Felicitas von Aretin: Die Pest von 1348

Weh mir, was muss ich erdulden?

Die Pest von 1348

Dr. Felicitas v. Aretin

„Weh mir, was muss ich erdulden? Welche heftige Qual steht durch das Schicksal mir bevor? Ich seh´ eine Zeit, in der sich die Welt rasend ihrem Ende nähert; wo Jung und Alt um mich herum in Scharen dahinsterben. Kein sicherer Ort bleibt mehr, kein Hafen tut sich mir auf. Es gibt, so scheint es, keine Hoffnung auf die ersehnte Rettung. Unzählige Leichenzüge seh‘ ich nur, wohin ich die Augen wende und sie verwirren meinen Blick. Die Kirchen hallen von Klagen wieder und sind mit Totenbahren gefüllt. Ohne Rücksicht auf ihren Stand liegen die Vornehmen tot neben dem gemeinen Volk. Die Seele denkt an ihre letzte Stunde und auch ich muss mit meinem Ende rechnen“.

Auch wenn es dem Schreiber dieser Zeilen gelang, dem Pesttod zu entgehen, stürzte der Tod seiner Geliebten Laura den italienischen Humanisten Petrarca 1348 in eine existenzielle Krise. Sein unmittelbar nach Lauras Tod verfasster Brief „Ad se ipsum“ zeigt den einstigen Stoiker als tief unglücklichen Mann, der an der Sinnhaftigkeit seiner Existenz zweifelt.

Petrarca stand mit seinem Schicksal 1348 nicht allein: Die Pest, die zwischen 1347 und 1351 in ganz Europa wütete, raffte gut ein Drittel der Bevölkerung hinweg: Hohe Kleriker ebenso wie Bettler, Bürgermeister wie den Wollwebergesellen, junge Mütter wie Greise. Auch die Sieneser Maler Ambrogio und Pietro Lorenzetti fielen der Pest ebenso zum Opfer wie der Leibarzt des englischen Königs, Roger de Heyton, oder der Florentiner Chronist Matteo Villani. Wie viele Menschen genau dem Schwarzen Tod zum Opfer fielen, ist nicht bekannt. Die Zahlen, die die Chronisten nennen, sind oft übertrieben. Der italienische Chronist Agnolo di Tura, der die Pest in Siena überlebte, schilderte, wie er seine eigenen fünf Kinder begraben musste:

„Ich, Agnolo di Tura, genannt der Dicke, bestattete mit eigenen Händen meine fünf Kinder in der Grube. Genauso erging es vielen anderen. Es gab Leichen, die so schlecht beerdigt waren, dass Hunde sie fanden und Teile von ihnen in der Stadt zerstreuten und an ihnen fraßen. Es läuteten keine Glocken mehr und niemand weinte“. Besonders Italien und England waren von der Pest betroffen, während Mailand, Mähren und Böhmen von der ersten Pestwelle weitgehend verschont blieben. In Italien scheinen vor allem junge Leute an der Pest gestorben zu sein. Auch lag der Prozentsatz an Armen, die der Seuche zum Opfer fielen, höher als der der Reichen, die häufig auf ihre Landgüter fliehen konnten.

