Wasserwerke

Die fließenden Unterwelten von Berlin

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Referenz an den Untergrund: Viele Berliner Straßennamen erinnern an die schwimmende Lage der Stadt Bildquelle: Gottschalk

Berlin ist eine Wasserstadt. Die großen Gebäude im Zentrum stehen auf Pfählen wie zum Beispiel Reichstag oder Staatsbibliothek, Spreeathen hat mehr Brücken als Venedig, das Grundwasser steht an manchen Stellen zwei Meter unter dem Pflaster, und eiszeitliche Torflinsen machen das Bauen außerdem schwer.

Der Vorteil: Berlin ist immer ausreichend mit Trinkwasser versorgt, ein bis zwei Drittel der Wassermenge des Bodensees fließen durch Sand und Kies. Kenner der ständig im Fluss befindlichen Situation sind die Hydrogeologen. Andreas Schlüter war einer der großen preußischen Baumeister. Sein bekanntestes Werk ist das Bernsteinzimmer. Ab 1701 angefertigt, wurde es 1716 dem russischen Zaren Peter dem Großen geschenkt. Von 1702 bis 1704 war Schlüter Direktor der Akademie der Künste. Bereits 1694 hatte man ihn nach Berlin berufen, Zwei Jahre darauf schuf er die Schlusssteinreliefs – sterbende Krieger – im Innenhof des Berliner Zeughauses, die als Anklage gegen den Krieg verstanden werden, während er an den Außenwänden des Zeughauses den Krieg feierte.

Die großen Fragen von Krieg und Frieden ließen den großen Baumeister unbeschadet. Zum Verhängnis wurde ihm eine Torflinse. 1706 fiel nur wenige Tage nach der Fertigstellung sein Münzturm vor dem Berliner Schloss in sich zusammen, weil er auf mürbem torfigem Untergrund stand. Der König war so erbost über dieses Desaster, dass Schlüter es vorzog nach St. Petersburg zu fliehen.

Andreas Schlüter hatte mit einer eiszeitlichen Tücke zu kämpfen. Die kleinen Niedermoore, die in sandigen Senken die Form einer Linse annehmen und sich von außen nicht erkennbar zwischen Sand und Ton verstecken, halten dem Druck eines darauf errichteten Gebäudes nicht stand. Aber nicht nur wegen der Torflinsen ist der Berliner Untergrund schwieriges Baugelände, besonders in der Mitte der Stadt.

„Das Zentrum der Stadt liegt mitten im Warschau-Berliner Urstromtal“, erklärt Dr. Thomas Taute vom Arbeitsbereich Hydrogeologie am Fachbereich Geowissenschaften. Und dort steht das Wasser heute wieder zwei Meter unter dem Pflaster. Die Berliner Landschaft stammt aus der jüngsten Vereisungsphase der Eiszeit, und noch vor etwa 20.000 Jahren lag das Areal unter einer hunderte Meter dicken Eisschicht. Als der Gletscher schmolz, entstand vor ca. 18.000 Jahren das Urstromtal. „Als Siedlungsfläche ist es ideal“, meint Taute, zumal an seiner schmalsten Stelle. Man hat Wasseranschluss – die Spree fließt von Ost nach West hindurch – und durch den Inselcharakter lässt es sich gut verteidigen. Und so entstand an einer Stelle mit schwierigem Grund eine Stadt, die halb im Wasser steht und das zumeist auf Pfählen. Wer sich an Venedig erinnert fühlt, hat nicht ganz unrecht. Es gibt aber einen Unterschied: Venedig hat weniger Brücken als Berlin, dafür ein paar Paläste mehr.

Schwimmende Paläste

Der Palast der Republik steht mit den tiefen Kellern im Grundwasser, ganz wie ein Schiff. Je weiter der „selektive Rückbau“ des Palastes voranschreitet, umso mehr muss das Gebäude beschwert werden. Man pumpt Wasser und Sand in die Keller. „Würde man das nicht tun, bekäme das ‚Schiff’ Auftrieb“, sagt der Hydrogeologe. „Darunter entstünden dann Freiräume, und das Wasser, das normalerweise sehr langsam durch den Sand strömt, würde dort hineinschießen“. Dieser Prozess zöge alle umliegenden Gebäude in Mitleidenschaft. „Der Dom würde sich wohl ein bisschen setzen“, sagt Taute. Und das kann später Risse im Gemäuer geben.

