Eisen-Zeiten

Warum die Entdeckung der Eisenverhüttung in Anatolien ein Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte war, untersucht eine interdisziplinäre Forschergruppe des altertumswissenschaftlichen Exzellenzclusters Topoi.

08.10.2014

Ohne Eisen ist unser heutiges Leben kaum vorstellbar. Die Produktion von Stahl, der schmiedbaren Eisen-Kohlenstoff- Legierung, steigt noch immer weltweit an. Kein anderer Werkstoff konnte das vor mehr als 4.000 Jahren erstmals von Menschen erzeugte Metall bislang ersetzen. Anhand von fünf Fallbeispielen wollen Archäologen, Geografen und Philologen gemeinsam herausfinden, welche Wege das kostbare Wissen um den komplexen Herstellungsprozess, die sogenannte Verhüttung, genommen hat. Produktionsgenossenschaften der Eisenzeit Das erste Eisen produzierten die Bauern im heutigen Brandenburg wahrscheinlich schon im 5. Jahrhundert vor Christus.

Ein Rennofen zur Eisenverhüttung - nachgebaut von Markolf Brumlich
Ein Rennofen zur Eisenverhüttung - nachgebaut von Markolf Brumlich Bildquelle: Markolf Brumlich

Folgt man dem Prähistoriker Markolf Brumlich von der Freien Universität Berlin, war die Herstellung von Eisen in sogenannten Rennöfen in der vorrömischen Eisenzeit ein Gemeinschaftsprojekt, für das sich Bewohner mehrerer Siedlungen zusammenschlossen. Gemeinsam unternahmen sie eine arbeitsintensive „Ofenreise“, wie man den manchmal sogar mehrere Tage dauernden Prozess der Verhüttung nennt. Unterstützt und angeleitet hat sie dabei wahrscheinlich ein umherziehender Experte.

Das dafür notwendige Raseneisenerz fanden die Siedlungsbewohner mehr oder weniger vor ihrer Haustür. Die Verwandlung roströtlicher Klumpen aus der Erde – Steinen nicht unähnlich – in glänzendes, schmiedbares Metall muss etwas Magisches, Faszinierendes, vielleicht sogar etwas Unheimliches gehabt haben: Dafür spricht das vollständige Skelett eines geopferten Pferdes, das die Wissenschaftler der Freien Universität nahe der Überreste der Rennöfen gefunden haben.

Seine Überlegungen stützt der Doktorand Markolf Brumlich auf die Ausgrabung einer Siedlung aus dieser Zeit im Rahmen eines Projekts, das von Michael Meyer, Professor für Prähistorische Archäologie an der Freien Universität Berlin, geleitetet und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde. Die Grabungen am Fundplatz Glienick im Landkreis Teltow-Fläming gut 30 Kilometer südlich von Berlin in den Jahren 2009 und 2010 förderten etwa einen der am besten erhaltenen Rennöfen zu Tage. Sie lassen auch Einblicke zu in die Organisation und den Prozess der Eisenverhüttung – über einem Zeitraum von 300 Jahren hinweg, vom 4. Jahrhundert bis ins 1. Jahrhundert vor Christus.

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Die Grabungen am Fundplatz Glienick im Landkreis Teltow-Fläming gut 30 Kilometer südlich von Berlin förderten einen der am besten erhaltenen Rennöfen zu Tage, der einen guten Einblick gibt in den Prozess der Eisenverhüttung.
Die Grabungen am Fundplatz Glienick im Landkreis Teltow-Fläming gut 30 Kilometer südlich von Berlin förderten einen der am besten erhaltenen Rennöfen zu Tage, der einen guten Einblick gibt in den Prozess der Eisenverhüttung. Bildquelle: Markolf Brumlich

Inzwischen bringt Brumlich seine Überlegungen auch in die interdisziplinäre Forschergruppe „Eisen als Rohmaterial“ des Exzellenzclusters Topoi ein. Ziel der Forschergruppe ist es, anhand von fünf Fallbeispielen aus dem Vorderen Orient, der Mittelmeerregion sowie Nord- und Mitteleuropa zu vergleichen, wie unterschiedlich die Eisenverhüttung in die jeweiligen Gesellschaften eingeführt wurde. Die Wissenschaftler untersuchen nicht nur die sozialen und politischen Folgen, sondern beschreiben auch, wie sich die Landschaft mit der Eisenverhüttung veränderte – bis hin zu einem „historischen Öko-Audit“, bei dem die Kontamination des Bodens durch darin vorhandene Schlacken untersucht werden soll.