Die Seuche, die nicht nur späteren Historikern als die große Katastrophe der europäischen Geschichte galt, traf die Menschen des 14. Jahrhunderts in einer wirtschaftlich und sozialen Krisensituation. Plündernde und vergewaltigende Söldnerheere, Missernten, Klimaschwankungen, Hungersnöte, Erdbeben und kriegerische Auseinandersetzungen hatten Bauern und Bürger in Angst und Schrecken versetzt. Das Ansehen des Papsttums litt durch die Abwesenheit der Päpste in Rom, der Klerus zweifelte an der mittelalterlichen Scholastik, England und Frankreich zerfleischten sich im Hundertjährigen Krieg. Das Gefühl, dem Schicksal ausgeliefert zu sein, paarte sich mit Zukunftsangst und Zweifeln. Wie sehr musste es in dieser Seelenlage die Menschen erschrecken, als Reisende und Missionare in den vierziger Jahren das Gerücht verbreiteten, im Osten der Welt herrsche eine unheimliche todbringende Seuche. Wahrheit mischte sich in den Berichten mit Phantasie, die die Schrecken des Erzählenden widerspiegeln: „Die Pest breitete sich bereits, wie es scheint, 1347 in China und Persien aus, wo es Wasser mit Würmern regnete und alle Menschen und Regionen von ihr heimgesucht wurden. Feuerbälle schienen vom Himmel zu fallen, die so groß wie ein dicker Menschenkopf waren, wie man es sonst nur vom Schneefall her kennt. Sie fielen zur Erde und verbrannten Land und Güter, als ob sie nur aus Holz gewesen wären. Man erzählte sich auch, sie hätten einen fürchterlichen Rauch verursacht, und wer diesen erblickt hätte, sei auf der Stelle tot umgefallen“.

Tatsächlich kam der Schwarze Tod aus Asien, genauer gesagt aus der Stadt Issyk Kul unweit des Balchasch-Sees. Dort entdeckte ein russischer Archäologe auf einem Friedhof drei Grabsteine, auf denen die Pest erstmals als Todesursache 1338/39 genannt wurde. 1340 erfasste die Seuche entlang der Seidenstraße das mongolische Khanat. Zeitgenössische Chronisten berichten, dass die Pest erstmals eine europäische Stadt, Caffa, eine Handelsniederlassung der Genuesen, befiel, als die Stadt 1346 von den Tataren belagert wurde. Als unter den Tataren die Seuche zu wüten begann, „banden sie die Leichen auf Wurfmaschinen und ließen sie in die Stadt Caffa hineinkatapultieren, damit dort alle an der unerträglichen Pest zugrunde gehen sollten“. Was die Tataren nicht planen konnten, gelang mühelos. Auf Schiffen von Kaufleuten aus Caffa gelangten infizierte Pest’ und Menschenflöhe, versteckt im Fell von Hausratten, in den Pelzen der Seeleute und in Getreidefässern nach Genua. Bald brach der gesamte Handel der Levante zusammen. 1347 erreichte die Pest Konstantinopel sowie alle Hafenstädte des östlichen Mittelmeers. Von Sizilien, Genua, Venedig, Marseille und Barcelona aus breitete sich die Seuche in Windeseile ins Hinterland aus und gelangte über Kärnten, die Steiermark, Tirol, Bayern, das Elsaß in die Schweiz. Von Norddeutschland eroberte die Pest schließlich Skandinavien und England. Am besten ist der Pestalltag für Florenz und Venedig dokumentiert. Die berühmteste Schilderung stammt von Giovanni di Boccaccio, der das Wüten der Pest als Rahmenhandlung für den Dekameron wählt.

Der heilige Rochus
Der heilige Rochus
Foto: AKG Berlin

„Und diese Pest war noch schrecklicher dadurch, dass sie von denen, die daran erkrankt waren, durch den Verkehr auf die Gesunden übergriff, nicht anders als das Feuer mit trockenen oder fetten Dingen tut, wenn sie in seine nächste Nähe gebracht werden. Und das war noch nicht das Ärgste, denn nicht nur das Sprechen oder der Umgang mit den Kranken teilte den Gesunden die Krankheit oder den Keim des gemeinsamen Todes mit, sondern es stellte sich auch heraus, dass schon die Berührung der Kleider oder irgendeines anderen Gegenstandes, den die Kranken berührt oder gebraucht hatten, den Berührenden mit dieser Krankheit ansteckte“, schrieb Boccaccio in seiner Einleitung. Sie macht auf eindrucksvolle Weise deutlich, wie wenig Ärzte und Gelehrte – abgesehen von der Ansteckungsgefahr – über Ursachen, Übertragungswege und Therapiemöglichkeiten Bescheid wussten. „Ob es nun die Natur der Seuche nicht zuließ, oder ob die Ärzte – deren Zahl außer den studierten Leuten ebenso durch Frauen, wie durch Männer, die nie einen Unterricht in Arzneikunst gehabt hatten, übermäßig groß geworden war – in ihrer Unwissenheit nicht erkannten, woher sie rühre, und folglich nicht die richtigen Mittel anwandten, jedenfalls genasen nur sehr wenige, während schier alle binnen drei Tagen von dem Auftreten der erwähnten Zeichen, der eine rasch, der andere langsamer und die meisten ohne irgendein Fieber oder einen sonstigen äußeren Anlaß starben.“, schreibt Petrarca.

