Das Trauma einer Nation / Ein Gespräch über das amerikanische Erinnern an den 11. September 2001

Interview mit Mary Ann Snyder-Körber und Andrew Gross

04.12.2007

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Das bekannte Bild der Feuerwehrleute am „Ground Zero“ wurde so dargestellt wie die Soldaten auf Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg. Bildquelle: ullsteinbild

Zwei Flugzeuge schlagen in den Türmen des Welthandelszentrums in New York ein; Menschen springen in den Tod; Feuerwehrmänner hissen die amerikanische Fahne und werden zu Helden. Die Motive des 11. Septembers 2001 haben sich eingebrannt in das kollektive Gedächtnis der Menschheit. Der Tag habe die Welt verändert, heißt es. Markieren die Terroranschläge eine gewalttätige Rückkehr des „Realen“? Zeigen Sie den Beginn einer neuen Epoche an? Oliver Trenkamp und Bernd Wannenmacher sprachen mit den Literaturwissenschaftlern Mary Ann Snyder-Körber und Andrew Gross über die Kraft dieser Bilder, über ihre Wirkung – und ihre Kontinuität im nationalen und im globalen Diskurs.

fundiert: Frau Snyder-Körber, Herr Gross, wo waren Sie am 11. September 2001?

Snyder-Körber: In einer norddeutschen Kleinstadt – Neustadt am Rübenberge; in der Nähe von Hannover, ganz undramatisch. Es war eigentlich ein ganz normaler Tag, an dem ich einkaufen ging und an der Supermarktkasse hörte, dass „etwas“ in New York passiert sei.

Gross: Ich war mit meiner Verlobten in Oakland, Kalifornien. Wir wollten vier Tage später heiraten. Unsere Familien waren auf dem Weg zu uns, von überall her. Aber es durfte niemand mehr in Amerika landen. Ihre Eltern sind umgeleitet worden nach Frankreich, andere Verwandte landeten in Kanada. Wir haben überlegt, ob wir überhaupt Hochzeit feiern können. Weniger aus praktischen Erwägungen heraus, sondern weil die ganze Welt trauerte. Emotional war das sehr verwirrend.

fundiert: Sie sind Amerikaner. Haben Sie sich persönlich angegriffen gefühlt?

Snyder-Körber: Nein. Ich war ja in Deutschland, die Distanz war relativ groß. Für mich war das ein Medienereignis, das aufgrund des menschlichen Leids natürlich erschütternd war.

Gross: Auch ich habe mich nicht als Amerikaner angegriffen gefühlt. Aber in Amerika gab es eine weitverbreitete Angst, die man schwer vermeiden konnte. Auf einmal standen Soldaten auf der Golden Gate Bridge. Man konnte nicht mehr darüberfahren, ohne Menschen mit schweren Maschinengewehren zu begegnen. Da bekommt man ein bisschen Panik. Man denkt: Irgendetwas könnte passieren. Wir haben Freunden geraten, nicht mehr über Brücken zu fahren.

Snyder-Körber: Aus der Ferne wurde schnell eine Veränderung im Status des Ereignisses deutlich. Am Anfang gab es die Nachricht: „Etwas“ ist passiert. Die wurde schnell konkretisiert und auf eine bestimmte und für die weitere Entwicklung der Ereignisse bestimmende Weise interpretiert: Es war nicht „etwas“, sondern ein Angriff. Noch konkreter: Ein Angriff auf die Nation. Aus dieser Deutung des Geschehens als Kriegsakt entwickelt sich der Zwang zur Verteidigung in konkreter Form – die Armee-Einheiten im Straßenbild waren das konkrete Bild dafür, aber auch in symbolischer Form. Gegen diesen symbolischen Akt des Terrors müsse man einen Gegenakt inszenieren. Das fand ich sehr deutlich in der Berichterstattung.

Gross: Ein symbolischer Akt in den USA war, dass jeder eine Flagge an sein Auto band.

fundiert: Sie wissen genau, wo Sie damals waren. So wie viele andere. Lässt sich dieses gemeinsame Schock-Erlebnis mit dem Mord an John F. Kennedy vergleichen?

