keine dramatischen Symptome wie Schmerzen im linken Arm oder Enge-Gefühl in der Brust klagen, sondern sich etwa mit Übelkeit, Atemnot oder Bauchschmerzen konfrontiert sehen. Regitz-Zagrosek beklagt Forschungsdefizite ebenso wie die falsche Interpretation der Symptome durch Ärzte, aber auch durch Betroffene: „Unsere Medizin ist eher auf den Mann vorbereitet, der als Notfall in die Klinik kommt, und weniger auf die Frau, die erst später ärztlichen Rat sucht. Diese Problematik ist seit Jahren bekannt, aber die Ursachen sind noch immer nicht systematisch erforscht.“

Versuchstiere waren bisher männlich

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit 2,7 Millionen Euro geförderten Projekt geht die Professorin mit einer Forschergruppe den geschlechtsspezifischen Mechanismen bei Herzerkrankungen wie der Myokardhypertrophie auf den Grund. Dieses krankhafte Herzwachstum führt zur Herzschwäche und bringt sowohl in der Symptomatik als auch im Krankheitsverlauf unterschiedliche Ausprägungen bei Frauen und Männern mit sich.

Mit Hilfe von Zellkultur- und Tiermodellen untersuchen die Mediziner, welche Rolle die Sexualhormone Östrogen und Testosteron in diesem Zusammenhang spielen. Dabei arbeitet das Team ebenso mit weiblichen wie männlichen Tieren. Dies war in der kardiologischen Forschung nicht immer der Fall: Traditionell kamen männliche Ratten und Mäuse zum Einsatz, da sie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein schwereres Krankheitsbild aufweisen. Warum weibliche Tiere weniger oder später von Infarkten und Herzschwächen betroffen sind, war lange kein Thema. Der weibliche Zyklus habe sich ohnehin als störender Faktor für die experimentellen Bedingungen und die langwierige Arzneimittelentwicklung erwiesen, sagt die Wissenschaftlerin.

Neue Medikamente meist an Männern getestet

Bei der Erprobung von Medikamenten am Menschen hat sich bis heute wenig an diesen grundsätzlichen Überlegungen verändert. „Klassischerweise sind es junge, gesunde Männer, an denen man neue Arzneien testet, selbst häufig bei Hormon-Ersatzpräparaten für Frauen nach der Menopause“, sagt Charlotte Kloft, Professorin und Leiterin der Abteilung für Klinische Pharmazie. In ihrer ebenfalls noch jungen Fachrichtung geht die Pharmazeutin der Frage nach, wie Patientinnen und Patienten gezielter und sicherer mit Medikamenten therapiert werden können. Derzeit würden noch immer Männer als Testpersonen bevorzugt, da sie weder hormonellen Schwankungen unterliegen noch die Gefahr einer Schwangerschaft – und damit der Gefährdung des Kindes – besteht. Bei Probandengruppen beider Geschlechter könne man die Wirkungsweise hingegen nicht unter gleichbleibenden Bedingungen beobachten, berichtet Kloft. „Die Transportproteine der weiblichen Hormone können beispielsweise Arzneistoffe binden und dadurch deren Wirkung beeinträchtigen“, sagt sie.

Das Vorgehen in der Arzneimittelentwicklung für therapeutische Zwecke werde stark durch die Faktoren Zeit und Geld beeinflusst: „Häufig war es Ziel der pharmazeutischen Industrie, möglichst eine Art der Behandlung und Dosierung für alle Patienten durchzusetzen, weil es einfacher und kostengünstiger ist. Nur langsam setzt ein Umdenken ein“, sagt Kloft. Diese Praxis könne für Frauen harmlose Nebenwirkungen nach sich ziehen, bei der Einnahme bestimmter Herz-Medikamente sei jedoch auch eine erhöhte Sterblichkeit von Frauen festgestellt worden.