In der Forschergruppe arbeiten klassische und prähistorische Archäologen, Philologen und Geografen zusammen und verbinden Technik-, Umwelt-, Sozial und Politikgeschichte. Diese Zusammenarbeit ist typisch für den Exzellenzcluster Topoi, einen Verbund von Freier Universität und Humboldt-Universität in Kooperation mit renommierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Bei der Zusammenarbeit werde ein weiter Bogen gespannt, erklärt Wiebke Bebermeier. Die Juniorprofessorin für Physische Geografie mit dem Schwerpunkt Landschaftsarchäologie ist gemeinsam mit dem Prähistoriker Michael Meyer Sprecherin der Forschergruppe. Nicht überall finde sich Eisenverhüttung als komplettes „Technologiepaket“ wie in Glienick, sagt sie. In Glienick erhielten die Wissenschaftler Einblicke in ein funktionierendes System, aber sie fanden keine Spuren einer Experimentierphase.

Sie gehen deshalb davon aus, dass sich die Technik innerhalb weniger Jahrzehnte durchsetzte, „einen mit archäologischen Mitteln kaum fassbaren Zeitraum“, sagt Markolf Brumlich. Anders in einem anderen Fallbeispiel der Forschergruppe: Dort befassten sich Wissenschaftler mit den Anfängen der Eisenverhüttung in Anatolien. Im Unterschied zur prähistorischen vorrömischen Eisenzeit gibt es aus diesem früheren Zeitraum Schriftquellen. Sie dokumentieren den Status des Metalls in der Kultur und zeigen, wie es sich von einem Material für „Statussymbole“ zu einem Alltagsmetall wandelte.

Symbol unermesslicher Macht

Violetta Cordani, Postdoktorandin, und Jörg Klinger, Professor für Altorientalistik an der Freien Universität Berlin, beschäftigen sich mit der kulturellen Bedeutung von Eisen in Anatolien. Aus dieser Region stammen die ältesten Fundstücke aus Eisen überhaupt. Diese Objekte, eine Dolchklinge mit Goldgriff und zwei Nadeln mit goldenem Kopf, stammen aus dem 4. Jahrtausend vor Christus und wurden vermutlich aus Meteorit-Eisen hergestellt. Gegenstände aus verhüttetem Eisen finden sich erst aus dem 2. Jahrtausend vor Christus, doch die Anfänge der Technik selbst liegen im Dunkeln.

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Den Rennofen zur Eisenverhüttung baute Markolf Brumlich im Garten des Instituts für Prähistorische Archäologie der Freien Universität nach. Schnell war klar: Die Eisenverhüttung muss damals eine schwere Arbeit gewesen sein.
Den Rennofen zur Eisenverhüttung baute Markolf Brumlich im Garten des Instituts für Prähistorische Archäologie der Freien Universität nach. Schnell war klar: Die Eisenverhüttung muss damals eine schwere Arbeit gewesen sein. Bildquelle: Evelyn Steffens

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler legen nahe, dass alte Annahmen auf den Prüfstand gestellt wer-den müssen: Lange dachte man zum Beispiel, dass die Hethiter, die im 2. Jahrtausend vor Christus zur Großmacht in der Region aufstiegen, ihre Vorherrschaft auf einem Monopol in der Eisen-Produktion gründeten. Heute weiß man, dass der Rohstoff in dieser Kultur zwar eine große Rolle spielte: „Es gibt viel mehr Textquellen, die unterschiedliche Objekte aus Eisen erwähnen, als archäologische Fundstücke“, sagt Violetta Cordani. Es sei allerdings eine größere Menge an Gegenständen aus Bronze überliefert, was die Vermutung nahelege, dass Eisen offenbar nicht für „echte“ Waffen eingesetzt wurde. Vielmehr könnten die Menschen es damals nur für „Schmuckwaffen“ genutzt haben, während sie weiterhin mit bronzenen Sperrspitzen und Schwertern kämpften.