Snyder-Körber: Sicher kann man das. Der 11. September gilt als ein epochales Ereignis, jedenfalls wird es so gesetzt. Ich würde allerdings infrage stellen, ob der Tag wirklich einen epochalen Bruch markiert. Aber es ist ein Ereignis, das prägend war für die Art, wie eine Nation sich definiert. Ein Ereignis, das einerseits den einzelnen mitfühlenden Beobachter erschüttert, aber auch, indem das Ereignis als ein Angriff auf die Nation und ihre Werte verstanden wird, auf die Beobachter als eine Gemeinschaft, die sich durch ihre Bindung an „Amerika“ definiert. Andererseits ist es genau die Erschütterung und Bedrohung, die Gemeinschaft erzeugt.

fundiert: Wieso stellen Sie infrage, dass der 11. September ein epochaler Bruch war?

Snyder-Körber: Schauen Sie sich die Auseinandersetzung mit dem Thema des Terrorismus an und vor allem die imaginative Vorstellung eines Terrorangriffs in Romanen und im Kino in den 1990er Jahren. Auch politisch kam er nicht ganz unvorhersehbar. Zur freudschen Definition von Trauma gehört, dass man keine Angstbereitschaft hatte, dass ein Ereignis unvorhersehbar war, dass man sich nicht schützen konnte. Das war beim 11. September nur eingeschränkt der Fall.

Gross: Dieses Konzept eines Bruchs wird stark instrumentalisiert. Deswegen muss man skeptisch bleiben. In Amerika benutzt man das Konzept sehr stark politisch: Bürgerrechte werden abgebaut mit dem Hinweis auf die Bedrohung.

fundiert: Aber es hat sich doch wirklich einiges geändert seit dem 11. September. Sie sprechen selbst die Bürgerrechte als Beispiel an.

Gross: Natürlich, vieles hat sich nach dem 11. September verändert. Das muss man anerkennen. Aber man muss auch sehen, wie genau dieses Konzept eines Bruchs benutzt wird. Aus der europäischen Perspektive erzeugt dieses Konzept ein großes Missverständnis. Es war nicht alles anders unter Clinton, schon in den 1990er Jahren gab es eine Tendenz zum Unilateralismus. Es gab einen Krieg im mittleren Osten unter George Bush Senior. Und auch Clinton hat andere Länder bombardieren lassen. Das wird schnell vergessen. Eine politische Kontinuität lässt sich durchaus feststellen. Kriege wie im Irak und in Afghanistan sind auch ohne Angriffe auf das Welthandelszentrum möglich.

fundiert: Eine Verschwörung?

Gross: Nein, eindeutig nicht. Ich sage nur: Es gibt eine Kontinuität. Auch Clinton war kein Pazifist, auch er, wie Bush, hat soziale Sicherungssysteme umgebaut und abgebaut. Als Wissenschaftler befürchte ich: Das Konzept eines Bruchs verbirgt mehr als es enthüllt.

Snyder-Körber: Das sieht man in der Politik, das sieht man aber auch in der Kultur und der Literatur, und daran, welche Analogien hergestellt werden. Ein konkretes Beispiel: Das bekannte Bild der Feuerwehrleute am „Ground Zero“, die eine Flagge hissen. Sie werden so dargestellt wie die Soldaten auf Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg. Diese Bilder werden wieder heraufbeschworen. Das ist der erste Schritt: die Verwandlung der Opfer in Helden und die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Da wird versucht, das Ereignis des 11. Septembers als einen Kriegsakt zu deuten und damit den Boden für einen neuen Krieg zu bereiten, bei dem die Amerikaner wieder die Guten sind.

fundiert: Sie meinen, das wird bewusst inszeniert?

Gross: Nein, nicht im Sinne einer Verschwörung. Aber es gab Tausende von Fotografen, die den 11. September festgehalten haben. Wie daraus ein bestimmtes Bild ausgewählt und zur Ikone wird – allein das ist ein umfassender wissenschaftlicher Diskurs. Jedenfalls ist es kein Zufall. Das Bild der Soldaten auf Iwo Jima wurde auch teilweise inszeniert.

Snyder-Körber: Es gibt das Bild der heldenhaften Feuerwehrmänner mittlerweile auf Tagesdecken, auf Tellern, auf T-Shirts, als Weihnachtsschmuck, wirklich überall. Ein großer Streit entbrannte, als ein Denkmal nach diesem Bild gestaltet werden sollte. Der Streitpunkt war: Aus den drei weißen Feuerwehrmännern sollte eine multi-ethnische Einheit werden, um das symbolische Potenzial der Männer als nationale Identifikationsfiguren stärker auszuschöpfen.

fundiert: Es kommt also auf die Auswahl an?

