Der Gaúcho in den Zeiten des Mercosul

Eine Figur zwischen Geschichtsschreibung und Literatur

Gaucho
Gaucho in den Zeiten des Mercosul
Gaucho
Gaucho

Selten treffen scheinbare Gegensätze so hart aufeinander wie die kalte ökonomische Figur „Mercosur“, portugiesisch „Mercosul“ mit der romantisch überhöhten Figur des Gaúcho, der in Einsamkeit und Freiheit durch die Pampa streift. Beide überschreiten indessen Grenzen.

Der „Mercado Común del Sur“ (Gemeinsamer Markt des Südens) tut dies mit dem offiziellen Ziel, wirtschaftliche Entwicklungsprozesse seiner Mitgliedsländer zu beschleunigen. Die Gaúcho-Kultur definiert sich seit jeher über die staatlichen Grenzen hinaus. Ihre Angehörigen leben als Viehzüchter in der Pampa-Region, die sich über die Staaten Argentinien, Uruguay und Brasilien erstreckt.
Die „comarca pampeana“ ist die Welt der Rinder, der Estancias, aber auch der Grenzkriege. Sie ist die Welt des Gaúcho als historischer und als mythologischer Figur, einer Figur, die in Zeiten der Globalisierung ein neues Gesicht gewinnt.

Mythos

In der offiziellen brasilianischen Geschichtsschreibung vermischen sich die Herren über Land und Vieh mit den Hirten in einer einzigen Figur: dem Gaúcho, dem stolzen und ehrenhaften Helden. Seine Tugenden stehen für die Tugenden aller Bewohner von Rio Grande do Sul, dem südlichsten Bundesstaat Brasiliens. Sie alle sind Erben ruhmreicher Traditionen. Auch in der Literatur, im Film, in der volkstümlichen Musik und im Theater gibt es diese idealisierte Sicht. Manche Historiker, die diese Art der Geschichtsschreibung kritisieren, versuchen, die idealisierende Darstellung des Gaúcho auch deshalb zu entmythifizieren, weil der Mythos nur der Ausbeutung des Gaúcho durch die großen Landbesitzer gedient habe.

Gaúcho-Bibel

Ein exemplarischer Text ist „El Gaúcho Martín Fierro“, die sogenannte Gaúcho-Bibel, die von Brasilien, Uruguay und Argentinien für sich beansprucht wird. Es handelt sich um ein episches Gedicht des argentinischen Journalisten José Hernández, ursprünglich 1872 und 1879 in zwei Teilen herausgegeben. Martín Fierro ist das Emblem derjenigen, die bei der Modernisierung der ländlichen Regionen an den Rand gedrängt wurden. Seinem Beispiel folgend, stellt sich in Brasilien dem idealisierten Gesang des Gaúchos die Denunzierung seiner Marginalisierung entgegen, wie zum Beispiel im Werk von Alcides Maya und später in der bekannten Trilogie des „Gaúcho a pé“ (Der Gaúcho zu Fuß) von Cyro Martins. Er untersucht, was vom Gaúcho in den Randgebieten der Grenzstädte geblieben ist, als er keine Arbeit und kein Pferd mehr hat, die für ein freies – auch wenn diese Freiheit zu weiten Teilen illusorisch gewesen ist – und erfüllteres Leben auf der Ebene standen. Eine neuere Geschichte ist die eines kleinen Gaúcho-Jungen unter Menschen, die alles verloren haben. Sie lebten frei in der Pampa und wurden von den Großgrundbesitzern von ihrem Land vertrieben: „Heute ist unser Land so klein, dass wenn wir uns darauf hinlegen, unsere Köpfe in das Gebiet der Estancia reichen.“ Deshalb müssen sie stehenbleiben, wie Vogelscheuchen. Ein neues Bild des Gaúcho zu Fuß?

Romantische Figur des Gaúcho

Die Literatur hat zwar häufig eine Propagandarolle für die „romantische Identität” gespielt, zum Beispiel durch die Schaffung des Mythos vom männlichen, mutigen und treuen Gaúcho im Gegensatz etwa zum „Ausländer“ oder „Schwarzen“. Doch nicht nur die entmythifizierende Geschichtsschreibung konterkariert diese idealisierte Darstellung. Die Literatur selbst erfüllt eben diese Funktion. Sie klagt die Gewalt und die Diskriminierung an, denn sie setzt sich mit konkreten Menschen, Wesen aus Fleisch und Blut, im Grenzgebiet auseinander. So wird die Fiktion paradoxerweise oft realistischer als die romantisierte und idealisierte Sicht der abstrakten Integration, die im Rahmen der transnationalen Vereinigungen und internationalen Verträge – wie im Fall des Mercosul – stattfindet, die konkrete Menschen überrollt und die romantische Figur des Gaúcho in den kalten Raum der Ökonomie verfrachtet.

Prof. Dr. Lígia Chiappini Leite,
LAI, Brasilianistik