Von Eingeborenen und Einwanderern

Wissenschaftler der Freien Universität untersuchen, wie die neuen Medien Gesellschaft und Politik verändern

13.12.2013

Katzen-Videos, Klickstrecken und „Gefällt mir!“: Dass diese Vokabeln vielen Menschen mittlerweile etwas sagen, zeigt, wie sehr das Internet unsere Gesellschaft verändert hat. Doch während sich weltweit mehr und mehr Menschen in sozialen Netzwerken tummeln, mangelt es realen Organisationen wie Parteien und Gewerkschaften an Nachwuchs. Das liege auch daran, dass viele Politiker noch immer mit dem Internet fremdeln, sagt der Medienwissenschaftler Professor Martin Emmer von der Freien Universität Berlin. Um wieder attraktiver zu werden, bleibt den Parteien seiner Ansicht nach nur eines: Sie müssen sich selbst einem Wandel unterziehen.

Wie verändern neue Medien die Gesellschaft und die Politk?
Wie verändern neue Medien die Gesellschaft und die Politk? Bildquelle: istockphoto/pReTeNdEr deutsch.istockphoto.com/stock-photo-20639822-anonymous-protesters.php?st=31be578

Sie vergrößern Fotos mit zwei Fingern, blättern mit Gesten durch digitale Bilderbücher und finden ihre Lieblingsspiele problemlos zwischen Papas Bürosoftware. Schon Kleinkinder hantieren fachmännisch mit Tablet- Computern und Smartphones. Das dokumentieren viele Eltern mit Videos bei Youtube. Manche stellen ihre Sprösslinge auch vor eine besondere Herausforderung: klassische Zeitschriften aus Papier. Das Resultat sind verwirrt bis enttäuscht dreinblickende Kinder, die mit den vom Tablet gewohnten Handbewegungen versuchen, Seiten umzublättern oder gedruckte Fotos anzuklicken.

„Ein gedrucktes Magazin ist ein iPad, das nicht funktioniert“, betitelte ein Nutzer ein solches Video. Ist dieses Nutzungsverhalten der jungen Generation der Anfang vom Ende unserer traditionellen Medien? Und wie lange können Ältere noch Schritt halten mit den Veränderungen der Medienlandschaft, die im Wochentakt neue Geräte und Kommunikationsmöglichkeiten hervorzubringen scheint?

Vor diesen Fragen steht man zwangsläufig angesichts des medialen Wandels, der in vollem Gange ist: „Es ist ja nicht nur so, dass 17-Jährige ganz andere Medien nutzen als 60-Jährige“, sagt Martin Emmer, Professor für Kommunikationswissenschaft und Geschäftsführen der Direktor des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Freien Universität. „Dazwischen gibt es weitere sehr feine Grenzen: Studierende berichten zum Beispiel, dass jüngere Geschwister bereits wieder ganz anders kommunizieren als sie selbst.“

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Die viel zitierte Zweiteilung in digitale Eingeborene und Einwanderer – Digital Natives und Digital Immigrants – greift damit eigentlich zu kurz. Die Grenze zwischen den beiden Gruppen wird meist um den Geburtsjahrgang 1975 herum gesehen: Wer jünger ist, gilt als vertraut mit den neuen Medien, während sich die älteren „Einwanderer“ erst im Erwachsenenalter in die schöne neue Welt des Internets und der digitalen Technologien einleben.

Seit Beginn der 1990er Jahre geht daher auch die Angst vor einer „digitalen Kluft“ (digital divide) um: Demnach entscheidet ein Internetzugang über Wissen und Nichtwissen, sowohl individualgesellschaftlich als auch global betrachtet. Für Martin Emmer ist die unterschiedliche Mediennutzung der Menschen vor allem in Hinblick auf die Politik von Interesse. Der Wissenschaftler hat in verschiedenen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekten über politische Online- Kommunikation geforscht.

Dabei ging er etwa der Frage nach, wie sich die neuen Technologien auf die Mobilisierung von Bürgern auswirken. Bis 2011 war Emmer auch an der Langzeitstudie „Bürger online – Die Entwicklung der politischen Online-Kommunikation in Deutschland“ beteiligt, bei der die Internetnutzung der Deutschen im Fokus stand. Zentrale demokratische Prozesse wie Wahlen werden nach Einschätzung des Wissenschaftlers in Deutschland erst wenig vom Internet beeinflusst: „Die digitalen Eingeborenen sind momentan noch nicht ausschlaggebend.“ Denn noch stellt die ältere Generation den größeren Wähleranteil.