Anhand der Symptome unterschieden allerdings auch mittelalterliche Ärzte zwischen der in „klassischer Weise“ durch Flohbisse hervorgerufenen Beulenpest und der durch Tröpfcheninfektion ausgelösten Lungenpest, die verschiedene Verlaufsformen einer Krankheit waren. Aufspringende Beulen unter den Achselhöhlen oder in der Leistengegend, begleitet von rasendem Fieber, Benommenheit und Halluzinationen, waren Anzeichen der Beulenpest, während an Lungenpest-Erkrankte auf Grund einer Nervenlähmung und der Zerstörung des Lungengewebes qualvoll erstickten.

Auch das berühmte Pariser Pestgutachten, das der französische König 1348 in Auftrag gegeben hatte, verschleierte im Grunde nur die Hilflosigkeit der Ärzte. So berief sich das Pestgutachten auf das so genannte „Pesthauchmodell“ des Gentile da Foligno, der sich seinerseits auf die Lehre von den vier Säften und damit auf die Antike stützte. Danach soll eine ungünstige Konstellation der drei obersten Planeten Mars, Jupiter und Saturn dafür verantwortlich sein, dass Ausdünstungen von Meer und Land in die Luft gesogen wurden, um als krankmachende „verdorbene Winde“ auf die Erde zurückgeschleudert zu werden. Entsprechend diffus gaben die seit 1348 vielfach herausgegebenen Pestregimina und Pestconsilia Auskunft, welche Diät-Vorschriften und Verhaltensregeln einzuhalten seien. Südwind und neblige Luft waren ebenso zu vermeiden wie faulende Birnen und Fisch. Wein und Bier wurden empfohlen, Geschlechtsverkehr und ein heißes Bad wegen der Öffnung der Poren nicht. Speisen waren mit stark duftenden Essenzen wie Gewürznelken zu versetzen. Auch Aderlass, frische Luft und in Wein getränkte Speisen sollten die Pest vertreiben. Der Papst in Avignon hielt sich an einen anderen Ratschlag: in Wohnräumen dauerhaft große Feuer zu unterhalten und er überlebte, während die Hälfte der Bevölkerung von Avignon der Pest erlag. Ansonsten blieb nur die Flucht, die zahlreiche Menschen ergriffen, unter ihnen auch die sieben jungen Leute aus dem Dekameron, die sich auf ein Landgut außerhalb von Florenz begaben.

