Exklusive Universitäten

An Hochschulen in Lateinamerika gehört Ausgrenzung zum Alltag. Das Forschungsprojekt MISEAL setzt sich für die Inklusion benachteiligter Gruppen ein.

10.04.2014

Fußball spielen wie Ronaldinho oder singen wie Milton Nascimento: Wenn dunkelhäutige Brasilianer zu Geld und Ansehen gelangen, dann meist als herausragende Sportler oder Künstler. Nur wenige schaffen es, einen Beruf zu ergreifen, der akademische Bildung erfordert. Eine Bürgerrechtsbewegung kämpft dafür, dass es künftig mehr schwarze Ärzte, Unternehmer und Wissenschaftler gibt – mit wachsendem Erfolg. In den vergangenen Jahren haben sich im Bildungswesen verschiedene Gleichstellungsprogramme etabliert. Während bislang im Hörsaal vornehmlich die Kinder der hellhäutigen Elite saßen, reservieren viele Hochschulen nun 20 Prozent ihrer Studienplätze für Afro-Brasilianer.

Das Forschungsprojekt MISEAL setzt sich für die Inklusion benachteiligter Gruppen an lateinamerikanischen Universitäten ein.
Das Forschungsprojekt MISEAL setzt sich für die Inklusion benachteiligter Gruppen an lateinamerikanischen Universitäten ein. Bildquelle: istockphoto/Pgiam

Dass die Quote mehr Gerechtigkeit garantiert, ist jedoch umstritten: „Die Programme haben die besten Absichten, und doch produzieren sie neue Ungleichheiten. So haben wir in einer Studie am Beispiel der Universität in der südbrasilianischen Stadt Campinas gezeigt, dass schwarze Frauen gegenüber schwarzen Männern benachteiligt werden“, sagt Martha Zapata Galindo, Privatdozentin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität.

Gemeinsam mit der Professorin Maria Conceição da Costa von der Universidade Estadual de Campinas koordinieren Zapata Galindo und ihre Kollegin Marianne Braig, Professorin für Politikwissenschaft, das Verbundprojekt MISEAL. Es sich der Inklusion von benachteiligten Gruppen an Hochschulen Lateinamerikas.

Bildung ist teuer. Nicht alle können sich das leisten

Frauen- und Geschlechterforscherinnen zwölf lateinamerikanischer und vier europäischer Universitäten untersuchen im Rahmen des Projekts Wege, allen gesellschaftlichen Gruppen gerechte Chancen auf einen Studienplatz zu ermöglichen. In Brasilien müssen Bewerber schwierige Aufnahmeprüfungen bestehen, um einen Studienplatz zu bekommen. Wer es sich leisten kann, bereitet sich in Kursen privater Anbieter darauf vor. Das ist nur einer der Vorteile, die Kinder der oberen Gesellschaftsschichten genießen.

Die meisten von ihnen besuchen kostenpflichtige Privatschulen, die ein höheres Ansehen haben als die chronisch unterfinanzierten öffentlichen Schulen. Sie sind dadurch weitaus besser auf ein Hochschulstudium vorbereitet. Ähnlich ist es in vielen anderen lateinamerikanischen Ländern.

Diskriminierungsmuster aufdecken

Ob ein Studienbewerber eine öffentliche oder eine Privatschule besucht hat, ist nur einer der Faktoren, die die Wissenschaftlerinnen des Forschungsprojektes MISEAL interessieren. Sie erheben zahlreiche Daten und werten diese aus, darunter Geschlecht, Hautfarbe, Ethnizität, Alter, sexuelle Orientierung und sozialer Status. „Diese Kategorien dienen als Indikatoren von Ungleichheit. Anhand von ihnen decken wir wiederkehrende Muster der Diskriminierung auf “, erläutert Zapata Galindo.

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Die Merkmale werden nicht nur einzeln erfasst, sondern in ihrer Verflechtung miteinander analysiert. Dieser „intersektionale“ Ansatz erlaubt einen differenzierten Blick auf die ungleichen Zugangschancen von Bewerbern. Für jede der beteiligten lateinamerikanischen Universitäten geben die Forscherinnen dann Empfehlungen für ein gerechteres Zulassungsverfahren.

MISEAL bringt Expertinnen für Gleichstellungspolitik hervor

Das Projekt hat im Januar 2012 begonnen und wird über drei Jahre mit 2,5 Millionen Euro von der Europäischen Union gefördert, die Hochschulen selbst beteiligen sich mit insgesamt 600.000 Euro. Neben Maßnahmen zu einer gerechteren Vergabe von Studienplätzen entwickeln die Wissenschaftlerinnen ein transnationales Doktorandenprogramm, in dem Experten für soziale Inklusion und Gleichstellung ausgebildet werden.