Snyder-Körber: Viel interessanter ist die Frage, welche Bilder im kulturellen Gedächtnis bleiben. Wirklich wenig gesendet wurden die Bilder von den Menschen, die aus den Zwillingstürmen gesprungen sind, die Bilder von fallenden Menschen. Die wurden nur sehr, sehr kurz gezeigt, weil schnell entschieden wurde, es sei unangebracht, diese letzten Momente eines Menschenlebens zu zeigen. Aber dieses Bild ist trotzdem, oder vielleicht auch deswegen, sehr präsent im kollektiven Gedächtnis. Es zeigt den Augenblick zwischen Tod und Leben, aber auch durch die Entscheidung zum Sprung zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Es ist ein höchst ambivalentes, bewegendes Bild, das es eben nicht als Weihnachtsschmuck gibt, weil es sich weder in einen heroisierenden Diskurs einfügen lässt, noch bietet es Trost. Man findet aber eine Auseinandersetzung mit diesem ambivalenten Bild und damit auch mit den Ambivalenzen des 11. Septembers bei Autoren wie Don DeLillo.

Es bleibt ein von Daniel Libeskind inspirierter Erinnerungsort: Michael Arads „Reflecting Absence“.
Quelle: Silverstein Properties

Gross: Auch Jonathan Safran Foer greift in seinem Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ dieses Bild auf. In einer Bilderreihe fällt ein Mann – allerdings rückwärts, also nach oben. Er wird symbolisch gerettet.

Snyder-Körber: Vor allem Literatur, Kunst und auch das Kino jenseits des Mainstreams setzen sich mit diesem Bild auseinander. Bei CNN sah man es nur kurz.

Gross: Als Symbol hat auch der Terrorismus schon lange eine Funktion, und zwar im doppelten Sinn: Einerseits gilt er als schwer zu fassende Bedrohung der nationalen Grenzen – die Angreifer sind unter uns, wir wissen nicht, wer sie sind. Anderseits bot er immer die Möglichkeit, die Nation neu zu definieren – gegen einen Feind kann man sich vereinen, Gruppen und Blöcke bilden. In der Literaturwissenschaft kennen wir diese Doppelfunktion mindestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts, vielleicht schon 100 Jahre länger.

Snyder-Körber: Die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus als Bedrohung der Nation gibt es schon in den 1990er Jahren in der Mainstream-Kultur. Überspitzt gesagt: Es ist alles in einem Hollywood-Drehbuch vorgeschrieben.

fundiert: Meinen Sie den Film „Ausnahmezustand“ mit Bruce Willis, in dem mehrere Terrorzellen New York angreifen?

Snyder-Körber: Das ist ein gutes Beispiel. Der Regisseur des Films hat gesagt, er habe am 11. September Einstellungen aus seinem Film wiedererkannt.

Gross: Das lässt sich auch als Symbol für das Ende des Kalten Krieges verstehen. Plötzlich gibt es keine alte Weltordnung mehr, keine Bipolarität. Zahlreiche Texte aus den 1990er Jahren beschäftigen sich mit dem Terror. Das waren keine Prophezeiungen, sie haben einfach versucht, die Welt mithilfe des Symbols Terrorismus neu zu ordnen.

Snyder-Körber: Diese Art von Symbolik fi ndet sich auch in der Literatur am Ende des 18. Jahrhunderts, in der Gründungszeit der USA. Damals stand zur Debatte, ob sich die USA als eine Nation verstehen oder als viele Einzelstaaten im Verbund. Damals war das Feindbild in den Texten der algerische Spion, der als Pirat auf dem Atlantik sein Unwesen trieb, aber vielleicht auch „undercover“ in Pennsylvania weilte. Die Implikation war, dass man stets wachsam sein musste. In dieser Zeit begünstigte die Vorstellung einer solchen Bedrohung – von außen aber auch von innen – die Bildung der starken Zentralregierung der USA, die wir heute kennen: die USA singular und nicht plural.

Das Modell des Freedom Tower nach den Entwürfen von Daniel Libeskind
Quelle: Silverstein Properties

Gross: Eine Schlüsselfigur im 20. Jahrhundert ist wieder Don DeLillo. In seinem Roman „Players“ von 1977 scheint ein DC-9-Flugzeug ins Welthandelszentrum zu fl iegen. Dieser Roman hat auf gewisse Art vor 30 Jahren dieses Ereignis vorhergesehen. Unheimlich, man kann es nicht anders sagen. In einem anderen Roman von 1991, „Mao II“, beschäftigt sich DeLillo mit Terrorismus. Hollywood ist zwar wichtig, aber auch die postmoderne Literatur spielt eine sehr wichtige Rolle. Ich würde das nicht als Prophezeiung sehen. Im kulturellen Diskurs ist die Figur des Terroristen angelegt. Im 18. Jahrhundert ist es der Spion. Am Anfang des 20. Jahrhundert ist es der Geheimagent – jetzt ist es der Terrorist.

fundiert: Die Opfer werden zu Helden, die Reste vom Welthandelszentrum werden in Kriegsschiffen verbaut, „Ground Zero“ ist ein ursprünglich militärischer Begriff. Findet eine Militarisierung der Erinnerungskultur statt?

