Sicherheit im Gespräch

Sicherheit im Gespräch

Die Freie Universität bietet mit den Dahlemer Business Talks ein Forum für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft

Von Peter Dortans

Die Freie Universität Berlin hat im November 2003 mit den Dahlemer Business Talks ein Forum ins Leben gerufen, in dem sich Wirtschaft und Wissenschaften austauschen können: Das komplexe Wissen einer international anerkannten Hochschule wird in diesem Forum zur Verfügung gestellt und die Anregungen aus der Diskussion der Teilnehmer werden für die Wissenschaft aufgegriffen. Bisher standen die Business Talks ganz im Zeichen der Sicherheit: Vom Management von Unsicherheit über die Sicherheit im eigenen Unternehmen bis hin zur Gefährdung durch Bioterrorismus. Die VDI/VDE Innovation + Technik GmbH fungiert als Partner der Freien Universität für die Business Talks, unterstützt und begleitet die Veranstaltungen aus Wirtschaftssicht und übernimmt das Sponsoring der Veranstaltung. Deren Geschäftsführer Peter Dortans beschreibt in seinem Beitrag die verschiedenen Aspekte des Themas „Sicherheit“.

Das Thema Sicherheit unter technischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Aspekten zu betrachten, war Gegenstand der Dahlemer BusinessTalks zwischen Freier Universität Berlin und Industrie. Warum hat es sich als sinnvoll erwiesen, diesen Dreiklang, der bislang vor allem in der innovationspolitischen Diskussion eine Bedeutung hat, auf das Thema Sicherheit anzuwenden? Die Vielseitigkeit des Sicherheitsbegriffes legt eine interdisziplinäre Betrachtung nahe. Die Freie Universität Berlin ist aus Sicht der Wirtschaft für die Bearbeitung des Themas Sicherheit herausragend positioniert. Sie verfügt nicht nur über die erforderlichen naturwissenschaftlichen Kompetenzen, sondern hat mit dem Otto-Suhr-Institut und den juristischen und wirtschaftswissenschaftlichen Bereichen den überwiegenden Teil der relevanten Felder abgedeckt.

Durch ihre Länderinstitute verfügt die Freie Universität Berlin darüber hinaus über seltenes Know-how bezogen auf die weltweiten Sicherheitsprobleme. Die in den Dahlemer BusinessTalks geführten Diskussionen zum Thema Sicherheit haben diese unterschiedlichen Dimensionen immer wieder verdeutlicht.


Das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin als Partner der Wirtschaft; Foto: FU Berlin

Sicherheit - ein Begriff im Wandel der Zeit

Der aus dem Lateinischen stammende Begriff (securus = sicher) bezeichnet zum Beispiel bei Cicero einen Seelenzustand der Freiheit von Sorge und Schmerz. Er bezog sich also direkt auf die Verfassung des Individuums. Durch die Vorstellung von einer Pax Romana im ersten Jahrhundert nach Christus wurde der Begriff zur politischen Leitidee. Daneben gab es den Begriff auch im lateinischen als Beschreibung einer wirtschaftlichen beziehungsweise finanztechnischen Sicherheit im Sinne einer Bürgschaft. Im 20. Jahrhundert hat sich der Begriff erneut in Richtung einer Leitidee entwickelt, die einen gesellschaftlichen Wertbegriff darstellt. Die „Sicherheit“ nimmt heute fast eine Bedeutung ein wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit.

Der Begriff Sicherheit ist wahrscheinlich in allen Kulturen überwiegend positiv besetzt, gerade deshalb haben verbrecherische und totalitäre Systeme ihn auch missbraucht. So zum Beispiel die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland mit der Bezeichnung von Terrororganisationen wie dem SD (Sicherheitsdienst der SS) oder das Regime in Rumänien vor 1989, dessen Geheimpolizei „Securitate“ hieß.

Gesellschaftlicher Aspekt

In der heutigen Gesellschaft findet sich das Wort Sicherheit in fast allen Bereichen des Lebens wieder. Beispiele sind Rechtssicherheit, soziale Sicherheit, wirtschaftliche Sicherheit, Verkehrssicherheit, internationale Sicherheit, Produktsicherheit und Datensicherheit, um nur einige zu nennen. Diese Begriffe und das Wort Sicherheit selbst waren in den vergangenen Jahrzehnten nicht statisch, sie haben teilweise durchaus eine Veränderung in ihrer Bedeutung erfahren. Sicherheit ist zu einem gesellschaftlichen Gut geworden und seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland zu einer der zentralen Vokabeln. Sprach man zu Zeiten des Kalten Krieges von der internationalen Sicherheitslage, so erweiterte sich der Begriff um den Aspekt der inneren Sicherheit seit dem Ende der 60er bis in die 70er Jahre.