Sollte das stimmen, würde die Geschichte, wonach die Hethiter die Ägypter in einer Schlacht wegen der Überlegenheit ihrer Eisenwaffen geschlagen hätten, ins Reich der Legenden gehören. Die meisten Beschreibungen von Eisengegenständen finden sich in Texten kultischen Ursprungs. So wird in einem Text berichtet, dass der Hethiter-König Anitta von einem besiegten Herrscher ein eisernes Zepter und einen Thron aus Eisen erhielt. Eisen wird darin auch bereits als Metapher für besondere Macht und Härte eingesetzt: „Das Wort des Großkönigs ist aus Eisen – nicht zu verwerfen, nicht zu zerbrechen. Wer es verändert, dessen Kopf wird man abschlagen“, heißt es. Mit dem Zerfall des Hethiter-Reiches im 12. Jahrhundert vor Christus verbreitete sich das Wissen um die Eisenverhüttung über die Mittelmeerregion aus und gelangte schließlich nach Nord- und Mitteleuropa. In Anatolien aber verlor Eisen mit der Zeit seine Aura und wurde zum Metall für Alltagsgegenstände, wie zahlreiche Funde dokumentieren. Dennoch begann die Eisenzeit hier Jahrhunderte früher als in Nordund Mitteleuropa. „Leider bleibt in dieser Zeit vieles unklar, da es kaum Schriftquellen gibt“, bedauert Violetta Cordani.

Ein komplexer Prozess

Um die Verhüttung in der textlosen vorrömischen Zeit besser zu verstehen und herauszufinden, wie der komplexe technische Prozess abgelaufen sein könnte, ging Markolf Brumlich einen speziellen Weg. In mehreren Experimenten baute er Rennöfen vom Typ „Glienick“ im Garten des Instituts für Prähistorische Archäologie nach – und feuerte an. Ein Rennofen hatte etwa den Umfang eines starken Baums, der Schacht war knapp einen Meter hoch. Er wurde in einer in die Erde eingegrabenen, etwas mehr als badewannengroßen Arbeitsgrube errichtet, von der aus der Ofen bedient wurde. Der Fuß des Ofens wurde mit großen Feldsteinen verstärkt.

Es sind die Details der auf den ersten Blick unscheinbaren Lehmöfen, die von der technischen Meisterschaft ihrer Betreiber zeugen. Zum Beispiel die sogenannten Düsen, kreisrunde 2,5 bis 3 Zentimeter große Löcher in der Ofenwand. Durch sie wurde mithilfe von Blasebälgen aus Ziegenhaut kontinuierlich Luft in den Ofen geblasen – nur so ließ sich die Temperatur auf deutlich über 1.100 Grad Celsius steigern. Diese Hitze ist notwendig, um das Eisenerz aufzuschmelzen. Die archäologischen Spuren dokumentieren auch, welch intelligente Schichtung die damaligen Nutzer im Ofeninneren vornahmen: In den unteren steinverstärkten Bereich, die Schlackengrube, legten sie Getreidehalme. Sie dienten zu Beginn der Verbrennung als Unterlage für Erz und Holzkohle, die so geschickt auf der Höhe der Düsen gehalten wurden. Die Halme verbrannten durch den Sauerstoffmangel nur ganz langsam und gaben so der abfließenden Schlacke nach.

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Mithilfe eines Blasebalgs kann die für die Eisenverhüttung erforderliche Temperatur von mindestens 1.100 Grad erreicht werden.
Mithilfe eines Blasebalgs kann die für die Eisenverhüttung erforderliche Temperatur von mindestens 1.100 Grad erreicht werden. Bildquelle: Markol Brumlich

Markolf Brumlich hatte bei den Ausgrabungen Schlackenklötze mit Halmabdrücken gefunden, die Aufschluss darüber gaben, mit welchen Halmen man die Öfen befüllt hat. Wahrscheinlich hatten die Menschen damals auch ausprobiert, ob trockene oder noch grüne Halme besser geeignet seien. Das in den Rennofen gegebene Erz wurde zuvor „geröstet“, also im offenen Feuer erhitzt. Um die hohen Temperaturen zu erreichen, musste dem Ofen nicht nur konstant Luft aus den Blasebälgen zugeführt werden, man musste ihn auch kontinuierlich mit Holzkohle „füttern“. Dies setzte die enge und sicherlich schweißtreibende Zusammenarbeit von 12 bis 15 Menschen pro Rennofen voraus – was nicht zuletzt das Nachbau-Experiment von Markolf Brumlich zeigt. Als er selbst an dem Verhüttungsprozess teilnahm, wurde ihm klar: „Nach 20 bis 30 Minuten am Blasebalg ist man ganz schön fertig.“

