Unvergesslich gesund

Mit grünem Tee gegen Alzheimer

Grüner Tee
Mit grünem Tee gegen Alzheimer
Grüner Tee
Grüner Tee

Ein Salbeibonbon gegen Halsweh und der Kamillentee gegen die leichte Magenverstimmung sind in etwa das, was sich die meisten Menschen üblicherweise unter Pflanzenheilkunde vorstellen. Gegen „richtige“ Krankheiten muss man auch „richtige“ Medikamente einsetzen.

Dass pflanzliche Heilmittel bei Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes und Krebs ihren Einsatz finden, zeigt Prof. Matthias Melzig, der bei der Entwicklung innovativer Strukturen aus alten Heilpflanzen mit Partnern aus der Industrie zusammenarbeitet.

Grüntee-Trinker werden älter und erkranken seltener an einigen Krebsarten; das ist durch weltweite Vergleichsstudien belegt. „Auch gegen Alzheimer scheint grüner Tee vorzubeugen“, sagt Matthias Melzig, Professor für Pharmazeutische Biologie an der Freien Universität. In Ländern wie Japan oder China, wo besonders viel grüner Tee getrunken wird, leiden im Vergleich weniger Menschen an der Demenzerkrankung. Mit seiner Arbeitsgruppe hat Melzig den biologischen Effekt von Inhaltsstoffen der Teeblätter mit molekularpharmakologischen Methoden untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass ein Extrakt aus grünem Tee den Abbau derjenigen Eiweiße fördern kann, die bei Alzheimer-Patienten im Gehirn Plaques bilden und dadurch die Nervenzellen absterben lassen.

Das geschilderte Projekt ist typisch für den Ansatz der Arbeitsgruppe. Aus Heilpflanzen, deren volksheilkundliche Nutzung und Wirksamkeit bekannt sind, extrahieren die Forscher potenzielle Wirkstoffe und testen sie an den biologischen Molekülen, die bei dem zugehörigen Krankheitsbild eine Rolle spielen. Wirksame Extrakte werden dann an Zellkulturen und schließlich auch in Tierversuchen untersucht. So haben die Forscher auch einen Pflanzenextrakt entdeckt, der in der Diabetes- Therapie zum Einsatz kommen könnte. Das Wirkstoffgemisch stammt aus einer europäischen Heilpflanze, deren Namen Melzig erst nennen möchte, wenn die Patentrechte an der Anwendung gesichert sind. Im Reagenzglas hemmt der Extrakt das Enzym Amylase, ein molekulares Werkzeug, das im Darm Stärke in Zucker zerlegt. Blockiert man das Enzym, verlangsamt sich die Aufnahme von Zucker aus der Nahrung. „So kann man dem Blutzuckerspiegel die Spitzen nach der Nahrungsaufnahme abschneiden“, er klärt Melzig. Um die Wirksamkeit in vivo zu überprüfen, nahm er den Extrakt im Selbstversuch zu sich und kontrollierte anschließend seinen Blut zucker spiegel. Derzeit verhandelt er mit seinem Kooperationspartner über die Anmeldung eines Patents.

Neue Krebstherapie?

In einem anderen Projekt entwickelt die Arbeitsgruppe mit Krebsforschern der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin, einen pflanzlichen Wirkstoff, der die Effektivität einer neuen Krebstherapie erhöhen soll. Die Mediziner koppeln ihre Krebsmedikamente an Wachs tumsfaktoren, die an der Oberfläche der Tumorzellen andocken. Limitierender Faktor für die Wirksamkeit der Methode ist bislang jedoch die anschließende Aufnahme in die Tumorzelle, denn erst im Zellinneren kann das Medikament seine Wirkung entfalten. Bei einem Verwandten des Schleierkrauts hat Melzig Inhaltsstoffe gefunden, die den neuen Krebsmedikamenten den Eintritt in die Zelle erleichtern. Es handelt sich um Saponine, die mit der Zellmembran der Krebszellen interagieren und die Aufnahme des Medikaments im Reagenzglas um den Faktor 100.000 erhöhen konnten. Im nächsten Schritt soll nun die Wirksamkeit des Extraktes im Tierversuch überprüft werden.

Auch die Wirksamkeit von Grüntee gegen Alzheimer würde Melzig gerne durch klinische Studien belegen. „Das lässt sich aber nur in Lang zeitstudien machen, da die Erkrankung sich über viele Jahre entwickelt“, erklärt der Pharmazeut. Und solche Studien bedeuten einen zu hohen finanziellen Aufwand für die mittelständischen Unter nehmen der Phytopharmaka-Branche, die meist schon bei der Durchführung gewöhnlicher klinischer Prüfstudien an die Grenzen der Finanzierbarkeit stoßen. Um trotzdem solche Präparate wie Grüntee-Extrakt oder ein mögliches Diabetes-Mittel für Verbraucher oder Patienten verfügbar zu machen, ist Melzig mit potenziellen Kooperationspartnern aus der Industrie in Verhandlung getreten.

von Dietrich von Richhofen