Während sich die internationale Sicherheitslage mit dem Ende des Kalten Krieges 1989 deutlich zu verbessern schien, wurde die persönliche Sicherheit durch neue spektakuläre Aktionen international agierender Terrorgruppen subjektiv deutlich beeinträchtigt. Der Terrorismus ist ohne Zweifel auch die Ursache für die hohe Aktualität des Themas Sicherheit. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist das Phänomen zerfallender Staaten, wie damals zum Beispiel Afghanistan, näher betrachtet worden. Rechts- und letztendlich staatenfreie Räume sind eine ideale Basis für den internationalen Terrorismus. Damit ist Anarchie in des Wortes eigentlicher Bedeutung in unserer Gegenwart kein lokal begrenztes Problem mehr, das lediglich die Lebensqualität vor Ort verschlechtert, sondern ein Problem mit weltweiten Konsequenzen.


Terroranschläge hinterlassen Spuren – auch und gerade an den Finanzmärkten wie der Wall Street; Foto: Photocase

Für die Politik ist Sicherheit auf den verschiedenen Ebenen ein zentrales Thema. Deutschland verfügt gleich über mehrere oberste Bundesbehörden, die sich mit der äußeren und inneren, aber auch der Sicherheit in der Informationstechnik befassen. Die Europäische Kommission hat einen Plan für Sicherheitsforschung erstellt, indem die Aufklärungsarbeit, Schutz vor Bioterrorismus, verbessertes Krisenmanagement und Interoperabilität in der Informations- und Kommunikationsindustrie eine Rolle spielen.

Wirtschaftlicher Aspekt

Bei aller Heterogenität des Themas Sicherheit ist die unmittelbare persönliche Betroffenheit des Einzelnen fast immer gegeben. Diese persönliche Betroffenheit jedes Einzelnen ist es, die dem Thema über die technischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekte hinaus eine besondere Bedeutung verleiht. Der wirtschaftliche Aspekt ist ein doppelter: Zum einen kennt die Betriebswirtschaftslehre den Begriff der Sicherheit vor allem im Zusammenhang mit Finanzierungen, in der Entscheidungstheorie und mittelbar durch die Statistik, zum anderen hat die viel zitierte allgemeine Sicherheitslage eine Auswirkung auf volkswirtschaftliche Entwicklungen. Beide Dimensionen des Sicherheitsbegriffes haben zunächst wenig miteinander zu tun.

Ein für die Industrie sehr wichtiges Sicherheitsthema ist das der Computer- und Datensicherheit – vor allem mit Bezug auf das Internet und seine Anwendungen. Die aktuellen IuK-Techniken ermöglichen Unternehmen deutliche Effizienzsteigerungen, nicht zuletzt durch den verstärkten Einsatz mobiler Endgeräte. Die Frage lautet daher immer häufiger: Dezentral, mobil, schnell und effizient oder zentral, nicht mobil und ineffizient. Zwischen diesen beiden Positionen steht die Frage der Sicherheit.

Im Bereich der Wirtschaft ist Unsicherheit allerdings nicht nur negativ besetzt, da sie zu den natürlichen Elementen einer Marktwirtschaft gehört und von den Wirtschaftssubjekten als normal empfunden wird. Dies gilt allerdings nicht für die so genannten Rahmenbedingungen, insbesondere die gesellschaftlichen. Hier wirkt sich jede Unsicherheit, zum Beispiel fehlende Rechtssicherheit, negativ auf die volkswirtschaftliche Entwicklung aus. Dies gilt auch für Unsicherheiten, die sich aus Terrorismus und internationalen Spannungen ergeben, die über Auswirkungen auf das Konsumverhalten der Bevölkerung und das Investitionsverhalten der Unternehmen negativ wirken können.


Auch wenn man es manchmal anders empfindet: Der Straßenverkehr birgt für den Einzelnen mehr Risiken als Terrorismus; Foto: Wannenmacher

Die großen Sicherheitsrisiken, die sich aus der politischen Konstellation des Kalten Krieges ergaben, waren für die Wirtschaft vergleichsweise gut einzuschätzen. Ein Weltkrieg musste als Ereignis nicht geplant zu werden, da er alle Planungen obsolet gemacht hätte und lokale Konflikte blieben lokal begrenzt. Der internationale Terrorismus ist nicht prognostizierbar und in seinen Auswirkungen auf das Konsumentenverhalten und das Investitionsverhalten erheblich, die Volatilität der Wirtschaft ist deutlich gestiegen.