Der Ofen musste aber Tag und Nacht befeuert werden – wahrscheinlich mehrere Tage lang. Brumlich geht daher von einer Art Schichtbetrieb aus. Sein Experiment, bei dem der prähistorische Lehmofen noch einmal zum Leben erweckt wurde, zeugt von der elementaren Kraft dieses Verbrennungsprozesses (siehe nebenstehender Artikel). Mit beendeter Ofenreise wurde die Ofenwand an der Vorderseite in der Arbeitsgrube aufgebrochen. Die rotglühende sogenannte Eisenluppe, die sich oberhalb des Schlackenklotzes auf Höhe der Düsen gebildet hatte, konnte mit einer Zange entnommen werden. Dieses noch unreine Eisen musste in weiteren Schritten für die Verarbeitung vorbereitet werden. Brumlich nimmt an, dass das „Produktionskollektiv“ mehrere Wochen lang auf Vorrat solches Luppeneisen produzierte, das dann unter den beteiligten Siedlungen aufgeteilt wurde.

11,8 Tonnen Verhüttungsschlacke fanden die Archäologen beim Ausgraben der Überreste der Siedlung bei Glienick. Insgesamt müssen die Bewohner im Verlauf der 300 Jahre, in denen das Areal besiedelt war, schätzungsweise 24 Tonnen Schlacke aus der Eisenverhüttung hinterlassen haben. „Zusammengeschoben wäre es ein kleiner Hügel“, sagt Markolf Brumlich. Auf diese Weise wurden im Verlauf von 300 Jahren 4,5 Tonnen Luppeneisen hergestellt. Von den daraus gefertigten Produkten fanden sich nur kleine Reste, auch die notwendigen Werkzeuge – also Zange, Hämmer und so weiter – sind nicht erhalten geblieben. In einzelnen Gräbern im nord- und mitteleuropäischen Raum finden sich Erzbrocken, Schlacken und Schmiedewerkzeuge – Belege für die gehobene Stellung derjenigen, die diese Technik beherrschten.

Lesen im Sedimentarchiv

Die Region Teltow bot den Eisenpionieren ideale Bedingungen: in den feuchten Niederungen das Raseneisenerz, in den Wäldern das Kiefernholz für die Öfen und ausreichend Wasser zur Verarbeitung des Ofenlehms, als Löschwasser und zum Abkühlen geschmiedeter Gegenstände. Bei den Ausgrabungen in Glienick wurden zwei Brunnen in unmittelbarer Nähe der Rennöfen entdeckt. Während über diese Region nicht zuletzt durch die Grabungen von Brumlich und Meyer relativ viel bekannt ist, gibt es andere Landstriche, in denen Eisenverhüttung mutmaßlich stattgefunden hat, weil dort Eisenobjekte auftauchen. Aber darüber ist sehr wenig bekannt.

Das Baltikum etwa nennt Wiebke Bebermeier die terra incognita der Eisenforschung. Dieser Landstrich soll in einem weiteren Projekt des Museums für Vor- und Frühgeschichte – mit den Erkenntnissen aus den anderen Fallbeispielen – neu erschlossen werden. Nicht nur in Form von Texten oder Objekten, auch in der Landschaft hat die Eisenverhüttung bis heute lesbare Spuren hinterlassen. So verraten sogenannte geomagnetische Erkundungen, wo „metallurgische Aktivitäten“ stattgefunden haben.