„Die Universitäten brauchen nicht nur Empfehlungen, sondern auch Personal, das die Gleichstellungspolitik umsetzen kann“, sagt Zapata Galindo. Zudem ist ein Netzwerk zum Austausch und zur Beratung zwischen europäischen und lateinamerikanischen Universitäten entstanden. Die Probleme in den beteiligten Ländern seien grundsätzlich ähnlich, wenn auch die betroffenen Gruppen unterschiedlich seien, sagt Zapata Galindo.

Die Quote allein bringt den diskriminierten Ethnien wenig

Brasilien nimmt mit seinem hohen Anteil an Schwarzen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung bezeichnet sich als afrikanischer oder gemischter Herkunft – eine Sonderstellung in Lateinamerika ein. In vielen anderen Ländern geht es beim Thema Gleichstellung vor allem um die indigenen Völker, die noch immer in Entscheidungsprozessen und in wichtigen Institutionen unterrepräsentiert sind. Doch die Forscherinnen des Projektes raten den Universitäten davon ab, allein eine Quote für bestimmte Ethnien einzuführen. „Das Thema Diskriminierung ist komplexer“, sagt Zapata Galindo.

Deutsch-lateinamerikanischer Austausch zur Geschlechtergerechtigkeit

Martha Zapata Galindo und Marianne Braig diskutieren mit ihren Kolleginnen auch über die deutschen Erfahrungen mit dem Thema Chancengerechtigkeit. Die lateinamerikanischen Wissenschaftlerinnen seien oft erstaunt, dass Deutschland von einer Gleichstellung der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen noch weit entfernt sei, sagt Zapata Galindo.

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„Wir sind zwar weiter als die lateinamerikanischen Länder, aber die Situation ist auch hier nicht rosig.“ So stagniere der Frauenanteil bei den Professuren bei 30 Prozent, überdurchschnittlich viele Professorinnen hätten befristete Stellen. Der Anteil der Arbeiterkinder unter den Studierenden sei seit den 60er Jahren sogar gesunken, Schüler mit Migrationshintergrund schafften es nach wie vor nur selten an die Hochschule.

Die gebürtige Mexikanerin wünscht sich deshalb, dass auch deutsche Hochschulen Merkmale wie Migrationshintergrund und Sozialstatus erfassen und ihr Zulassungsverfahren ändern, um benachteiligten Gruppen bessere Chancen auf einen Studienplatz zu ermöglichen. Denn ob ein Jugendlicher Hilfsarbeiter oder Führungskraft wird, sollte nicht von seiner Herkunft abhängen, meint sie.


MISEAL

Das Verbundprojekt MISEAL, das vom Lateinamerika-Institut gemeinsam mit der Universidade Estadual de Campinas koordiniert wird, befasst sich mit sozialen Ungleichheiten im lateinamerikanischen Hochschulsystem. MISEAL steht für „Medidas para la inclusión social y equidad en Instituciones de Educación Superior en América Latina“ und wird an der Freien Universität von der Politikwissenschaftlerin Professorin Marianne Braig und der Privatdozentin Dr. Martha Zapata Galindo geleitet. Im vergangenen Jahr verlieh das Präsidium der Freien Universität dem Verbundprojekt für sein „vielseitiges und stetes Engagement für die Frauen- und Geschlechterforschung in Lehre und Forschung, Hochschulpolitik und Wissenstransfer“ den mit 15.000 Euro dotierten Margherita-von-Brentano-Preis. Die nach einer bedeutenden Philosophin und Professorin an der Freien Universität benannte Auszeichnung ist einer der renommiertesten und höchstdotierten Frauenförderpreise in Deutschland.

Im Internet: http://www.miseal.org/


Die Wissenschaftlerin

PD Dr. Martha Zapata Galindo

Wer spannende Details über die Geschlechterforschung und Gleichstellung in Lateinamerika und der Karibik erfahren will, ist bei Dr. Martha Zapata Galindo genau richtig: Die Wissenschaftlerin lehrt im Gender-Profil des Masterstudiengangs Interdisziplinäre Lateinamerikastudien und forscht über soziale Inklusion und Gleichstellung in lateinamerikanischen Universitäten, Intersektionalität und feministische Theorie, Frauen- und feministische Bewegungen, Geschlechtergerechtigkeit und Demokratisierung sowie Zirkulation von Wissen und kulturelle Praktiken in karibischen Raum.

Ihr Tipp: „Ich denke, dass Brasilien sehr gute Chancen hat, Weltmeister zu werden.“

Kontakt:

Freie Universität Berlin

Lateinamerika-Institut

E-Mail: mizg@zedat.fu-berlin.de

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