Technischer Aspekt

Die Begriffe Sicherheit und Technik haben immer in einer herausgehobenen Beziehung gestanden, auch wenn dies vielleicht nicht bewusst wahrgenommen wurde. In den ersten zwanzig Jahren der Bundesrepublik standen oft die Kernwaffen und andere Waffentechniken im Vordergrund, wenn Sicherheit und Technik betrachtet wurden. Für die technikbezogenen Aspekte des Sicherheitsbegriffs waren es später Flugsicherheit, Sicherheit im Automobil und zum Beispiel Computersicherheit.

Der Einsatz biometrischer Verfahren zur Identifikation/Verifikation der Identität einer Person ist nicht neu, es finden sich bereits Beispiele aus dem alten Ägypten und mit Fingerabdrücken wird auch schon lange gearbeitet. Dennoch muss die Biometrie als relativ neue Technologie, bezogen auf die breite Anwendung in der Sicherheitstechnik, angesehen werden. Technische und gesellschaftspolitische Fragen haben hier eine besonders Bedeutung.

Die Betrachtung des Technikbegriffes im Zusammenhang mit dem Sicherheitsbegriff führt allerdings im Umkehrschluss zu einer ganz anderen Betrachtung als der oben skizzierten: Technik als Quelle von Unsicherheit und gegebenenfalls Bedrohung. Gerade im Zusammenhang mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie hat Deutschland hier einschneidende Erfahrungen gemacht, da Teile der Bevölkerung die Sicherheit einer Technologie negativ eingeschätzt haben. Gab es bezogen auf die zivile Nutzung von Technik in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland noch eine überwiegend positive Einstellung, so ist diese doch teilweise einer eher die Unsicherheiten betonenden Sicht gewichen. Die intensiv geführte Debatte zur Technikfolgenabschätzung ist eine der Auswirkungen. Neue Technologien werden nicht mehr a priori positiv gesehen, sondern auf ihre Auswirkung auf die Sicherheit hinterfragt.

Das Internet und die moderne Kommunikation über E-Mail haben ein weiteres Sicherheitsthema zur Folge. Die Gefahr, durch Computerviren Schaden zu nehmen, ist für Unternehmen eines der herausragenden Sicherheitsprobleme – mit direkten und massiven wirtschaftlichen Auswirkungen. Technik schafft auch Sicherheit.

Für die persönliche Bedrohung ist das tägliche Verkehrsgeschehen ohne jede Frage eine deutlich größere akute Gefahr als der internationale Terrorismus, auch wenn verständliche psychologische Gründe zu einer anderen Wahrnehmung führen. Im Verkehr haben technische Innovationen eine deutlich höhere Sicherheit geschaffen. Mit der Sicherheitstechnik von 1970 und dem heutigen Verkehrsaufkommen wären in Deutschland heute vermutlich 100.000 Opfer zu beklagen.


Eine Bedrohung durch Terror kann durch die Medien auch verstärkt werden; Foto: Photocase

Jeder in der Gesellschaft ist von fast allen Facetten persönlich betroffen, oder glaubt betroffen zu sein. Dass die persönliche Bedrohung über Statistiken beschrieben werden kann, hilft hier nicht weiter. Natürlich ist statistisch gesehen das Flugzeug ein sichereres Verkehrsmittel als das Auto und die Wahrscheinlichkeit, von einem Terroranschlag betroffen zu sein, verschwindend gering.

Andererseits ist die Information über die modernen Medien so umfassend und macht das Geschehen so nachvollziehbar, dass subjektiv wahrgenommene Bedrohung oft über der statistischen liegen dürfte. Die besondere Bedeutung des Themas Sicherheit ergibt sich daraus, dass die Menschen ihre Entscheidungen von der subjektiv empfundenen Sicherheitslage abhängig machen und nicht von der Statistik. Diesen psychologischen Effekt haben ihrerseits die international agierenden Terroristen erkannt und planen ihre Aktionen entsprechend.

Man kann vermutlich unterstellen, dass die Menschen in Deutschland in den ersten zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die internationale Sicherheitslage zu schlecht und ihre persönliche zu positiv eingeschätzt haben und in den letzten Jahren die internationale Sicherheitslage zu positiv und die persönliche zu schlecht. Das fatale ist, dass unabhängig von einer wirklichen Bedrohung die subjektiv empfundene Bedrohung ausschlaggebend für Handlungen ist. Mit der ersten Konstellation gibt es Erfahrungen, mit der zweiten noch nicht.

Neue Technologien schaffen persönliche Sicherheit wie vielleicht nie zuvor in der Geschichte. Beispiele aus der Autoindustrie und der Medizintechnik stehen stellvertretend für viele Bereiche. Die Sicherheitsrisiken aus Terrorismus lassen sich mit Technik bestenfalls eindämmen, deutlich reduzieren aber sicher nur durch politische Maßnahmen. Ein Restrisiko jedoch wird immer bleiben.