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Eine solche sogenannte Prospektion wurde gerade für ein weiteres Fallbeispiel in Polen ausgeführt. Bei diesem Projekt wird am Beispiel der sogenannten Przeworsk-Kultur, einer eisenzeitlichen archäologischen Kultur zwischen Warthe, Oder, Bug und Karpatenbogen, versucht zu rekonstruieren, ob es einen Wissenstransfer von Schlesien in den Südharz gab. Dorthin war ein Teil der Bevölkerung ausgewandert. Die Innovation wirke auch in die Landschaft zurück, sagt die Geografin. Denn für die Eisenverhüttung waren große Mengen Holz notwendig: So wurden beim Ofentyp Glienick für einen Ofengang mit einem Output von 19 Kilogramm Luppen-Eisen etwa 165 Kilogramm Holzkohle benötigt.

Werden große zusammenhängende Flächen abgeholzt, könne das zu einem vermehrten Auftreten von Erosion führen, erklärt Wiebke Bebermeier: „Das erodierte Bodenmaterial sammelt sich auf charakteristische Weise in sogenannten Sedimentarchiven an, es akkumuliert sich etwa am Fuß eines Hanges oder in Fluss-Auen. Mit den Methoden der Physischen Geografie lassen sich solche Sedimentarchive lesen und in der interdisziplinären Kooperation mit den Partnern aus der Archäologie auch hinsichtlich einer frühen Eisenverhüttung auswerten.“

„Die Rußige“

Als ein Beispiel für die Veränderung der Landschaft gilt die italienische Insel Elba, Ort einer künftigen Fallstudie der Berliner Forschergruppe: Sie war lange Zeit ein Zentrum der Eisenverhüttung; von aus zahlreichen Rennöfen aufsteigenden Rauchschwaden zeugt ihr griechischer Name „Aithaleia“, was so viel bedeutet wie „die Rußige“. Im 9. Jahrhundert vor Christus wurde die Eisenverhüttung allerdings von der Insel aufs Festland rund um die etruskische Siedlung Populonia verlagert. Forscher wollen den Gründen nachspüren: Gab es auf der Insel etwa kein Brennholz mehr? Das Zusammenspiel zwischen Landschaft, neuer Technik und Ökonomie lässt sich hier besonders gut nachvollziehen. Untersucht werden sollen auch Umweltveränderungen durch den Menschen – etwa, welche Kontamination die Schlackenreste in ihren „Endlagern“ hinterlassen haben.

In den mehreren tausend Jahren, die die Einführung des Eisens in den verschiedenen Regionen insgesamt in Anspruch nahm, hat sich das Wissen über ver schlungene Pfade verbreitet. Die Wissenschaftler, die sich auch mit aktuellen Innovationstheorien auseinandersetzen, vermuten sogar, dass es möglicherweise Kulturen gegeben hat, bei denen Wissen um Eisenverhüttung aufgetaucht und wieder verschwunden sein könnte. Eines lässt sich jedoch schon jetzt sagen, meint Forschergruppen-Sprecher Michael Meyer: Von einer linearen Entwicklung und kontinuierlichen Ausbreitung der Erfindung ist bei der Innovation Eisen nicht auszugehen.

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Hightech aus der Eisenzeit ist in der Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte zu sehen
Hightech aus der Eisenzeit ist in der Dauerausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte zu sehen Bildquelle: Staatliche Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte

Hightech aus der Eisenzeit

Rein optisch ist ihr Forschungsgegenstand im Nachteil. Zumindest im Museum, erklärt die Archäologin Angelika Hofmann: „Eisen auszustellen ist schwierig“, sagt sie. Das Metall verliere seinen Glanz, wirke neben den Objekten aus Bronze, Silber oder Gold unscheinbar. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin des Exzellenzclusters Topoi war die promovierte Archäologin an der Neugestaltung des Raumes zur Eisenzeit in der Dauerausstellung „Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit“ im Neuen Museum beteiligt, die im Juli 2014 eröffnet wurde.

Während die restaurierten Helme, Brustpanzer und Schmuckstücke aus Edelmetallen in den Museumsvitrinen schimmern, als seien sie eben erst vollendet worden, korodieren die Gegenstände aus Eisen. Einen Eindruck von der besonderen Aura zu erhalten, die dieses Metall für die Menschen in der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit besessen haben muss, und für die Museumsbesucher sinnlich erfahrbar zu machen, war ein Ziel der Ausstellungsmacher. In der Vitrine sind nicht nur Gegenstände aus Eisen – Gürtelschnallen, Schwerter und Schmuckstücke – zu sehen. Auch der Prozess der Eisenverhüttung wird ins Zentrum gerückt und in allen Schritten erklärt.