Snyder-Körber: Ich befürchte, ja, zumindest teilweise. Es gibt viele Beispiele für eine Art Heldenverehrung, zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Flug „United 93“, der sein Ziel nicht erreichte, und das Flugzeug vorher abstürzte. Da wird jetzt ein sehr heroisch-patriotisches Denkmal in Pennsylvania gebaut. Dabei sind solche Denkmäler kein Bruch mit den Erinnerungstraditionen an sich, nur vielleicht mit neueren Formen des antiheroischen Erinnerns wie Maya Lins „Vietnam Veterans Memorial“.

Gross: Es kommt allerdings darauf an. Schauen Sie sich den Libeskind-Vorschlag für ein Erinnerungsgebäude an, den Freedom Tower. Es wird nie gebaut, das ist klar. Libeskind hat zwar den Architektur-Wettbewerb gewonnen, aber es gibt einen Langzeit-Pächter des Grundstücks. Und der baut das Gebäude nach ganz praktischen Überlegungen und viel günstiger, er will Geld verdienen. Es bleibt ein von Libeskind inspirierter Erinnerungsort: Michael Arads „Refl ecting Absence“.

Snyder-Körber: Das ist der unterirdische Teil des Komplexes, der den kontemplativen, in die Tiefe führenden Kontrapunkt zum emporstrebenden Freiheitsturm bilden sollte.

fundiert: Der Freedom Tower wird aber doch gebaut.

Gross: Ja, aber der sieht nicht so aus, wie Libeskind es wollte. Es gibt nur einen Zusammenhang zwischen Libeskinds Entwurf und dem Gebäude, das gebaut wird – und das ist die Höhe: 1776 Fuß, in Anspielung auf das Gründungsjahr der USA. Dennoch halte ich Libeskinds Vorschlag für wichtig.

fundiert: Warum?

Gross: Er hat viele Menschen berührt, weil er nicht militaristisch war. Wenn wir über Erinnerungskultur sprechen wollen, müssen wir den Zusammenhang zum Holocaust sehen und zur Erinnerungskultur, die sich in den 1990er Jahren entwickelt hat.

fundiert: Inwiefern?

Gross: Nach dem Ende des Kalten Kriegs musste man sich und die Rolle der eigenen Nation neu definieren. Der Holocaust hat sich in einer globalen Erinnerungskultur etabliert als das Böse an sich – mit Recht. Ich verweise auf das Buch von Daniel Levy und Natan Sznaider: „Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust“. Sie beschreiben vor allem die Erinnerungskultur in den USA, in Deutschland und in Israel. Meiner Meinung nach sind vor allem die Ähnlichkeiten der Erinnerungsarchitektur bedeutend.

fundiert: Welche sind das?

Gross: Es ist fast immer eine Architektur der Erfahrung. Man läuft durch diese Gebäude, und es gibt unebene Flächen, wie hier in Berlin im Jüdischen Museum von Libeskind; die Winkel sind alle ungerade. Man wird ein bisschen krank in so einem Gebäude, das ist Absicht. Man soll ein Gefühl von Geschichte haben. Das ist eine ganz andere Denkmalkultur als bei traditionellen Denkmälern – ein Mann sitzt auf einem Pferd auf einem Platz, den man angucken kann. Bei Libeskind und Eisenman gibt es eine ganz andere Idee: Die Leute kommen zwar in Massen, aber jeder muss als Individuum hindurchlaufen. Doch jeder Besucher hat mehr oder weniger das gleiche Gefühl: Man hat Angst, oder es geht einem nicht gut. Und genau so ein Gebäude hat Libeskind für New York City vorgeschlagen. Das ist Denkmalarchitektur als Erfahrungsarchitektur.

fundiert: Und welche Verbindung besteht da zum Holocaust?