Der Ausbruch der Pest zog schließlich eine Reihe von sinnvollen hygienischen Maßnahmen nach sich, die spätere Sanitätsbestimmungen vorweg nahmen. Gleichzeitig führte die Pest aber zur Ausgrenzung von ohnehin gesellschaftlich wenig geachteten Menschen, wie Obdachlosen, Prostituierten, Fremden und der jüdischen Bevölkerung. Schon im Frühjahr 1348 erneuerten die Florentiner Behörden Bestimmungen für das Reinhalten der Straßen und Häuser und der Abfallbeseitigung. In Venedig legte eine Dreierkommission, die Savi, einen Notplan vor, nachdem Tote und Sterbende auf Inseln in Massengräber zu begraben beziehungsweise zu isolieren sein. Sonderlich zimperlich sind die Totengräber nicht vorgegangen: „Viele gaben erst auf diesen Schiffen und viele, die noch atmeten, erst in diesen Gräbern ihren Geist auf“, bemerkt Lorenzo de Monacis. Andernorts untersagten die Behörden den Handel, fremden Besuchern wurde häufig der Zutritt zur Stadt verwehrt und Metzger waren besonderen Kontrollen unterworfen. Wie überall verschwor sich auch in Venedig die Gesellschaft gegen die Kranken. Wer Symptome der Pest aufwies, konnte nicht auf Mitleid oder gar Hilfe hoffen.

Manche Eltern ließen ihre erkrankten Kinder zu Hause verhungern, aus Furcht vor Ansteckung warfen Nachbarn die kaum erkalteten Leichen auf die Straße. Ärzte weigerten sich häufig, Kranken zur Hilfe zu kommen, Notare und Beamte verlangten für Testamente hohe Summen, Apotheker und Totengräber versetzten zu Höchstpreisen Bahren, Decken und Kerzen für die Leichenfeiern, die Lebensmittelpreise stiegen, manch Geistlicher floh lieber aus der Stadt, als dass er Sakramente spendete – die alten Chroniken sind voll derartiger Topoi, wenngleich es natürlich viele Menschen gab, die sich um die Leidenden und Sterbenden kümmerten. „Schweigen wollen wir davon, dass ein Bürger dem anderen aus dem Weg ging und dass sich schier niemand um seinen Nachbarn kümmerte und dass die Verwandten einander nur zu seltenen Malen oder nie oder nur von weiten sahen, aber diese Heimsuchung hatte in den Herzen der Männer und Frauen einen solchen Schauder erregt, dass ein Bruder den anderen verließ oder der Oheim den Neffen und die Schwester den Bruder und oft die Frau ihren Gatten“, heißt es in der Einleitung von Boccaccio.

Der Tod erwürgt ein Pestopfer
Der Tod erwürgt ein Pestopfer
Foto: AKG Berlin

Doch damit nicht genug. Wie immer, wenn Menschen von einem unheilvollen Schicksal heimgesucht werden, reagieren sie unterschiedlich. Auch im Mittelalter. Während die einen fröhlich im Weinkeller eines jüngst Verstorbenen tafelten, sich mancher Arme, durch den Verlust seiner Verwandtschaft, in teures Tuch hüllte oder in der Kneipe seine letzten Erdentage beim Alkohol verbrachte, zogen sich der Adel, Notare, Beamte und Schreiber auf ihre Landgüter zurück und hielten strengste Diät. Die meisten Menschen ließen die Arbeit ruhen. Das Vieh auf den Feldern wurde nicht versorgt, die Handwerker erfüllten ihre Aufträge nicht mehr, dafür arbeiteten die Apotheker rund um die Uhr. Nicht von ungefähr werden im Laufe des späten 14. Jahrhunderts in Europa allerorts Luxusgesetze erlassen, die Frauen das Tragen von Hermelinpelzen verboten. In Venedig ließen die Behörden die Schenken am Rialto schließen. In vielen Städten brach die öffentliche Ordnung durch den Tod von Richtern und Ratsmitgliedern zusammen, Festungen wurden nicht mehr bewacht. Es herrschte Chaos und Anarchie, was dem Endzeitgefühl vieler Zeitgenossen entsprach.