Wirkstoffe verteilen sich bei Frauen anders

Kloft selbst untersucht sowohl im Labor als auch mithilfe kleinster Sonden an Patienten, wie sich ein Wirkstoff über die Dauer der Einnahme im Körper verhält, ob er zu seinem Wirk-Ort gelangt und wie lange eine Dosis im Körper bleibt. Das biologische Geschlecht ist dabei nur einer von vielen Faktoren, den die Wissenschaftlerin in ihre Überlegungen mit einbeziehen muss. „Wir beachten nicht nur das Geschlecht an sich, sondern die davon abgeleiteten Größen: im Schnitt haben Männer mehr Muskeln und weniger Fettgewebe als Frauen, sie sind größer und schwerer. Dadurch ändert sich die Verteilung des Medikaments im Körper.“ Doch auch die Funktionsweisen von Leber und Niere beim Abbau der Wirkstoffe unterscheiden sich. „Bei einigen Medikamenten ist es genetisch bedingt, wie gut unsere Verstoffwechslungsenzyme und Transportermoleküle reagieren“, sagt Kloft, „das hat großen Einfluss auf die Wirkungsweise, etwa bei der Narkose beim Zahnarzt.“

Mit zunehmendem Alter der Patienten spielen auch Medikament-Wechselwirkungen eine Rolle: „Personen über 65 nehmen im Schnitt sechs Arzneimittel täglich, ein Drittel davon sogar neun und mehr“, sagt Kloft. Sie hält es für angebracht, Patienten in Gruppen mit bestimmten Eigenschaften zusammenzufassen und individuellere Dosierungsempfehlungen herauszugeben. Ihr Wissen teilt sie in vielfältigen Kooperationsprojekten mit Apothekern und Beschäftigten in Kliniken. Zu Klofts wissenschaftlichen Schwerpunkten zählt neben der Behandlung von Infektionserkrankungen und Tumoren auch die Medikation bei Demenz. Als typische Krankheit des Alters sind davon sehr viele Frauen betroffen, schon alleine deshalb, weil sie im Durchschnitt bis zu sechs Jahre älter werden als Männer. Dass Frauen häufig länger leben führen Wissenschaftler auch auf die unterschiedliche Krankheitsanfälligkeit der Geschlechter zurück.

Unterschiedliche Anfälligkeit für Krankheiten

Männer etwa sind deutlich früher von Krankheiten mit tödlichem Ausgang betroffen, allen voran von Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Bei Frauen hingegen entwickeln sich diese Krankheiten in der Regel zu einem späteren Zeitpunkt. Für beide Geschlechter gilt jedoch, dass die Lebenserwartung heute so hoch ist wie nie zuvor. Das Statistische Bundesamt berechnete 2009 für weibliche Neugeborene eine durchschnittliche Lebenserwartung von rund 82 Jahren, für männliche von rund 77 Jahren – ein Plus von acht bis zehn Jahren gegenüber den Werten von 1970.

Mit den demographischen Entwicklungen und den Konsequenzen für Medizin und Gesellschaft beschäftigt sich Professorin Adelheid Kuhlmey. Als Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin erlebt sie derzeit einen Wandel in der Wahrnehmung ihres Fachgebiets, der Gerontologie: „Das Altwerden und die damit verbundenen Herausforderungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen“, sagt sie. Die unterschiedlichen Lebenserwartungen von Männern und Frauen in den Industrienationen sieht sie als ein Phänomen unserer Zeit. Dass Frauen ein höheres Alter erreichen, könne auf eine genetisch günstigere Veranlagung zurückzuführen sein. „Heute haben wir die hohe Müttersterblichkeit medizinisch sehr gut im Griff. Womöglich war dieses Risiko aber von Natur aus miteinkalkuliert“, sagt die Wissenschaftlerin. Das Altern an sich haben Wissenschaftler allerdings noch nicht endgültig entschlüsselt. „Weltweit suchen Arbeitsgruppen nach einem genetischen Code, der womöglich unseren Alternsprozess bestimmt. Andere Theorien gehen vom Verschleiß des menschlichen Körpers durch innere und äußere Einflüsse aus“, erklärt Kuhlmey. Weitere Einflussfaktoren auf das Altern sind individuell verschieden: Ernährung, Suchtverhalten und hormonelle Differenzen ebenso wie die Integration ins Arbeitsleben. Im Alter werden soziale Kontakte besonders wichtig. Studien hätten bewiesen, dass sich das Alleinleben oder die Verwitwung bei Frauen nicht negativ auf die Lebenserwartung auswirkt, weil sie besser vernetzt sind. „Alleinlebende Männer versterben hingegen früher“, sagt Adelheid Kuhlmey.