Gross: Der Holocaust ist ein moralisches Symbol, ein Symbol des Bösen. In der Erinnerungskultur des 11. Septembers heißt es: Jetzt sind wir die Opfer. Das soll nicht heißen, dass der 11. September ähnlich verheerend gewesen wäre wie der Holocaust, sondern dass der Holocaust das Muster an sich dafür definiert, was ein Opfer ist. Wenn wir unsere eigene Rolle als Opfer verstehen wollen, müssen wir durch den Holocaust denken. Und das ist überhaupt nicht militaristisch, würde ich sagen. Da geht es nicht um Helden, sondern um Opfer.

Snyder-Körber: Das funktioniert über Mitgefühl, über Empathie. Aber dieser Vergleich mit dem Holocaust ist natürlich zugleich eine Anmaßung, die mit Ansprüchen hinsichtlich der historischen Bedeutung des Ereignisses verbunden ist. Wegen dieses potenziellen Anspruchs auf Opferstatus und einer damit verbundenen moralischen Position lassen sich Empathie und die „Erfahrung“ als Opfer in Erinnerungspraktiken von anderen weniger hehren Dimensionen des Gedenkens nicht trennen. Setzt man sich mit der ästhetischen Verarbeitung des 11. Septembers auseinander, muss man sich aber auch mit dem Vergleich von Holocaust und 11. September auseinandersetzen, weil es sich wie ein roter Faden durch den Diskurs zieht. Parallelen zwischen den „Grenzereignissen“ werden in der Architektur, aber auch in Gedichten oder anderen künstlicheren Auseinandersetzungen mit dem 11. September deutlich, wie in der Fotoausstellung „Here is New York“, die nicht nur in New York, sondern auch vor kurzem im Gropius-Bau in Berlin zu sehen war.

So sähe die Skyline von Manhattan nach den Vorschlägen von Daniel Libeskind aus.

fundiert: Unterscheidet sich New York im Erinnern und Trauern vom Rest des Landes?

Snyder-Körber: Die Denkmal- und Erinnerungskultur ist vielfältiger, als es die CNN-Berichte und Bushs Reden ahnen lassen: Militarisierung und politische Instrumentalisierung der Opfer ist die eine Seite, Empathie die andere. Beide Dimensionen des Gedenkens gibt es nicht nur in New York. Unzählige kleine Denkmäler wurden in den ganzen USA errichtet, viele nicht vom Staat finanziert oder organisiert. Sie sind spontan entstanden – beispielsweise Bilder und Fotos von Vermissten und Verstorbenen, die aufgestellt werden. Das ist der Versuch, der Opfer zu gedenken und keine Helden zu verehren.

Gross: Es kann sein, dass es einen Unterschied gibt zwischen Gemeinde-Trauern und nationalem Trauern. New York ist eine Weltmetropole, aber auch eine Gemeinde: Viele New Yorker haben Angehörige verloren, viele kennen jemanden, der Angehörige verloren hat. In Iowa ist das beispielsweise anders. Vielleicht ersetzt dort in einem solchen Moment die Nation als „imagined community“ einen Mangel an Gemeinde-Verbindungen.

Snyder-Körber: New Yorker sehen sich auch sehr stark als New Yorker. Durch diese Identifikation mit ihrer Stadt trauern sie vielleicht eher als New Yorker, weniger als Amerikaner, und vielleicht eröffnen sich mehrere Möglichkeiten des Zugangs zu dem Ereignis. Dadurch entstehen vielleicht unterschiedliche Arten des Trauerns.

fundiert: Wie würden Sie das Verlesen der Opfernamen am „Ground Zero“ einstufen – Opfer- oder Heldengedenken?

Snyder-Körber: Es macht aus dem politischen, historischen Ereignis ein sakrales Ereignis. Es hat etwas von einer Messe. Manche leiten daraus das Recht zu handeln ab, im Namen der Gerechtigkeit zum Beispiel.

Die Verstorbenen der Anschläge vom 11. September: Opfer oder Helden?
Quelle: iStockphoto

Gross: Dabei ist so eine Aktion nichts Neues. Das gibt es immer wieder – in Kriegszeiten oder bei Naturkatastrophen. Damit sind wir wieder bei dem Konzept eines Bruchs: Es gibt die alte Tradition, beim Trauern Namen zu verlesen. Aber die Tendenz ist zu sagen: Das ist jetzt alles anders. Mit diesem Bruch setzten wir uns auseinander, auch in unserem Buch, an dem wir gerade arbeiten. Manchmal hilft es eben, etwas nicht als Bruch zu verstehen, sondern zu fragen: In welcher Kontinuität steht ein Ereignis?

fundiert: Wir danken Ihnen für das Gespräch.