Epitaph
 Epitaph für die sieben von der Pest dahingerafften Kinder des Lüneburger Pastors Scherzius
Foto: AKG Berlin

So war es kein Wunder, dass sich das Gefühl, Spielball des Schicksals zu sein, in Massenhysterie entlud, wie die Geißlerbewegung und die Judenverfolgung zeigen sollten. Angesichts der allgemeinen Unsicherheit lechzten die Menschen nach Heilslehrern und Rettern. Dunkle Prophezeihungen, wie die angebliche Wiederkunft Friedrich II., chiliastische Ideen von der Vorstellung eines Tausendjährigen Reiches bis zur Wiederkehr des Herren und Mahnungen fielen auf fruchtbaren Boden. Viele Zeitgenossen sahen in der Pest eine der Weissagungen der Apokalypse erfüllt, wonach die Ankunft des Antichristen durch Plagen angekündigt werde. Um der eigenen Angst etwas entgegenzusetzen und in der Masse Demut und Geborgenheit zu finden, schlossen sich Hunderte den Geißelzügen an, die seit September 1348 durch die Steiermark in Richtung Elsass und Südwestdeutschland zogen. Die Dauer der Fahrt richtete sich nach den Lebensjahren Christi – straff organisiert, musste sich der Büßende dem Kollektiv unterwerfen. Bestimmte Sünden wurden durch bestimmte Riten offengelegt. Wer beispielsweise einen Mord begangen hatte, musste sich auf den Rücken legen. Die Geißler steigerten sich in ihren monotonen Gesängen in Ekstase und Wahn hinein, der anfänglich den Städtern, vor allem aber dem Klerus unheimlich wurde. „Mit (solchen) Geißeln schlugen sie sich auf den entblößten Oberkörper, so dass dieser blau verfärbt und entstellt anschwoll und das Blut nach unten lief und die benachbarten Wände der Kirche, worin sie sich geißelten, bespritzte. Zuweilen trieben sie sich die eisernen Stacheln so tief ins Fleisch, dass man sie erst nach wiederholten Versuchen herausziehen konnte“.

Als sich vermehrt Bettler und Prostituierte den eifernden Geißlern anschlossen und sich selbst ernannte Meister über die Amtskirche stellten, kippte die Stimmung. Zunehmend wurden die Geißler, die oft der Pest voranzogen, als Boten von Unheil und Seuchen gesehen. Das Volk nahm enttäuscht war, dass sich Gott nicht durch Bittprozessionen beeindrucken ließ. Clemens VI. bot der Bewegung durch die Bulle vom 20. Oktober 1349 Einhalt. Eines aber gelang ihm nicht:

Die Juden vor dem aufgepeitschten Volk zu schützen. Wo Bitten und Flehen nicht half, brauchte die Masse einen Sündenbock. Abgesehen vom Holocaust bildeten die Pogrome gegen die Juden zwischen 1348 und 1350 „die größte singuläre Mordaktion gegen die jüdische Bevölkerung in Europa“. Auf Grund ihrer Sonderstellung waren die Juden vielen schon lange ein Dorn im Auge. Als 1348 ein jüdischer Arzt unter der Folter aussagte, Giftbeutel an seine Glaubensbrüder verteilt zu haben, damit sie die Brunnen vergifteten, breitete sich die Kunde von den angeblichen Gräueltaten in der Schweiz und in Süddeutschland aus. Scheiterhaufen loderten in Konstanz, Köln, Solothurn, Zürich, Basel und andernorts. Progromstimmung machte sich auch in Nürnberg, Würzburg, Mainz, Worms und Frankfurt breit. Viele jüdische Gemeinden wurden ausgelöscht. Ohne jedes Mitleid übergab man in einem antisemitischen Rausch Säuglinge, Schwangere und Greise dem Feuer. Besonders drastisch verlief die Entwicklung in Straßburg, wo Metzger und Kürschner zum Münster eilten, um die Stadtväter unter Druck zu setzen. Wie fast überall gaben Klerus und Ratsmitglieder nach, was nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe hatte, da das Eigentum der Ermordeten von der Kommune oder dem König selbst eingezogen wurde.

