Mit Wissen gegen das Stigma

Neue medizinische Erkenntnisse ermöglichen neue Wege in der HIV-Prävention – und helfen dabei, gegen Vorurteile anzukämpfen

08.10.2014

Antiretrovirale Therapien haben das Leben tausender HIVpositiver Menschen in Deutschland entscheidend verbessert. Ob sie auch ein Mittel gegen gesellschaftliche Ausgrenzung Betroffener sein können, das untersuchen Wissenschaftler am Arbeitsbereich Public Health der Freien Universität Berlin.

Daniel Bahr, ehemaliger Bundesminister für Gesundheit, bei der Auftaktveranstaltung der „mach’s mit-Kampagne“ im März 2013.
Daniel Bahr, ehemaliger Bundesminister für Gesundheit, bei der Auftaktveranstaltung der „mach’s mit-Kampagne“ im März 2013. Bildquelle: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Es ist ein Bild, das kaum einer vergessen kann, der es einmal gesehen hat: in einem Bett ein abgemagerter, schwerkranker Mann mit eingefallenen Wangen. Ein zweiter Mann, der den Kopf des Kranken stützt und weint, daneben eine trauernde Frau und ein Mädchen. Die amerikanische Reporterin Therese Frare hielt in diesem Bild die letzten Momente im Leben des AIDSKranken David Kirby fest. Das Foto, das 1990 zuerst im Magazin LIFE erschien und später vom italienischen Modekonzern Benetton als Anzeigenmotiv verbreitet wurde, sollte in den folgenden Jahren das Bild der Krankheit prägen.

Ein Bild, das bis heute nachwirkt, wie der Psychologe Jochen Drewes immer wieder feststellen muss: „Da beginnen Berichte in den Medien nach wie vor mit Sätzen wie ‚Herr X ist ein munterer Mann, dem man seine schwere Krankheit nicht ansieht‘.“ Im Jahr 2014 sei das schon „absurd“, sagt der Wissenschaftler, der am Arbeitsbereich Public Health der Freien Universität Berlin seit vielen Jahren zu HIV und Aids forscht. Schließlich sei eine HIV-Infektion zwar immer noch unheilbar – aber schon länger behandelbar. Durch antiretrovirale Therapien habe sich die Krankheit vom sicheren Todesurteil hin zu einer beherrschbaren Diagnose gewandelt.

Die Entwicklung antiretroviraler Medikamente gegen die Aids-Erkrankung begann Mitte der achtziger Jahre. Das erste davon war Zidovudin, auch bekannt unter dem Kürzel AZT, das die Vermehrung des HI-Virus entscheidend aufhalten konnte. Dieses Medikament zu bekommen, ähnelte anfangs dem Beschaffen einer Droge. Das zeigte 2013 der Film „Dallas Buyers Club“, der mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Wenige Jahre später begann die Therapie mit drei oder vier verschiedenen Medikamenten, die den Ausbruch der Krankheit jahrelang verzögern konnten. Mittlerweile gibt es mehr als zwei Dutzend verschiedener Präparate. Im Gegensatz zu früher müssen Patienten nicht mehr unbedingt mit drastischen Nebenwirkungen wie Fettverteilungsstörungen oder Nervenschäden rechnen. Die antiretroviralen Therapien reduzieren die HI-Viren im Körper auf ein so niedriges Niveau, dass sie im Blut der Betroffenen nicht mehr nachweisbar sind. Eine Ansteckung – etwa durch sexuellen Kontakt – ist dann extrem unwahrscheinlich.

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Dazu veröffentlichte die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF) Anfang 2008 eine Erklärung. Das sogenannte EKAF-Statement war politisch höchst brisant, besagte es doch, dass HIV-infizierte Menschen unter wirksamer antiretroviraler Therapie auf sexuellem Weg nicht ansteckend seien – vorausgesetzt, sie führten ihre Therapie erfolgreich durch und hätten keine anderen sexuell übertragbaren Infektionen. „Dieses Statement gilt als ein Meilenstein im Umgang mit der Krankheit“, sagt Jochen Drewes. So haben etwa die guten Aussichten, mit einer entsprechenden Therapie ein vergleichsweise normales Leben führen zu können, bewirkt, dass mittlerweile viele HIV-Patienten schon früh mit einer antiretroviralen Therapie beginnen.