Ein Film zeigt den Versuch, einen sogenannten Rennofen aus Lehm, wie er bei Grabungen bei Glienick in Brandenburg vor wenigen Jahren gefunden wurde, nachzubauen und in ihm eigenhändig Eisen aus Raseneisenerz zu verhütten. Wie viel technisches Geschick und eingespielte Zusammenarbeit der Prozess voraussetzte, wird durch das Video deutlich. Das Museum für Vor- und Frühgeschichte in der dritten Etage des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel gehört zu den bedeutendsten Sammlungen zu den frühesten Epochen der Menschheitsgeschichte. Bei der Neugestaltung flossen auch neueste wissenschaftliche Erkenntnisse des Exzellenzclusters Topoi ein. „Wir zeigen brandaktuelle Funde“, sagt Angelika Hofmann. Ein Punkt, den auch Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor-und Frühgeschichte, unterstreicht. Aus diesem Grund etwa wird in der neuen Ausstellung ein großes Spektrum an Objekten unterschiedlicher Kulturen zu sehen sein. Der Berliner Landesarchäologe und Honorarprofessor der Freien Universität Berlin betont, dass eben keine „Lehrsammlung“ entstehen, sondern die Eisenzeit in ihrer „Fremdheit“ und mit den „disparaten Objekten“ anschaulich und lebendig vermittelt werden sollte. Vielleicht wird auch der eine oder andere Museumsbesucher danach das unscheinbare Metall mit anderen Augen sehen.

Die Dauerausstellung „Steinzeit. Bronzezeit. Eisenzeit“ des Museums für Vor-und Frühgeschichte im Neuen Museum (Museumsinsel) ist täglich von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20.00 Uhr. Besuchereingang: Bodestraße 1–3, 10178 Berlin

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DAS KLEINE EISEN-LEXIKON  

Ausgangsstoffe

Meteoriteneisen

Hoch eisenhaltige Meteoriten lieferten den Menschen das erste Eisen. Meteoriteneisen war ohne einen Verhüttungsprozess direkt schmiedbar und wurde für Schmuck, Dolche oder andere Prestigeobjekte eingesetzt, da es als exotisch-rätselhaftes, machtvolles Metall galt. In einer Schriftquelle aus der Zeit der Hethiter findet sich der Satz „Sie brachten schwarzes Eisen vom Himmel“, der als Hinweis auf die Verwendung von Meteoriteneisen gelesen werden kann.

Raseneisenerz

Raseneisenerz bildet sich in Niederungsgebieten mit hohen Grundwasserständen. Im jahreszeitlich bedingten Schwankungsbereich des eisenhaltigen Grundwassers entstehen durch Kontakt mit der Bodenluft Eisenhydroxide, die feste Schichten bilden können. Erz wurde mithilfe von Holz- oder Eisenstangen gesucht, die in den Boden gestoßen wurden. Raseneisenerz wurde in Deutschland bis ins 19. Jahrhundert hinein in großem Umfang verhüttet.

Verhüttung

Rösten

Beim Rösten wird das Raseneisenerz vor der Eisenverhüttung im Feuer erhitzt, um das Hydratwasser auszutreiben und das feste Erz mürbe zu machen. Nach dem Rösten und anschließenden Abkühlen wird das Erz zerkleinert und klassiert, um es dann in den Rennofen zu geben.

Ofenreise

Langwieriger Prozess, der mehrere Tage dauern konnte, vom Anheizen des Rennofens bis zur Entnahme der Luppe (siehe weiter unten). Die sogenannte Beschickung des Ofens erfolgte abwechselnd mit zuvor geröstetem Raseneisenerz und Holzkohle. Während der Ofenreise wurden die Blasebälge kontinuierlich betrieben.

Rennofen

Seinen Namen hat der Rennofen vom Rennen beziehungsweise Rinnen der flüssigen Schlacke. Rennöfen gab es in zahlreichen Varianten, meist waren sie kuppel- oder schachtförmig konstruiert. Der Ofen wurde mit feuerfestem Material gebaut: Lehm und Steinen. Bei Temperaturen zwischen 1.100 und 1.400 Grad Celsius wurden im Rennofen die Gesteinsbestandteile (Gangart) des Erzes zu Schlacke verflüssigt, das Eisen selbst schmolz dabei nicht. Durch seinen geringen Kohlenstoffanteil war das Eisen unmittelbar schmiedbar.

