Phoneme, Grapheme, Handball im Park

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Prof. Jacobs
Prof. Dr. Arthur Jacobs
Arthur Jacobs Foto: von Richthofen

Arthur Jacobs ist Professor für Psycholinguistik, erforscht das Lesenlernen an der Basis und weiß, dass manche Forschungsergebnisse nicht immer hilfreich sind

Wissen Sie noch, wie Sie lesen gelernt haben?

Nein. Ich weiß es nicht mehr. Wenn wir uns daran erinnern könnten, würden wir wohl besser verstehen, wie es funktioniert. Allerdings hat man in Deutschland bislang wenig getan, das Lesenlernen zu erforschen. Unterdessen werden der aktive und der passive Wortschatz immer reduzierter, doch um den zunehmenden Verlust an Kulturtechnik besonders bei den so genannten bildungsfernen Schichten scheint man sich im Land der Dichter und der Denker nicht zu kümmern. Und abgesehen von verfehlten Chancen im Arbeitsmarkt: Das Lesen formt die Seele. Man macht sich gar keine Vorstellung darüber, was es bedeutet, wenn jemand in einer Schriftkultur wie der unseren nicht richtig lesen kann.

An den Schulen gibt es zahlreiche Tests und Trainingsangebote. Es wird doch, gerade seit PISA, viel getan, um diese Defizite zu beseitigen.

Viele Tests und Trainingseinheiten beruhen auf Untersuchungen aus dem angelsächsischen Sprachraum und werden nach der Übersetzung in den Schulen ohne weitere sprachvergleichende Studien eingesetzt. Man kann aber diese Befunde nicht einfach von einer Sprache auf die andere übertragen, genau so wenig wie bei Intelligenz- oder Alzheimertests. Eine der Folgen ist, dass nach wie vor viele Lese- und Leistungsstörungen wie "spezifische Sprachbeeinträchtigung" oder Dyslexie bei Kindern zu spät entdeckt bzw. nicht richtig behandelt werden.

Warum kann man solche Verfahren nicht ohne Weiteres verwenden?

In verschiedenen Sprachen wird Lesen unterschiedlich gelernt. Im Deutschen wird meist gesprochen wie geschrieben. Es ist also nicht sehr problematisch, die Phoneme, also die kleinsten bedeutungsscheidenden Sprachlaute, mit den Graphemen, Buchstaben oder Buchstabengruppen, in Korrespondenz zu setzen. Deshalb lernen deutschsprachige Kinder auf der Basisebene: ein Graphem, ein Laut. Im Englischen macht das keinen Sinn. 40 Phoneme müssen auf 26 Buchstaben abgebildet werden. In den Wörtern ball, hand und park wird das /a/ jeweils anders ausgesprochen. Wenn man aber im Deutschen Handball im Park spielt, spricht man immer dasselbe /a/. Englischsprachige Kinder benutzen daher beim Lesenlernen größere Einheiten, Reime oder ganze Wörter. Wegen dieser Unterschiede ist eine Vielzahl der sprachgebundenen Forschungsergebnisse nicht aufs Deutsche übertragbar. Wir entwickeln deshalb Verfahren, die den sprachspezifischen Bedingungen beim Lesenlernen gerechter werden und in sprachvergleichenden Untersuchungen geprüft sind, beispielweise in einer aktuellen Studie zur Rolle von Silben beim Lesen in Deutschland, Spanien und Frankreich.

Sie sind Leiter des Exzellenzclusters Lehr-Lernforschung an der FU. Wie muss man denn ihrer Ansicht nach an die Sache herangehen?

Man muss interdisziplinär arbeiten. Die Spaltung in Neuro- und Sozialwissenschaften ist nicht gut. Deshalb arbeiten in unserem Cluster Neurobiologen und Germanistinnen, Romanisten und Pädagogen sowie Psychologen und Informatiker zusammen. Menschliches Erleben und Verhalten sind nun einmal ein Ganzes, das sinnvoll nur im Zusammenspiel aller seiner Lebensäußerungen und Funktionen erfasst werden kann: neurokognitiv und sozial-emotional. Wenn man denn überhaupt die Trennung in Natur- und Geisteswissenschaften beibehalten will, dann liegt ein wichtiger Beitrag der Geisteswissenschaften darin, logische Fehler der Hirnforschung zu korrigieren, wie etwa den Versuch, historische Produkte der sozialen Konstruktion wie Moral oder freien Willen ursächlich bestimmten neuronalen Vorgängen einzelner Gehirne zuzuschreiben.

Die Fragen stellte Susanne Weiss.