Dass sich das ändern wird, ist abzusehen, gerade weil sich die Gruppe der Jüngeren und Gebildeten immer häufiger im Netz mit politischen Informationen versorgt. Kein Wunder, dass es für Parteien und Politiker mittlerweile selbstverständlich ist, im Internet Flagge zu zeigen. Emmer stellt ihnen jedoch kein allzu gutes Zeugnis aus: „Die großen Parteien haben zehn Jahre verschlafen“, sagt der Wissenschaftler. Erst in jüngster Zeit hätten sie den Bedarf erkannt. Mittlerweile veröffentlicht auch Peer Steinbrück bei Facebook regelmäßig Fotos seiner handschriftlich verfassten Notizen oder Bilder, auf denen er Bürgern die Hände schüttelt. Und Angela Merkel verbreitet Video- Ansprachen via Youtube. Die jeweiligen Pressesprecher und Social-Media-Teams halten Interessierte mit digital verbreiteten Neuigkeiten auf dem Laufenden.

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Doch gerade Jugendliche hätten sich im Netz längst anderen Gruppen zugewandt, sagt Emmer: „Da spielen Parteien und Gewerkschaften überhaupt keine Rolle. Es sind eher soziale Bewegungen wie Occupy oder auch Umweltschutzgruppen, die junge Menschen erreichen.“ Sie schlössen sich eher themenorientierten Initiativen an. Parteien würden hingegen eher als „große Tanker“ empfunden, bei denen der Einzelne nur wenig ausrichten kann, sagt Emmer. Seine Prognose: Nur durch einen Wandel können sie wieder an Attraktivität gewinnen. So erreichen aktuelle Politik- und Parteiangebote vor allem Ältere.

Jüngere würden möglicherweise auch dadurch von größerem Engagement abgehalten, dass Wähler hierzulande online kaum direkt mitwirken können: „Zwischen dem Wahl- und Parteiensystem und den Strukturen im Netz gibt es wenige Gemeinsamkeiten“, sagt Emmer. In den USA sei dies auf Grund des politischen Systems anders. Bei der Präsidentschaftswahl etwa spielten Parteiorganisationen nur eine geringe Rolle, die Person des Präsidenten dafür eine umso größere. Soziale Medien, in denen persönliche Ansprache, Fotos und Meinungen gefragt sind, eigneten sich deshalb bestens für die Kommunikation der Kandidaten mit den Wählern.

Politik fremdelt mit dem Netz – nach wie vor

Hierzulande fällt es den Parteien und ihren Mitgliedern hingegen schwerer, online eine glaubwürdige Linie zu finden, sagt Emmer. Das liege allerdings nicht daran, dass der Großteil der Politiker etwa bei Twitter oder Facebook nicht persönlich aktiv sei, sondern von Mitarbeitern vertreten werde. Vielmehr mangelt es Emmers Einschätzung zufolge an einer organisierten, umfassenden Auseinandersetzung mit dem Geschehen im Netz. „Für Politiker sind soziale Medien oftmals eine Pflichtaufgabe, sie sehen es als Teil von Wählerarbeit und PR“, sagt der Medienwissenschaftler.

Auf Portalen wie „Abgeordnetenwatch“, über die Bürger mit Abgeordneten und Kandidaten öffentlich in Kontakt treten können, sei nur ein relativ kleiner Kreis aktiv. Schließlich ist das Online-Verhalten aber auch eine Frage des Alters: „Von den heute etablierten Politikern sind wenige mit den Mechanismen vertraut“, sagt Emmer.

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Andernorts blühe hingegen das Angebot im Netz, weil die Menschen nach alternativen Informationsangeboten suchten: „Asien und zum Teil sogar Afrika sind uns in Sachen Smartphone- und Facebook-Nutzung weit voraus“, sagt Emmer. „Auch in den USA zeigt sich, dass reine Online-Medien großes Renommee und viel Aufmerksamkeit erlangen.“

Als Paradebeispiel gilt etwa die Huffington Post: Das Newsportal war ursprünglich ein Blog und erhielt 2012 als erste Onlinezeitung den Pulitzer Preis. Heute stelle die Seite eine viel beachtete Gegenöffentlichkeit dar, sagt Emmer. Die deutsche Ausgabe der Huffington Post hat diesen Status noch nicht.