Ob das Wissen um diese Möglichkeiten auch bei anderen Menschen zu einem Umdenken führen kann, hat Drewes in seiner Dissertation untersucht. Er wollte herausfinden, ob Fakten, wie sie etwa das EKAF Statement beschreibt, zu einer Entstigmatisierung von Menschen mit HIV beitragen können. Um seine Hypothese zu überprüfen, führte Drewes ein Online-Experiment durch. Mehr als 700 heterosexuelle Männer und Frauen wurden zu ihrer Einstellung zu HIV-positiven Menschen befragt. Die Hälfte bekam vor der Befragung einen Text zu lesen, der über die heutigen antiretroviralen Therapiemöglichkeiten und die dadurch deutlich verringerte Ansteckungsgefahr informierte. Der anderen Gruppe fehlten diese Informationen. Danach bekamen alle Studienteilnehmer einen weiteren Text, in dem es um einen HIV-positiven Menschen ging. Eine Version der Beschreibung handelte von einem Betroffenen, der mit einer hohen Viruslast lebte, die andere von einem mit sehr niedriger Viruslast. Anschließend wurden alle Teilnehmer befragt, zu welcher Art von Kontakt sie mit den Betroffenen bereit wären.

„Mich interessierten vor allem zwei Verhaltensdimensionen – einmal eine eher soziale und dann die intime oder sexuelle“, sagt Drewes. Unter die soziale Dimension fielen alltägliche Aktionen wie Händeschütteln oder freundschaftliche Umarmung. Hier konnte Drewes keinen Unterschied feststellen zwischen den Studienteilnehmern, die mehr über die antiretroviralen Therapien wussten und denen, die dieses Wissen nicht hatten. „Das hängt vermutlich damit zusammen, dass es mittlerweile allgemein bekannt ist, wie gering das Ansteckungsrisiko bei sozialen Kontakten ist“, sagt Jochen Drewes. Wurden die Teilnehmer dagegen zu intimen Handlungen befragt – also etwa Geschlechtsverkehr oder einen Kuss auf den Mund – zeigte sich deutlich, dass die über Viruslast und Therapien informierte Gruppe eher bereit gewesen wäre, sich auf die Handlungen einzulassen.

„Es gehört Wissen dazu, Betroffene nicht zu stigmatisieren“, sagt Drewes. Ganz überraschend kamen die Ergebnisse für ihn nicht – ähnliche Effekte seien auch aus Studien zu psychischen Krankheiten bekannt. Die Gefahr, dass das Wissen um den durchschlagenden Erfolg antiretroviraler Therapien wichtige Fortschritte in der Prävention torpedieren könnte, sieht Drewes nicht. „Viele HIV-Aufklärungs- oder Safer-Sex- Kampagnen arbeiten bis heute mit Panikmache und setzen auf Angst. Dabei bräuchte es dringend eine Entdramatisierung von HIV.“

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Zeitgemäße Aufklärungskampagnen zum Thema HIV müssten deshalb noch mehr auf Fakten setzen, ist Drewes überzeugt. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sieht das ähnlich. Zumindest kann man den neuen Claim ihrer Plakatkampagne so verstehen. Lautete der bisher: „Ich mach’s mit“, folgte 2014 die Ergänzung: „Ich mach’s mit – Wissen & Kondom“. Die Auswirkungen antiretroviraler Therapien werden Drewes auch in diesem Jahr noch beschäftigen. Er leitet die 10. Wiederholungsbefragung Schwule Männer und HIV/AIDS, die von der BZgA gefördert wird. Bei der Studie, die bis September 2014 lief, steht diesmal das „Risikomanagement in den Zeiten der Behandelbarkeit von HIV“ im Mittelpunkt. Schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben, sind nach wie vor überdurchschnittlich von HIV/AIDS betroffen.

Mehr als 16.000 Männer nahmen an der Online-Befragung teil. Von den Ergebnissen der Trendstudie erhoffen sich Jochen Drewes und seine Mitarbeiter auch Erkenntnisse darüber, ob und wie das Wissen um die Therapiemöglichkeiten das Risikoverhalten beeinflusst. Und in welchem Ausmaß die bis dato geltende Maxime vom „Safer Sex“ anderen Strategien zur Reduzierung des HIV-Übertragungsrisikos weicht. So wurden Studienteilnehmer zum Beispiel befragt, ob sie schon einmal bewusst ungeschützten Verkehr mit einem HIV-Infizierten hatten, weil dessen Viruslast unter der Nachweisgrenze war. Neue medizinische Erkenntnisse ermöglichen neue Wege in der HIV-Prävention. Gerade deswegen seien Prävention und Aufklärungsprogramme nach wie vor wichtig, sagt Drewes: „Hier müssen Forschung und Prävention Schritt halten, um diesen Prozess vorausschauend begleiten zu können.“


Der Wissenschaftler

Dr. Jochen Drewes

Jochen Drewes ist Diplom-Psychologe und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Public Health: Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung der Freien Universität. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit psychosozialen Aspekten von HIV/AIDS, der Prävention von HIV und anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen und gesundheitsbezogener Stigmatisierung. Aktuell leitet er unter anderem ein Projekt, dass sich mit der Lebenssituation und dem Risiko- und Schutzverhalten schwuler Männer in Deutschland beschäftigt.

Kontakt: Freie Universität Berlin, AB Public Health: Prävention und psychosoziale Gesundheitsforschung (PPG) E-Mail: jochen.drewes@fu-berlin.de

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