Blasebälge

Um die für die Eisenverhüttung notwendigen Temperaturen von mindestens 1.100 Grad Celsius zu erreichen, musste dem Rennofen eine ausreichende Menge Verbrennungsluft zugeführt werden. Dies konnte mittels Blasebälgen geschehen, die aus Holz und Leder (meist eine Ziegenhaut) konstruiert waren. Das Wort „Balg“ in „Blasebalg“ bedeutet wörtlich „Tierhaut“.

Düsen

Einfache, wenige Zentimeter große Öffnungen in der Wand des Rennofens oder speziell angefertigte quader- oder rohrförmige Elemente, die in die Ofenwand eingesetzt wurden. Durch die Düsen wurde Luft in den Ofen geblasen.

Endprodukte

Luppe

Mit Schlacke und Holzkohle durchsetzter, oftmals schwammartig aussehender Eisenklumpen, der im Rennofen als Produkt erzeugt wird. Die Luppe wird nach der Entnahme aus dem Ofen wiederholt in einem Schmiedefeuer erhitzt und auf einem Amboss durch Hämmern verdichtet. Dabei werden die Eisenteile verschweißt und die Schlacke entfernt.

Schlacke

Die Schlacke musste von der Eisenluppe abgeschlagen werden, daher der Name. Sie ist ein Abfallprodukt des Eisenverhüttungsprozesses. Beim Schmelzvorgang im Rennofen trennt sich die flüssigere Schlacke von der Eisenluppe und fließt in den unteren Bereich des Ofens.

Stahl

Mit Kohlenstoff angereichertes Eisen wird als Stahl bezeichnet, es handelt sich um eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung. Mit steigendem Kohlenstoffanteil nimmt die Härte des Stahls zu, ab einem Anteil von zwei Prozent Kohlenstoff ist der Stahl allerdings nicht mehr schmiedbar. Von den prähistorischen Metallurgen wurde bei der Eisenverhüttung ein niedrig gekohlter und daher gut schmiedbarer Stahl als Produkt angestrebt. Oftmals wird das Wort „Eisen“ verwendet, wenn eigentlich von „Stahl“ die Rede ist – etwa bei der Klinge eines Schwertes.

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Die Wissenschaftler

Markolf Brumlich

Markolf Brumlich studierte Prähistorische und Klassische Archäologie sowie Mittelalterliche Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Nach einer Beschäftigung in der Archäologischen Denkmalpflege im Land Brandenburg forschte er von 2009 bis 2013 im DFG-Projekt „Eisenverhüttung in der vorrömischen Eisenzeit des nördlichen Mitteleuropas. Das Fallbeispiel des Teltow“. Seit 2012 ist er Mitglied des Topoi-Forschungsprojekts A5-1 „Eisenverhüttung im Teltow“. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der frühen Eisenmetallurgie und dem Siedlungswesen der vorrömischen Eisenzeit.

Kontakt: Freie Universität Berlin Institut für Prähistorische Archäologie
Excellenz Cluster Topoi
E-Mail: markolf.brumlich@topoi.org  


Violetta Cordani

Violetta Cordani promovierte 2010 in Altorientalistik an der Universität Triest, Italien. Im Jahr danach studierte sie dank eines DAAD-Stipendiums fünf Monate an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Forschungsinteressen umfassen Probleme der relativen und absoluten Chronologie, Kulturkontakte zwischen den Hethitern und den Ägyptern in der Spätbronzezeit sowie Aspekte der Entwicklung der hethitischen Historiographie. Innerhalb des Exzellenzclusters Topoi (A-5 «Eisen als Rohstoff»), untersucht sie die Rolle von Eisen bei den Hethitern, der Schwerpunkt liegt dabei auf kulturellen, wirtschaftlichen und technischen Aspekten der Eisenindustrie zwischen dem 13. und 12. Jahrhundert vor Christus

Kontakt: Freie Universität Berlin
Institut für Altorientalistik
E-Mail: violetta.cordani@topoi.org




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