Whistleblower als Pioniere

Dennoch: In Zukunft werde das Netz auch hier den politischen Wandel antreiben, prognostiziert der Wissenschaftler. Fälle von „Leaking“, also der inoffiziellen Veröffentlichung sensibler Informationen – auch über das Netz – werden seiner Ansicht nach den politischen Betrieb prägen. Whistleblower wie Julian Assange und Edward Snowden sind also Pioniere einer Zeit, in der bisher geheime Dokumente nur noch wenige Mausklicks von der Öffentlichkeit entfernt sind.„Parteien und Politiker verlieren damit an Kontrolle“, sagt Emmer.

Dementsprechend groß sei auch ihre Angst vor Kritik, die sich zum Shitstorm auswachsen kann. Gleichzeitig ist das Internet schnelllebig: Hohe Wellen der Empörung ebben oftmals nach kurzer Zeit wieder ab, ein Skandal wird durch den nächsten abgelöst. Außerdem sorgt die Vielfalt des Internets für eine gespaltene Öffentlichkeit – je nach dem individuellen Nutzungsverhalten erreichen Informationsangebote im Netz nur eine überschaubare Teilöffentlichkeit.

Was aber bedeutet das multimediale Multikulti für die politische Kommunikation in den kommenden Jahren? Vielleicht entwickele sich in den sozialen Netzwerken eine Kultur, die einen toleranteren Umgang mit zum Beispiel Shitstroms und anderen emotional aufgeheizten und doch so kurzlebigen Phänomenen zulasse, hofft Emmer. Eines jedenfalls ist sicher: Für die Kinder von heute werden die Antworten auf diese Fragen zum Rüstzeug für die digitale Welt von morgen gehören.

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Um so mehr setzte die Piratenpartei die etablierten Parteien unter Zugzwang. Der Partei, die sich als Interessenvertretung der „digitalen Eingeborenen“ versteht, attestiert Emmer die Glaubwürdigkeit und Offenheit, die der politischen Konkurrenz oftmals fehlt. Vor allem im Umgang mit dem Netz. „Dass wirklich jeder mitmachen kann, ist dort nicht nur eine leere Phrase“, sagt der Wissenschaftler. Ob sich das nun im politischen Alltag bewähre oder nicht – die Software „Liquid Feedback“ zur politischen Meinungsbildung und Entscheidungsfindung etwa, die von den Piraten genutzt und viel diskutiert wurde, habe auch Parteien wie die SPD und die Grünen inspiriert.

Intern nutzten sie mittlerweile ebenfalls ähnliche Formate, die den „Usern“ eine direkte Beteiligung ermöglichen. Doch selbst hier stellt sich für den Kommunikationswissenschaftler die Frage der Glaubwürdigkeit: „Nur ein Forum freizuschalten reicht in meinen Augen nicht aus, um wahres Interesse an einem parteiinternen oder -externen Dialog zu zeigen“, sagt Emmer. Womit sollen die Parteien also online punkten? Im Wahlkampf etwa beobachtete Emmer in sozialen Medien wenig Innovatives, sondern vor allem „klassische Top-down-Geschichten“: Inhaltliches dazu sei im Netz stets Teil übergeordneter Kommunikationsstrategien. Was man Online findet, könne man auch auf Wahlplakaten, Broschüren oder Flyern lesen.

Die Frage nach dem Alleinstellungsmerkmal, dem urständig „Digitalen“ in der politischen Kommunikation, stelle sich jedoch nicht nur Parteien. Schließlich hätten nur wenige politische Themen in Deutschland das Potenzial, in Online-Netzwerken tatsächlich behandelt zu werden. „Der Fall Guttenberg hat gezeigt, dass dort nur richtig große Skandale über Sprengkraft verfügen“, sagt Emmer. Zu Verfehlungen habe schließlich jeder eine Meinung: Indem diese unter den Netzfreunden immer weiter gestreut wird, kann die Kritik an Personen oder Institutionen schnell beachtliche Ausmaße annehmen. Als Pranger hat sich das Internet bewährt.

Blogger setzen Themen

Dass sich mittlerweile auch die klassischen Medien im Netz umtun, werde bei den Parteien häufig unterschätzt. Nicht nur Themen an sich, auch Debatten aus der Blogosphäre würden heute im Vergleich zu früher eher aufgegriffen, sagt Emmer, aber es gelinge den Bloggern nicht immer und mit allen Themen, auf sich aufmerksam zu machen. „Anders war das beim Thema Netzsperren und dem Anti-Produktpiraterie-Abkommen ACTA“, sagt Emmer. Der Zustand von Medienlandschaften ist für den Wissenschaftler mit ausschlaggebend, welchen Stellenwert das Internet und die sozialen Netzwerke in einem Land einnehmen: Der hiesige klassische Medienmarkt sei – allen Klagen zum Trotz – sehr differenziert und vielfältig.

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