Kluft zwischen Diagnose und Selbstwahrnehmung

Wo letztlich Gesundheit aufhört und Krankheit anfängt, ist eine subjektive Einschätzung. Mit zunehmendem Alter der Patientinnen und Patienten kommt es dabei zu einer immer größeren Kluft zwischen medizinischem Urteil und Selbstwahrnehmung. Eine zuversichtliche Haltung trotz Krankheit zahle sich aus, denn Patienten, die sich wohl fühlen, haben am Ende auch eine höhere Lebenserwartung. „Gesundheitsoptimisten“, sagt Kuhlmey, „sind generell eher die älteren Männer, da Frauen im Alter öfter von schmerzhaften und psychisch belastenden Krankheiten wie Gelenkerkrankungen betroffen sind.“ Die Annahme, dass Männer bedrückende Tatsachen verdrängen und Frauen sensibler im Umgang mit ihrem Körper sind, bewahrheitet sich zumindest bei psychischen Krankheiten: Bei Depressionen sind statistisch deutlich mehr Frauen als Männer erfasst – höchstwahrscheinlich auch deshalb, weil sie sich im Gegensatz zu den Männern eher in Behandlung begeben, vermutet Kuhlmey.

Das Gesundheitsempfinden beeinträchtigen auch spezifische „Frauenkrankheiten“, die zu öffentlich diskutierten Beschwerden geworden sind: „Normale biologische Mechanismen der Frau, vom Gebären bis hin zur Postmenopause, haben wir zu pathologischen Phänomenen gemacht, die es medizinisch zu behandeln gilt“, sagt Adelheid Kuhlmey. Sie will dieser Entwicklung entgegensteuern: „Natürlich wollen wir Leid mindern, aber man sollte dem Altern nicht nur mit der Chemokeule begegnen. Man kann gesund altern. Die völlige Abwesenheit von Krankheit ist dabei aber unrealistisch. Es kommt darauf an, wie wir selbst damit umgehen.“

Häusliche Pflege belastet Frauen

Das unterschiedliche Altern von Mann und Frau bringt zwangsläufig auch Konsequenzen für die Pflege mit sich – mittlerweile ein zentrales Thema in der öffentlichen Diskussion. Basierend auf heutigen Bevölkerungsstatistiken und Daten bundesweit agierender Krankenkassen entwickelt Adelheid Kuhlmey Studien und Befragungen, die Aufschluss darüber geben können, wie sich der Betreuungsbedarf künftig entwickelt oder wie sich Menschen in unterschiedlichen Kulturkreisen Pflege vorstellen. „Unsere Studien zeigen bereits seit 20 Jahren, was für eine große gesundheitliche Belastung die private Pflege für Frauen ist. Sie haben Gelenkbeschwerden, sie fühlen sich ausgebrannt und haben Schlafstörungen“, berichtet Kuhlmey. Zum heutigen Zeitpunkt pflegen vier Millionen Menschen in Deutschland privat Angehörige – 80 Prozent davon Frauen.

Die Pflege als Faktor, der allen voran die weibliche Gesundheit gefährdet, wird laut Kuhlmey in den kommenden Jahren auch zu Veränderungen des Arbeitsmarktes führen. „Es geht künftig nicht mehr nur um die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit bei den Frauen im Alter zwischen 25 und 40 Jahren“, sagt sie, „bald werden sich auch die 50-jährigen Leistungsträgerinnen Gedanken machen müssen, weil sie beispielsweise plötzlich eine pflegebedürftige Mutter haben“. Entlastung durch Teilzeitmodelle und Pflegezeiten hält die Gerontologin nur zum Teil für praktikabel, „was wir brauchen ist eine Gender-Gerechtigkeit, damit die Pflege von Angehörigen nicht vornehmlich auf den Schultern von Frauen lastet“, betont sie.

Zusatzausbildung für Ärztinnen und Ärzte

Aufklärung über geschlechtsspezifische Mechanismen ist dabei ein erster, notwendiger Schritt. Für individuelle Behandlungsansätze in der Medizin setzt sich die 2007 in Berlin gegründete Deutsche Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin ein. Der Verein vergibt an speziell ausgebildete Mediziner die Zusatzbezeichnung „Gendermediziner/in DGes- GM“. Vorsitzende ist Professorin Vera Regitz-Zagrosek, die derzeit auch den Weg für ein internationales Ausbildungsprojekt ebnet. Durch E-Learning-Kurse, die auf dem für Masterstudiengänge vorgesehenen Modul Gendermedizin basieren, sollen sich Mediziner aus finanzschwächeren Regionen hinsichtlich der von Kulturkreis zu Kulturkreis verschiedenen Gender-Problematiken fortbilden können. Informationen über individuelle Risikofaktoren, eine zutreffende Diagnose und wirksame Therapie erhält dann künftig nicht nur die Europäerin mit Infarkt, sondern auch die Diabetikerin in Afrika.