Damit hatte nicht nur das Massensterben der Juden massive Auswirkungen auf die Vermögensumbildung. Schichten, die zuvor am Existenzminimum vegetierten, erbten Geld. Unzählige Immobilien und Ländereien wechselten den Besitzer. In den Städten wurden die Handwerker zur mächtigsten Schicht. Gleichzeitig führte eine schon vor 1348 einsetzende Agrarkrise paradoxerweise zur Verarmung der Landbevölkerung, obgleich unmittelbar nach der Pest eine Nachfrage nach Lebensmitteln vorhanden war. Vielerorts wurden aus Stiftungsgeldern neue Universitäten oder Kirchen erbaut. So wurden das Trinity College in Cambridge 1350 gegründet, Canterbury Hall College in Oxford 1361. Städte erhielten neue Gesichter, durch Grundstückszusammenlegungen oder den Bau neuer Kirchen. In Freiburg begann man 1354 mit dem Umbau des Münsterchors, der Grundstein für den Erfurter Dom wurde 1349 gelegt.

Beerdigung von Pestopfern
Beerdigung von Pestopfern, Buchmalerei
Foto: AKG Berlin

Kaum hatte sich eine Stadt, ein Landstrich von der Pest erholt, drohte allerdings oft eine neue, wenngleich nicht ganz so starke Pestwelle, die bis weit in das 17. Jahrhundert anhielt. In gewisser Weise verstärkte die Pest von 1348 die Mentalitätskrise des 14. Jahrhunderts und begünstigte Entwicklungen, die letztlich das Ende des Mittelalters herbeiführen sollten und in den Jahrhunderten des Großen Schismas, der Reformation und der Renaissance endeten. Die ständige Konfrontation mit dem Sterben und der Todesangst führte dazu, dass ein Teil der Hinterbliebenen nun das Leben um so exzessiver genoss, während andere in tiefste Depressionen und Hoffnungslosigkeit versanken. Allgemein stellen Historiker eine besondere Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, ja das Ende der menschlichen Solidargemeinschaft fest. Konventionsschranken galten nicht mehr, kritisch betrachteten Intellektuelle die Ständegesellschaft und so manchen Ordensbruder und Pfarrgeistlichen, wenngleich das Papst- und Kaisertum noch nicht in Frage gestellt wurden.

Unter dem Eindruck der Erfindung der Uhr und des ständig gegenwärtigen Todes stellte sich das „Memento mori“ für jeden auf seine Weise. Es ist kein Zufall, dass der Wunsch nach individuellen Grabstätten nach der ersten großen Pestwelle entstand, wo viele im Massengrab endeten. Das Große Sterben begünstigte damit den Individualisierungsprozess der Überlebenden und damit letztendlich das Denken des Humanismus und der Renaissance.

 

Glossar

Dekameron: Novellenzyklus, den sich zehn Gäste eines bei Florenz gelegenen Landguts erzählen. Autor ist Giovanni di Boccaccio (1313-1375)

Pestregimina: Diatvorschriften für Laien und Ärzte, die nach 1348 in Mode kamen

Pestconsilia: Vorbild der Pestconsilia sind die Rechtsconsilia, die in Italien seit dem 13. Jahrhundert existieren und geschriebene Gesetze kommentieren. Pestconsilia erklärten die Ursache und den Verlauf der Pest humoralpathologisch

 

Literatur
  • Klaus Bergdolt: Der schwarze Tod in Europa. Die Große Pest und das Ende des Mittelalters. 4. Aufl. München 2000
  • J. Delumeau: Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14. Bis 18. Jahrhunderts. Hamburg 1985.
  • F. Graus: Pest – Geißler – Judenmorde. Das 14. Jahrhundert als Krisenzeit. Göttingen 1987
  • D. Herlihy: Der Schwarze Tod und die Verwandlung Europas. Berlin 1998
  • J. Ruffié, J.-C. Sournia: Die Seuchen in der Geschichte der Menschheit. München 1992
  • Das große Sterben. Seuchen machen Geschichte. Hg. Hans Wilderotter. Berlin 1995