Überall in Mitte haben die Gebäude eine sehr aufwändige Gründung. Das heißt, sie stehen auf Pfählen, die weit durchs Grundwasser hindurch in den Boden getrieben wurden. In früheren Zeiten verwendete man Eichenpfähle. Diese Gründung muss nun nach und nach äußerst aufwändig saniert werden. „Solange das Holz im sauerstofffreien Grundwasser steht, ist es immens haltbar“, erklärt Taute. Doch im Laufe des späten 20. Jahrhunderts sank der Berliner Grundwasserspiegel erheblich – eine Folge reger Bautätigkeiten und hohen Wasserverbrauchs. Die Eichenpfähle vieler Gebäude fielen trocken und begannen zu modern. Beim Reichstag geschah dies vor allem durch die Grundwasserabsenkung beim Bau des Tiergartentunnels.

Nun steht er auf Beton statt auf Eiche. Derzeit kehrt der Grundwasserstand auf sein natürliches Niveau zurück. Die Großbaustellen werden weniger, und der Wasserverbrauch ist stark gesunken. Ein Berliner verbraucht heute nur noch 180 Liter am Tag, während es vor der Wende 220 Liter im Westen und 320 Liter im Osten waren – in der DDR war das Wasser umsonst. Bei den Häusern, die man in dieser „Trockenzeit“ baute, laufen heute die Keller voll.

von Leo Karby

Grundwasser, Brunnen und „Swimming Pools“ Berlin ist mit Trinkwasser gut versorgt. Die wasserführenden Sande und Kiese unter Berlin können ein bis zwei Drittel der Wassermenge des Bodensees speichern. Aber nicht alles Süßwasser ist trinkwassertauglich. Im Arbeitsbereich Hydrogeologie am Fachbereich Geowissenschaften wird unter anderem zum Berliner Trinkwasser geforscht. In verschiedenen Projekten untersucht man das Eindringen von Schadstoffen aus den Oberflächengewässern in den Boden und ins Trinkwasser sowie den Einbruch von Salzwasser ins Grund wasser. Solche Arbeiten sind wichtig für den Aufbau eines optimalen Wassermanagements für Berlin. Wer einmal das Berliner Trinkwasser besichtigen möchte, dem empfiehlt Thomas Taute einen Besuch der Berliner Wasserwerke. Die Reinwasserbehälter sehen aus wie große unterirdische Swimmingpools, enthalten aber nur jeweils das aktuell zur Versorgung der Millionenstadt benötigte Wasser. Je nach Verbrauch arbeiten unterschiedlich viele der insgesamt ca. 800 Trinkwasserbrunnen, von denen nur in absoluten Spitzenverbrauchszeiten ein Großteil anläuft. Alles in allem wäre das Berliner Trinkwasserversorgungssystem (Brunnen, Wasserwerke, Pumpstationen, Klärwerke etc.) geeignet, einen mehr als doppelt so hohen Wasserbedarf wie den aktuellen zu decken, aber seit dem Mauerfall hat sich der Wasserverbrauch der Stadt etwa halbiert. (s.o.) Brunnen, die nicht ständig in Betrieb sind, „verockern“ – „Ocker“ ist das gleiche wie Rost: Es sind Ausfällungen aus dem Wasser, die einen Brunnen nach und nach verstopfen, und zwar in dem Moment, in dem das sauerrstofffreie Wasser mit der Luft in Berührung kommt. Gerade hat Thomas Taute ein Projekt zur Untersuchung von Ursachen, Wirkungen und Gegenmaßnahmen der Brunnenalterung bzw. Verockerung initiiert. Damit das Berliner Wasser seinen guten Ruf behält.